
Die Nervosität an den Aktienmärkten wächst. Der deutsche Aktienindex (Dax) rutschte am Montag erstmals seit Januar wieder unter die Marke von 6.000 Punkten. Im Laufe des Tages grenzte der Index seine Verluste ein. Doch das kleine Börsenwunder, von dem viele Investoren vor wenigen Wochen noch sprachen und das den Index zeitweise wieder deutlich über 7.000 Zähler trug, ist längst vergessen. Sein Plus von knapp 18 Prozent vom Jahresauftakt - immerhin der größte Kursgewinn in einem ersten Quartal seit 1998 - hat der Dax damit binnen weniger Wochen fast komplett wieder aufgezehrt.
Und es könnte sogar noch schlimmer kommen. An den Märkten braut sich ein explosives Gemisch zusammen. George Soros, der weltbekannte Hedge-Fonds-Manager, sagte am Wochenende im italienischen Triest, die Euro-Krise drohe die Europäische Union zu zerstören und sie in "ein verlorenes Jahrzehnt" zu stürzen, wie es in den 1980er Jahren in Südamerika der Fall war. Das sei es, was Deutschland und andere Länder erkennen müssten, meint Soros. Es gäbe noch immer keine Lösung für die Probleme der Euro-Zone.
Der US-Investor sieht vor allem die Deutschen in der Pflicht. Es gebe viele Möglichkeiten, um die hohen Finanzierungskosten von Schuldenländern abzumildern, aber alle diese Möglichkeiten erforderten die aktive Unterstützung der Deutschen Bundesbank und der Bundesregierung, sagte Soros. Viel Zeit bleibe mehr nicht mehr, vielleicht noch drei Monate.
Die europäischen Spitzenpolitiker allerdings streiten nach wie vor über die richtige Therapie der Eurokrise. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat jüngst nochmals bekräftigt, einer Einführung von Eurobonds unter keinen Umständen zustimmen zu wollen. Die anfängliche Zinsangleichung bei der Euro-Einführung habe die falschen Impulse gesetzt, sagte die Kanzlerin. Einige Euro-Staaten hätten zu viel in den Konsum gesteckt und Reformen vernachlässigt. Genau dies müsste nun nachgeholt werden. Eurobonds dagegen würden die Bereitschaft, schmerzhafte Reformen durchzusetzen, eher behindern. Sparen lautet Merkels Therapie für die Krise.
Die Ölpreise haben seit Anfang Mai um rund 20 Prozent nachgegeben. Eine schwache globale Konjunktur senkt die Nachfrage nach Öl und Ölprodukten.
In der Vergangenheit stellte die EZB klammen Banken billig Milliarden zur Verfügung, um ein Austrocknen der Geldflusses zu verhindern und die Konjunktur anzukurbeln. Die Institute hatten ihre Kreditvergabe im Schlussquartal 2011 so stark gedrosselt wie seit der Lehman-Pleite nicht mehr. Eine weitere EZB-Geldspritze könnte die Lage kurzfristig entspannen. Beobachter rechnen allerdings damit, dass die EZB ihr Pulver zunächst trocken hält und den Ausgang der Griechenland-Wahl am 17. Juni und den EU-Gipfel Ende des Monats abwartet.
Europäische Ökonomen plädieren angesichts einer drohenden Rezession im Euro-Raum für Zinssenkungen. Niedrige Zinsen verbilligen Kredite. Das erhöht die Investitionsneigung von Unternehmen und die Konsumfreude der Verbraucher - und kann so die Konjunktur ankurbeln. Zugleich befeuern niedrige Zinsen aber die Inflation.
Denkbar wäre auch, dass die Währungshüter erneut Geld in die Hand nehmen, um Anleihen kriselnder Euroländer aufzukaufen. Das würde den angeschlagenen Staaten helfen, die sich nur noch relativ teuer frisches Geld besorgen können und letztlich auch das dortige Bankensystem stabilisieren. Während Deutschland so günstig wie nie Geld bei Anlegern einsammeln kann, muss etwa Spanien immer höhere Zinsen bieten, um neue Bonds am Markt unterzubringen. Das erschwert den Sparkurs solcher Länder. Letztlich kann die EZB die Krise allein jedoch nicht lösen.
In diesen hochnervösen Zeiten sind Prognosen naturgemäß sehr schwierig. Bereits vermeintlich kleinere Nachrichten können die Märkte kräftig durcheinanderwirbeln. Das gilt nicht nur für Unternehmensnachrichten, die angesichts der zu Ende gegangenen Bilanzsaison in den kommenden Woche spärlicher werden dürften. Auch Reaktionen der Märkte auf politische Nachrichten sind weiter an der Tagesordnung. Doch wie in so vielen Fällen gibt es auch hier eine alte Börsenregel: „Politische Börsen haben kurze Beine“.
