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16.01.2008 
Bulle und Bär

Alles andere als sicher

von Christian Kirchner

Ein Blick auf die europäischen Aktienmärkte im noch jungen Börsenjahr 2008 zeigt: Der Trend aus dem Vorjahr hin zu einer völlig unterschiedlichen Kursentwicklung der einzelnen Branchen setzt sich nahtlos fort. Zu den Favoriten zählen bislang Pharma-, Telekom - und Versorgeraktien.

FRANKFURT. Das klingt logisch, denn defensive Branchen haben im unsicheren Konjunkturumfeld durchaus ihren Reiz. Problematisch ist nur: Die meisten defensiven Aktien sind derzeit viel zu teuer, um ihrem Ruf als sichere Häfen gerecht zu werden.

Wie dünn die Luft inzwischen ist, zeigt ein Blick auf den klassisch defensiven Sektor der Nahrungsmittelkonzerne: Nach einer negativen Branchenstudie von Morgan Stanley hobelte der Markt seit Mitte letzter Woche von den Schwergewichten Nestlé, Danone und Unilever je zwischen sieben und 13 Prozent ab. Ein Schnäppchen sind sie daher noch lange nicht: Die europäischen Nahrungsmittelaktien werden gemessen am Branchenindex Stoxx 600 mit dem 18-Fachen der laufenden Gewinne bewertet.

Günstig sieht das nur aus, wenn man noch teurere Werte aus den USA wie Coca-Cola mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 24 oder Procter & Gamble mit einem KGV von 22 dagegen hält. Zum Vergleich: In den letzten fünf, konjunkturell ausgesprochen starken Jahren konnte weder Nestlé, Coca-Cola noch Procter & Gamble die Gewinne je Aktie um im Schnitt mehr als neun Prozent pro Jahr steigern.

Allein die Hoffnung, dass nun noch mehr Anleger in defensive Werte wie Pharma, Telekommunikation, Versorger und Nahrungsmittel fliehen werden, kann kein Grund sein, bei der Sektorrotation mutig voranzuschreiten. Auch Europas Gesundheitsaktien sind mit einem KGV von im Schnitt 19 keine Schnäppchen, Versorger werden mit dem 16-Fachen, Telekommunikationskonzerne gar mit dem 19-Fachen der Gewinne bewertet. Das ist weder relativ zumGesamtmarkt noch zur eigenen Bewertungshistorie attraktiv.

Selbst wem das Wachstum der Gewinne egal ist und Wert auf Dividenden legt, muss sich im Reich der europäischen defensiven Aktien mit Dividendenrenditen von im Schnitt 2,1 Prozent für Gesundheitsaktien, 2,5 Prozent für Nahrungsmittelkonzerne, 3,1 Prozent für Versorger, und 4,3 Prozent in dem inzwischen blutleeren Telekommunikationssektor begnügen. Das ist ein nettes Zubrot für geduldige Investoren, dürfte aber Taktiker nicht vor Verlusten schützen, sollte sich die Stimmung an den Aktienmärkten nachhaltig eintrüben und auch defensive Branchen neu bewerten.

Sehr langfristig orientierten Investoren kann dies egal sein; den idealen Ein- und Ausstiegszeitpunkt findet niemand. Kurzfristig orientierte Spekulanten tun jedoch gut dran, die nun eigentlich fällige Branchenrotation kritisch zu hinterfragen. Angesichts der ambitionierten Bewertungen gleichen die meisten defensiven Branchen derzeit nicht sicheren Häfen, sondern eher Anlegestellen auf hoher See.

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