
Der Traum von der ersten Million ist nur acht Kilobyte groß. Eine E-Mail, versandt von Markets.com. Man freue sich, dass ich mich für sie entschieden habe, schreibt die Dame aus dem Kundenservice. Ich freue mich auch, denn jetzt kann es losgehen. Markets.com ist eine Online-Handelsplattform für Daytrader; für Anleger, die versuchen, aus Geld noch mehr Geld zu machen. Und das in kurzer Zeit.
„In 20 Minuten können Sie traden! Auch für Einsteiger geeignet“, wirbt die Plattform. Also genau das Richtige für mich. Klar, ich weiß, wo der Dax steht, und kenne auch Dollar-Kurs und Ölpreis. Aber dann hört es fast schon auf. Ich investiere nicht an der Börse. Geld verdienen will ich aber trotzdem. 2,5 Prozent Zinsen auf dem Tageskonto oder das bisschen Rendite, das der Bausparvertrag abwirft, reichen mir nicht. Ich will mehr. Schnell.

Mir geht es da wie vielen Deutschen. Sie haben ein eigenartiges Verhältnis zum Kapital. Sie beschimpfen Banker, die ihrer Meinung nach zu hohe Boni kassieren, sie vermuten an den Finanzmärkten Zocker am Werk, sie klagen, dass ihre Banken sich zu kurzfristig orientieren. Mit sich selbst aber sind die Deutschen nicht so kritisch. Sie legen ihr Geld gerne bei einer isländischen Direktbank an, wenn es einen Prozentpunkt mehr an Zinsen gibt, sie erwarten von ihrer Lebensversicherung Renditen, die diese mit konventioneller Geldanlage nicht erreichen kann – und sie zocken selbst mal gerne, wenn man sie lässt.
Das Geschäft mit dem Traum vom schnellen Geld boomt. 3,9 Millionen Deutsche haben im vergangenen Jahr mit Aktien gehandelt. Vor allem aber steigt die Zahl derer, die kurzfristig handeln, die Zahl der Daytrader. Schätzungen zufolge liegt allein die Zahl der Nutzer von Online-Plattformen, die täglich mit Währungen spekulieren, bei bis zu 70000.
Privatanleger können auf exotische Währungen wetten, darauf, dass der Uranpreis ein bestimmtes Niveau nicht unterschreitet oder Gold sich schneller verteuert als Silber. Jeder Privatanleger kann seinen eigenen kleinen Handelssaal eröffnen und spekulieren wie die Profis.
"Die Neigung, Risiken einzugehen, ist mit zwei demographischen Faktoren verbunden: Geschlecht und Alter. Frauen sind normalerweise vorsichtiger als Männer und ältere Menschen sind weniger bereit, Risiken einzugehen, als jüngere Leute. Die Konsequenzen der Verhaltensökonomik für Anleger sind klar: Wie wir uns bei der Geldanlage entscheiden und wie wir uns bei der Verwaltung unserer Anlage entscheiden, hängt sehr davon ab, wie wir über Geld denken. [...] Sie demonstriert, dass Marktwerte nicht ausschließlich von den gesammelten Informationen bestimmt werden, sondern auch davon, wie menschliche Wesen diese Informationen verarbeiten."
"An sich ist Zuversicht ja keine schlechte Sache. Aber übertriebene Zuversicht ist etwas ganz anderes, und sie kann besonders im Umgang mit unseren Finanzangelegenheiten Schaden anrichten. Übertrieben zuversichtliche Anleger treffen nicht nur für sich selbst dumme Entscheidungen, sondern diese wirken sich auch sehr stark auf den Mark als Ganzes aus."
"Menschen [legen] zu viel Wert auf wenige mehr oder wenige zufällige Ereignisse [...] und meinen, sie würden darin einen Trend erkennen. Insbesondere sind Anleger tendenziell auf die neuesten Informationen fixiert, die sie bekommen haben, und ziehen daraus Schlüsse. So wird der letzte Ergebnisbericht in ihrem Denken zum Signal für künftige Gewinne. Und da sie meinen, sie würden etwas sehen, das andere nicht sehen , treffen sie dann aufgrund oberflächlicher Überlegungen schnelle Entscheidungen."
