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12.06.2008 
City Talk

Im Reich der Legenden

von Michael Maisch

Das Lexikon definiert eine Legende als lehrreiche Heiligen-Erzählung, deren Wahrheitsgehalt sich nicht nachprüfen lässt. Auch an den Finanzmärkten machen jede Menge Legenden die Runde, und eine davon ist ausgesprochen lehrreich, auch wenn sie nicht unbedingt wahr sein muss. Heilige kommen darin auch nicht vor, allerdings verhalten sich die Protagonisten ganz ungewohnt uneigennützig.

Im Zentrum der Finanzlegende steht die Investmentbank Lehman Brothers, die gerade eingestehen musste, dass sie im zweiten Quartal 2,8 Mrd. Dollar versenkt hat. Bereits Wochen vor Veröffentlichung der traurigen Fakten musste sich Lehman gegen hässliche Gerüchte wehren, die Bank sei derart geschwächt, dass ihr Überleben auf dem Spiel stehe.

Wie reagiert die Konkurrenz üblicherweise auf solche Gerüchte? So wie ein Raubtier, das ein verletztes Opfer wittert. Im Normalfall greifen die Banker zum Telefon und versuchen, dem geschwächten Wettbewerber die Kunden abzuwerben.

Die Legende will es nun, dass es im Fall von Lehman eine Verabredung unter den Wall-Street-Banken gegeben haben soll, dieses Mal den Hörer auf der Gabel liegen zu lassen, und dem angeschlagenen Konkurrenten keine Klienten abspenstig zu machen - ein Stillhalteabkommen also.

Ganz uneigennützig wäre die neue Solidarität allerdings nicht. Die Banken fürchten nach dem Beinahekollaps von Bear Stearns einen fatalen Domino-Effekt. Sollte tatsächlich noch ein weiteres Wall-Street-Haus in Finanznot geraten, ginge das Vertrauen in den schwer angeschlagenen Sektor wohl völlig verloren, und dann wären alle bedroht.

Wo wir schon im Reich der Legenden sind: Eines der großen Rätsel, das derzeit die Londoner Banker beschäftigt, rankt sich um das zweitgrößte Geldhaus auf der Insel, Barclays. Fast alle Analysten glauben, dass die Großbank dringend neues Kapital braucht, aber Vorstandschef John Varley macht keine Anstalten, sich frisches Geld zu besorgen. Eine Lösung des Rätsels könnte so aussehen: Barclays plant eine größere Übernahme und wartet mit der Kapitalerhöhung ab, bis der Deal in trockenen Tüchern ist. Das Ziel könnte Lehman Brothers heißen, immerhin hat Barclays das erklärte Ziel, sein Investment-Banking in den USA auszubauen. Aber das alles ist wie gesagt nichts als Legende.

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