Die ursprünglichen Übernahme-Konditionen für Bear Stearns
boten den JPMorgan-Aktionäre einen moderaten Puffer vor Verlusten der angeschlagenen Wall-Street-Firma. Der neu verhandelte Preis reduziert diesen Puffer allerdings - und bringt die JPMorgan-Aktionäre in Bedrängnis, sollte sich der Markt eintrüben.
Eine Woche ist eine lange Zeit an den Finanzmärkten. Erst am Palmsonntag stimmte JPMorgan-Chef Jamie Dimon einer Übernahme von Bear Stearns
zu, die seinen Aktionären einen gewissen Puffer vor weiteren Wertverlusten bei der Not leidenden Wall-Street-Firma geboten hätte. Nun, kurz nach Ostern, hat er wohl diesen Puffer aufgegeben, indem er die Exposition seiner Aktionäre um einige Milliarden US-Dollar erhöht hat. Bis jetzt scheinen die Aktionäre aber gewillt, diese Risiken zu schultern.
Bei Ankündigung der ursprünglichen Transaktion wurden JPMorgan-Aktien im Wert von zwei US-Dollar pro Bear-Titel geboten, die insgesamt noch etwas mehr 200 Millionen US-Dollar Wert waren. Breakingviews.com errechnete, dass die Aktionäre von JPMorgan damit selbst dann in den schwarzen Zahlen geblieben wären, wenn man sechs Milliarden US-Dollar transaktionsbezogene Kosten, einen zehnprozentigen Rückgang des Bear-Buchwertes und einen Verlust in gleicher Höhe bei den 13 Milliarden US-Dollar schweren Hypothekenbeständen und den bis zu neun Milliarden US-Dollar fremdfinanzierten Krediten ansetzt, die Dimon übernehmen wollte.
Im Rahmen der neuen Vereinbarung hat Dimon nicht nur sein Gebot auf zehn US-Dollar je Aktie erhöht, um die Bear-Aktionäre zu beruhigen und den Abschluss des Geschäftes zu sichern. Dimon musste auch die US-Notenbank Federal Reserve beschwichtigen und den Verdacht ausräumen, dass Steuerzahler einen Notverkauf finanzieren, indem er zustimmte, die erste US-Dollar-Milliarde an Verlusten selbst zu schultern, die aus hochriskanten Bear-Vermögenswerten von 30 Milliarden US-Dollar entstehen. Ursprünglich wollte die US-Notenbank diese Risiken zur Gänze übernehmen.
Bezieht man die potenziellen zusätzlichen Milliardenkosten in die früheren Überlegungen ein, dann könnten JPMorgan-Aktionäre angesichts der schwierigen Marktlage am Ende für ein Bear-Geschäft verantwortlich sein, das weniger als nichts wert ist ? auch wenn der an die Bear-Aktionäre gezahlte Preis sich um eine Milliarde US-Dollar erhöht hat. Warum also scheinen die Aktionäre von JPMorgan das neue Gebot zu begrüßen?
Teilweise, weil sie gegenüber der Vorwoche die Märkte im Allgemeinen und die Wirtschaftlichkeit der Bear-Geschäfte in einem etwas rosigeren Licht sehen. Die Bear-Transaktion und die jüngsten Maßnahmen der US-Notenbank zur Liquiditätssteigerung haben Bewertungen von kreditbezogenen Vermögenswerten stabilisiert, zumindest vorläufig. In jedem Fall sollte die Exposition von JPMorgan bei Bear auch nach der neuen Vereinbarung handhabbar sein ? ein sich der Marke von zwei Milliarden US-Dollar nähernder Gesamtverlust ist zwar kaum zu vernachlässigen, reicht aber bei weitem nicht an die Multi-Milliarden-Verluste bei Citigroup
and Merrill Lynch
heran.
Alleine die Bear-Sparte für so genannte "Prime Broker"-Dienstleistungen könnte den Einsatz wert sein, wenn man der Sanford-Bernstein-Bewertung von drei Milliarden US-Dollar folgt. Natürlich unter der Voraussetzung, dass JPMorgan Personal und Kunden bei der Stange halten kann, wofür es keine Sicherheit gibt ? ebenso wenig wie für ein Ausbleiben weiterer Markteinbrüche. Doch bis jetzt scheinen die JPMorgan-Aktionäre mit Bezug auf Dimons Gebot gewillt, im Zweifel für den Angeklagten zu entscheiden.