"Der Schmerz durch einen Verlust [ist] viel größer als die Freude über einen Gewinn. Bei einer 50:50-Wette, bei der die Chancen exakt gleich sind, riskieren die meisten Menschen nur dann etwas, wenn der potenzielle Gewinn doppelt so groß ist wie der potenzielle Verlust. Das nennt man asymmetrische Verlustaversion. [...] Auf den Aktienmarkt bezogen bedeutet dies, dass sich die Menschen beim Verlust von Geld doppelt so schlecht fühlen, wie sie sich gut fühlen, wenn sie einen gewinn erzielen. Diese Abneigung gegen Verluste macht Anleger übertrieben vorsichtig, und das hat einen hohen Preis. [...] Wir wollen alle glauben, wir hätten gute Entscheidungen getroffen, und deshalb hängen wir zu lange an schlechten Entscheidungen, in der vagen Hoffnung, die Dinge werden sich noch wenden."
"Wir neigen dazu, das Geld geistig auf verschiedene 'Konten' zu buchen, und dies bestimmt, wie wir es verwenden. [...] Zudem wurde die geistige Buchhaltung als Grund angeführt, weshalb Menschen schlecht laufende Aktien nicht verkaufen: In ihren Augen wird der Verlust erst real, wenn sie ihn realisieren."
Quelle: Robert G. Hagstrom, "Warren Buffett. Sein Weg. Seine Methode. Seine Strategie.", Börsenbuchverlag 2011.
Die Idee von André Kostolany, man solle sich Aktien kaufen, Schlaftabletten nehmen und sich dann zehn Jahre hinlegen – sie klingt heute so alt wie die Schlager von Roy Black. Damals, in der guten, heilen Zeit, ging es den Anlegern darum, ihr Erspartes stetig zu mehren. Heute gibt es immer mehr Menschen wie mich, die hoffen, mit dem schnellen Geschäft schnelles Geld zu machen. Die eifrigsten Daytrader kommen auf bis zu 200 Orders im Monat.
Wie aber passt das zusammen? Eine Gesellschaft, die Banker als Zocker beschimpft und der Finanzindustrie Gier vorwirft, gleichzeitig aber selbst eben jener Gier verfallen scheint?
Erstaunlich wie unsinnig hier argumentiert wird, vom Handelsblatt ist man wirklich bessere Artikel gewohnt. Natürlich ist das Pleiterisiko enorm, wenn man ohne jegliche Ausbildung und Plan an die Sache rangeht.
Wie wäre es mal mit Hinweisen zum Aufbau eines Tradingplans, ein professionelles Money- und Riskmanagement und so weiter?
Ich freue mich auf gute Nachfolgeartikel!
Mit freundlichen Grüßen,
Mark Dworatzek
http://www.day-trading.de
Mein Gott, was ein Niveau! Und sowas beim Handelsblatt. Nicht zu fassen.
Es kostet viele Jahre - Jahre an Lebenszeit - um dieses Geschäft zu verstehen. Dass es irgendwie auch mit Wahnsinn zu tun hat, mag ja sein. Aber diesen Artikel braucht die Welt trotzdem nicht.
Ich bin von diesem Artikel leicht enttäuscht. Wie einige Vorredner es schon zur Geltung gebracht haben: So ans Handeln zu gehen ist sinnlos, leichtsinnig und würde schnell zu einem sehr leeren Konto führen.
Es ist alles nun doch ein bisschen komplizierter als es hier formuliert wurde und ich finde es schade, dass keine einzige Aussage zu den eigentlichen Einschätzungsmethoden - gerade am Devisenmarkt - der Daytrader gemacht wurde.
Es wurde zwar teilweise auf die analytische Analyse (Arbeitslosenquote, usw.) eingegangen, doch wo ist die systematische Analyse geblieben? Wo ist Fibonacci? Wo sind die Chart-Pattern-Analysen?
Ich persönlich hätte mich darüber gefreut, wenn man wenigstens teilweise auf die "Zufälligkeit" der Kurse eingegangen wäre, die ja in Wahrheit bei näherer Betrachtung weniger zufällig sind als man zuerst denkt.
Es gibt noch viel mehr zum Daytrading als in diesem Artikel sehr grobflächig angerissen wird und würde mich freuen, wenn das Handelsblatt in einem zusätzlichen Artikel ein bisschen mehr auf die Realität dieser Thematik eingehen würde.
Trotzdem, wer sich dafür interessiert, dem kann ich wärmstens empfehlen einer der vielen Daytrader-Plattformen auszuprobieren. Als einziger Tipp rate ich nur: Tut so, als ob das fiktive Kapital euer echtes Geld wäre und vergisst nicht die allergrößte Regel jedes professionellem Daytrader: Risikomanagement.





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