Nach den heftigen Kursverlusten müsste der Dax nun eigentlich einen kräftigen Sprung nach oben machen - so sagt es zumindest die Lehrmeinung. Doch solche kurzen Rallys sollten Anleger nicht falsch interpretieren. Denn sie sind eher typisch in einem Abschwung als zu Beginn eines Aufschwungs. Die aktuellen Kursziele einiger Experten liegen deutlich unterhalb des bisherigen Jahrestiefs.
DÜSSELDORF. Der Trend beim Dax geht weiter nach unten und in Richtung neue Jahrestiefs, meinen die Experten. Grund für den Pessimismus ist neben dem schlechten fundamentalen Umfeld aus Inflations- und Konjunktursorgen die miserable technische Verfassung des Marktes. Dazu gehört die ausgeprägte Top-Bildung bis in den Januar hinein: Mehrfach hintereinander scheiterte der Dax an der Marke von 8 100 Punkten. Investoren bekamen also den Eindruck, dass auf diesem Börsenniveau die Spitze erreicht ist und der Verkaufsdruck überwiegt. Doch auch die wiederholten starken Einbrüche, unterbrochen von kurzen Erholungen und die sinkende 200-Tage-Linie (der Durchschnittskurs der letzten 200 Handelstage) stimmen skeptisch.
Technische Analysten orientieren sich an solchen Entwicklungen und versuchen daraus Rückschlüsse für die Zukunft abzuleiten. Je mehr Anleger ihre Entscheidungen aus dem Kursverlauf von Börsencharts abhängig machen - dazu zählen vor allem professionelle Investoren - desto stärker erfüllen sich am Ende die entsprechenden Prognosen.
Einig sind sich die meisten Experten, dass der Dax rasch sein bisheriges Jahrestief von 6 168 Punkten ansteuert wird. "Durchbricht der Dax auch diese Marke, geht es in Richtung 6 000 Zähler", sagt Martin Siegert von der Landesbank-Baden-Württemberg.
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Aktuell notiert der deutsche Index nur noch gut drei Prozent über seinem Jahrestief. Im Frühjahr war der Dax um über 20 Prozent eingebrochen, hatte sich anschließend aber erholt und war bis auf 7 200 Punkte gestiegen. "Eine klassische Bärenmarkt-Rally, wie wir heute wissen", sagt Marcus Metz von Staud Research.
Die Dynamik des neuerlichen Abschwungs gepaart mit einem "sehr negativen Sentiment", stimmt ihn skeptisch. Häufig folgen einer schlechten Stimmung eigentlich steigende Kurse, weil - so die Lehrmeinung - Pessimisten ihre Aktien bereits verkauft haben und deshalb als potenzielle Käufer bereitstehen. "Jetzt erleben wir aber eine klassische Abwärtsspirale, in der jede Verkaufswelle noch größere Wellen auslöst", sagt Metz.
Die Situation erinnert fatal an die Ausverkaufsstimmung Ende 2002 bis zum Frühjahr 2003. Damals lag die Stimmung nach den Bilanzfälschungen um den US-Energieriesen Enron und im Vorfeld des Irak-Kriegs am Boden. Die Talfahrt beschleunigte sich in Einklang mit fallenden Kursen und immer schlechteren Stimmungswerten. Je stärker Investoren, darunter viele Banken und Versicherungen, mit ihren Positionen ins Minus rutschten, desto größer wurde ihr Verkaufsdruck. Der Dax war damals auf 2 200 Punkte gefallen. Doch solch eine dramatische Talfahrt erwartet derzeit niemand. Staud Research sieht den Dax in Richtung 5 500 Punkte fallen.
Ähnlich pessimistisch urteilen die Charttechniker der Commerzbank
. "Klassischerweise hält das Jahrestief im ersten Abwärtsschwung", sagt Petra von Kerssenbrock. Doch nach einer kurzen Verschnaufpause und steigenden Kursen rechnet die Expertin mit einem neuerlichen Anlauf nach unten. "Gemessen an fünf Jahren Bullenmarkt nimmt sich die jetzige Baisse mit ihren sechs Monaten bescheiden aus. Sie wird uns noch bis weit in den Herbst hinein begleiten."
Phasen kurzer und kräftiger Erholungen sollten Anleger zum Verkaufen nutzen. Wer jetzt nicht einsteige, brauche sich keine Sorgen zu machen, dass ihm die Kurse womöglich nach oben davonliefen. "Der Markt wird wieder zurückkommen", ist Kerssenbrock überzeugt. Neben der schlechten technischen Verfassung zieht sie ausdrücklich das miserable Umfeld mit ein: Steigende Inflationsraten und Zinsen gepaart mit einem Konjunkturabschwung ergeben eben einen schlechten Cocktail.

