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ETF-Markt: Indexfonds sind Sprengstoff für das Finanzsystem

Der Markt für börsengehandelte Indexfonds ist rapide gewachsen – zu rapide, sagen Kritiker. Sie befürchten eine halsbrecherische Entwicklung und sehen das Finanzsystem bedroht.

Als im Mai 2010 ein Blitzcrash die New Yorker Börse erschütterte, waren Indexfonds die größten Verlierer. Quelle: dapd
Als im Mai 2010 ein Blitzcrash die New Yorker Börse erschütterte, waren Indexfonds die größten Verlierer. Quelle: dapd

London, DüsseldorfTerry Smith glaubt zu wissen, wo die Saat der nächsten Finanzkrise keimt. Der Chef des Londoner Brokers Tullett Prebon fürchtet, dass der boomende Markt für börsengehandelte Indexfonds die Stabilität des Finanzsystems untergräbt. Smith ist nicht der einzige, den diese Angst umtreibt. Auch der britische Notenbanker Paul Tucker hat in der vergangenen Woche die billionenschwere Industrie heftig attackiert, die hinter den Exchange Traded Funds (ETF) steht. "Wenn Finanzinstrumente unverständlich werden und ein Markt eine Größe erreicht, die sogar die Stabilität des Systems gefährden kann, dann sollten sich die Aufseher darum kümmern", warnte er mit Nachdruck.

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Die ETFs rückten spätestens mit dem sogenannten Blitzcrash an der Wall Street am 6. Mai 2010 in den Fokus der Regulierer. Damals brach der Dow-Jones-Index innerhalb weniger Minuten um 1000 Punkte ein. 70 Prozent der Papiere, die so starke Verluste erlitten, dass Transaktionen rückabgewickelt werden mussten, waren Indexfonds. Dabei sehen die ETFs auf den ersten Blick harmlos aus. Aufgabe der Fonds ist es, einen Wertpapierindex möglichst exakt abzubilden, den Deutschen Aktienindex (Dax) etwa. Weil die ETFs günstiger und unkomplizierter gehandelt werden können als herkömmliche Investmentfonds, hat die Industrie ein enormes Wachstum hinter sich.

Indexfonds - die unbekannte Größe

  • Typ: Nachbau 1:1

    Im ETF-Vermögen stecken genau die Aktien oder Anleihen, die auch im Index enthalten sind (physische Replikation). 
    Vorteil: Transparent. Der Anleger hat, falls die Fondsgesellschaft pleitegeht, Zugriff auf ein Sondervermögen aus den von ihm favorisierten Wertpapieren. 
    Problem: Die Nachbildung großer Indizes wie des MSCI Welt, in dem 1660 Aktien stecken, ist teuer. Anbieter verleihen Papiere gegen Gebühr an Hedgefonds, um Zusatzerträge einzuspielen. Diese Wertpapierleihe ist streng geregelt, die Gefahr, dass daraus Verluste entstehen, existiert aber.

  • Nachbau 1:1 - Anbieter & Volumen

    Im ETF-Vermögen stecken genau die Aktien oder Anleihen, die auch im Index enthalten sind (physische Replikation). Vorteil: Transparent. Der Anleger hat, falls die Fondsgesellschaft pleitegeht, Zugriff auf ein Sondervermögen aus den von ihm favorisierten Wertpapieren. Anbieter: z.T. iShares (BlackRock), ETFlab (Sparkasse). Volumen: 120 Milliarden Euro, gut 54 Prozent des europäischen Marktes. Fazit: Ursprungsgedanke des ETFs.