Genau das Gegenteil will Francois Hollande. Der neue französische Präsident ist davon überzeugt, dass nur Wachstum Europa aus der Malaise führe. Und dafür brauche es nicht nur Sparpläne, sondern vor allem Investitionen. Hollande ist nicht allein mit seiner Meinung. Gemeinsam mit US-Präsident und Barack Obama und dem italienischen Ministerpräsident Mario Monti hat er erst kürzlich versucht, Kanzlerin Merkel zum Einlenken zu bringen. Bislang ohne Erfolg.
An den Finanzmärkten kommt das Hickhack gar nicht gut an. Die Verunsicherung der Investoren ist groß. Und sie wächst mit jedem Tag, an dem kein Lösungsplan für die Krise auf dem Tisch liegt. „Selbst wenn sich der Dax hier und da mal aufbäumen sollte, geht die Tendenz insgesamt doch weiter nach unten", sagt Tobias Basse, Aktienstratege bei der NordLB. Die Schuldenkrise bleibe der große Belastungsfaktor.
Was die Krise so gefährlich macht, das Gemisch so explosiv: Europa ist längst kein isoliertes Problem mehr. „Es liegt immer klarer auf der Hand, dass wir uns mitten in einer Abkühlung der globalen Wirtschaft befinden", sagte Analyst Tom Porcelli von RBC Capital Markets. "Von China über Europa bis zu den USA - alle Daten zeigen eine spürbare Verlangsamung", betonte auch John Kilduff von Again Capital.
- 0,19 Prozent (Schlusskurs vom Freitag)
+ 0,1 Prozent
- 0,3 Prozent
+ 0,1 Prozent
+ 2,4 Prozent
+ 3,5 Prozent
+ 3,6 Prozent
144,41 Euro (- 0,9 Prozent)
1,2302 Dollar (+/- 0 Prozent)
1.602 Dollar (- 0,7 Prozent)
28,82 Dollar (+ 1,12 Prozent)
106,40 Dollar (+ 1,2 Prozent)
In den USA sind die Arbeitslosenzahlen zuletzt wieder gestiegen, das Verbrauchervertrauen dagegen gefallen. Auch in China, dem großen Hoffnungsträger, kühlt die Konjunktur merklich ab; der Einkaufsmanagerindex für die Industrie dort notierte im Mai nur noch knapp über der Schwelle, die Wachstum signalisiert. In den vergangenen Quartalen ist das Wachstum Chinas zudem kontinuierlich gesunken.
Zwar liegt es immer noch bei etwa acht Prozent; aus Sicht vieler westlicher Regierungschefs sind das Luxusprobleme. China allerdings braucht sogar Wachstumsraten darüber, um seinen Millionen von Wanderarbeitern Arbeitsplätze zu geben. Sollte das Wachstum unter die Sechs-Prozent-Marke fallen, könnte dies eine Dynamik nach unten auslösen, fürchten Ökonomen. Drastisch fallende Immobilienpreise und möglicherweise sogar eine Rezession seien die Folge.
An den Rohstoffmärkten jedenfalls fallen die Notierungen kräftig. Der Preis für ein Barrel Rohöl der US-Sorte WTI beispielsweise kostete zuletzt rund 82 Dollar. Das sind rund 20 Prozent weniger als noch vor vier Wochen. Investoren gehen davon aus, dass die Weltkonjunktur merklich abkühlt. Auch bei Industriemetallen sind die Preise zuletzt deutlich gefallen. Für eine Tonne Kupfer beispielsweise müssen Kunden derzeit 7340 Dollar auf den Tisch legen – gut 16 Prozent weniger als noch vor einem Monat.
Sollte sich die Konjunktur in China weiter abkühlen, hätte das Folgen für Europa, allen voran für Deutschland. Bislang scheint die heimische Wirtschaft vergleichsweise immun gegen die Eurokrise. Während die Südländer längst in der Rezession stecken, legen in Deutschland die Wachstumsraten weiter zu. Die große Frage lautet: wie lange noch?
Bereits Morgen bei den Auftragseingängen der deutschen Industrie wie auch bei der Industrieproduktion (Mittwoch) rechnen Analysten für April im Schnitt mit einem leichten Minus. Auch die wettbewerbsfähige deutsche Wirtschaft sei nicht immun gegen die Staatsschuldenkrise, sagen Experten.
Das Marktforschungsinstitut Sentix misst regelmäßig die Stimmung unter den Investoren. Ergebnis der aktuellen Umfrage: Der Pessimismus in der Euro-Zone ist so stark ausgeprägt wie seit Mai 2009 nicht mehr. "Die Entwicklung in Euroland wirkt sich auch zunehmend negativ auf die bisherigen Wachstumsmotoren aus", sagte Manfred Hübner, Geschäftsführer von Sentix. Auch Musterschüler Deutschland bekomme die Unsicherheit immer stärker zu spüren.
Die Hoffnung ruht nun auf "Super Mario". Der Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, soll wieder mal den Retter in höchster Not spielen. Die EZB hatte schon einmal den unmittelbaren Crash verhindert. In einer beispiellosen Aktion versorgte sie die europäischen Geschäftsbanken im Dezember und Februar mit insgesamt 1.000 Milliarden Euro. Das Geld investierten die Banken zum Teil in italienische und spanische Staatsanleihen. An den Börsen legten die Kurse zu. Doch die Krise war damit nicht gelöst, nur etwas Zeit erkauft. "Sie haben zwar die unmittelbare Schachmattsetzung des europäischen Finanzsystems verhindert, die Euro-Zone aber in eine Lage versetzt, die höchst problematisch ist", sagt Didier Saint-Georges, Mitglied des Investmentkomitees von Carmignac Gestion.
Mancher vermutet bereits, dass die Währungshüter erneut die Notenpresse anwerfen könnte. Es sei nicht auszuschließen, dass sich die EZB in einer Phase sehr hoher Unsicherheit zu einer weiteren Geldspritze durchringt, schrieb Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank.
Mit großer Spannung wird die Ratssitzung der EZB am Mittwoch erwartet. Experten erhoffen sich von den Konjunktur-Prognosen der Notenbank-Mitarbeiter auch Hinweise darauf, ob und wann die Währungshüter die Geldpolitik lockern werden. Möglich wäre entweder ein neuer Dreijahrestender für die Banken oder gleich eine Senkung des Leitzinses. "Die Gründe für eine Zinssenkung sind überwältigend", sagt etwa der für die Euro-Zone zuständige Chefvolkswirt der französischen Großbank BNP Paribas, Ken Wattret. James Nixon von der Societe Generale hält dagegen: "Jedes Mal, wenn die EZB interveniert, nimmt sie den Druck von den Regierungen, und die tun dann nichts. Dieses Mal wird sie dieses Spiel nicht mehr mitspielen. Sie wird wegen des unsicheren Ausgangs der Wahlen in Griechenland ihr Pulver trocken halten."
Wie lange soll und kann die Notenbank die Märkte noch unter Drogen setzen? Das scheint sich inzwischen auch "Super Mario" zu fragen. In einer Rede vor dem Europäischen Parlament in Brüssel forderte Draghi die Regierungen zum Handeln auf. Die Notenbank könne das durch Inaktivität entstandene Vakuum nicht füllen. Die Politik sei gefordert, eine klare Vision für die Zukunft der Währungsunion zu entwerfen, sagte der Italiener. Draghi gibt Schwarzen Peter zurück an die Politik zurück. Die wiederum streitet darüber, ob sie Euro-Bonds einführen und damit die Schulden vergemeinschaften will. Bislang scheitert dies am Widerstand der Bundesregierung. Eine Entscheidung könnte sich noch Monate hinziehen. Doch solange wollen die Märkte nicht warten.
Mit Material von Reuters

@karstenberwanger
"Also sorry....was unterscheidet die USA denn von Griechenland?"
Sehr viel!
Die USA haben das Geld klug angelegt indem sie sich die mit Abstand größte Militärmacht geschaffen haben. Da können sie viele davon überzeugen, daß es alternativlos ist, amerikanische Staatsanleihen mit niedrigem Zins, langer Laufzeit und in großer Menge zu kaufen. Die Amis brauchen nicht um Geld zu betteln. Entweder du zahlst oder regime change.
Der Philanthrop und Hedge-Fonds-Manager George Soros mach wieder Befehlsausgabe. Deutsche Steuerzahler sollen ihn vor Kreditausfällen schützen.

Den Bürgerwillen können Sie erst auf die Straße oder zu einer Petition bringen, wenn es ihn wirtschaftlich oder emotional tangiert.
Beides ist im breiten Volk mangels Aufklärung noch nicht angekommen.
Auch die Demokratie ist ein Stolperstein für falsche Entscheidungen, wenn sich die Öffentlichkeit nicht aufgeklärt und darum bemüht, beteiligt.
Und dazu reichen nicht die talk-shows, die nur Halbwissen verbreiten.
Jetzt interessiert erst einmal in Breite der Bevölkerung die EM, dazwischen wird lautlos der ESM durchgewunken.

Und auch das Argument nicht, dass man Angst hat, was einem passiert, wenn man unterschreibt. Was passiert, wenn alles so weiter an die Wand läuft, ist bekannt. Außerdem gibt's in Berlin eine Demo (s.o.) und das Bündnis Bürgerwille sowie die Partei der Vernunft und die von Däubler-Gmelin geführte Verfassungsklage gegen den ESM, der man sich anschließen kann.






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