  • Kunstprodukte mit Derivaten - Vor- & Nachteile

    Das ETF-Vermögen kann beliebig aus Wertpapieren der OECD-Länder gebaut werden, eine Bank verspricht die Wertentwicklung des gewünschten Index (synthetische Replikation mit Swap). Vorteil: Günstig. Die Abweichung des ETFs vom Index ist nur gering, auch illiquide Indizes können mithilfe von Swap-Geschäften als ETF angeboten werden. Problem: Der Anleger hat im ETF-Sondervermögen Papiere, die er ursprünglich nicht kaufen wollte. Die Bank, die ihm die Performance des Index garantiert, könnte ausfallen, Teile des Portfolios wären damit wertlos. ETF-Anbieter wollen das Pleiterisiko über zusätzliche Sicherheiten minimieren.

  • Kunstprodukte mit Derivaten - Anbieter & Volumen

    Das ETF-Vermögen kann beliebig aus Wertpapieren der OECD-Länder gebaut werden, eine Bank verspricht die Wertentwicklung des gewünschten Index (synthetische Replikation mit Swap). Anbieter: db x-trackers (Dt. Bank), Lyxor (SocGen). Volumen: 100 Milliarden Euro, 45 Prozent des europäischen Marktes. Fazit: Spielwiese für Investmentbanker.

  • Index-Stellvertreter - Vor- & Nachteile

    Der Anbieter wählt nur die wichtigsten und meistgehandelten Titel des Index aus, die den größten Einfluss auf die Indexperformance haben (Sampling). Vorteil: Kompromiss: Der Anleger hat im Sondervermögen zumindest die Titel, die er erwartet. Problem: Es besteht die Gefahr, dass Anbieter die falschen Aktien auswählen und so der Fonds dem Index hinterherläuft. Eingriffe, um dies zu korrigieren, sind nicht sehr transparent und können mit hohen Kosten verbunden sein.

  • Index-Stellvertreter - Anbieter & Volumen

    Der Anbieter wählt nur die wichtigsten und meistgehandelten Titel des Index aus, die den größten Einfluss auf die Indexperformance haben (Sampling). Anbieter: iShares (BlackRock), UBS, Credit Suisse. Volumen: 280 Millionen Euro, weniger als ein Prozent des europäischen Marktes. Fazit: Kompromisslösung.

  • Rohstoffverbriefung - Vor- & Nachteile

    Der Anbieter gibt eine Anleihe heraus, die mit Rohstoffen oder Edelmetallen hinterlegt ist. Anleihegläubiger müssen darauf vertrauen, dass der Emittent nicht ausfällt (Exchange Traded Commodities). Vorteil: Der direkte Kauf von Rohstoffen ist im Investmentfonds verboten. Nur über den Umweg der Anleihe kommt der Anleger an ein gestreutes Rohstoffportfolio. Problem: Der Anleger trägt das Risiko der Pleite des ETC-Emittenten, dann hat er bestenfalls Zugriff auf die Rohstoffe in Tresoren und Lagerhäusern. Der gesetzliche Schutz und die Aufsicht sind noch dürftiger als bei börsengehandelten ETFs im Investmentfondsmantel.

  • Rohstoffverbriefung - Anbieter & Volumen

    Der Anbieter gibt eine Anleihe heraus, die mit Rohstoffen oder Edelmetallen hinterlegt ist. Anleihegläubiger müssen darauf vertrauen, dass der Emittent nicht ausfällt (Exchange Traded Commodities). Anbieter: etfSecurities, Deutsche Börse. Volumen: Rund 20 Milliarden Euro in Europa. Fazit: Gold und Silber lieber physisch kaufen.

In nicht einmal 20 Jahren explodierte der ETF-Markt auf 1,7 Billionen Dollar; allein 2010 wuchs das Geschäft um rund 30 Prozent. "Die Entwicklung ist halsbrecherisch, ich frage mich nur, wessen Hals am Ende gebrochen wird", warnt Tullet-Prebon-Chef Smith. Der Veteran der Londoner City kritisiert vor allem, dass sich die scheinbar so transparenten Indexfonds in hochkomplexe Finanzinstrumente verwandelt haben. Inzwischen kann man mit ETFs auf alle Märkte setzen, von Rohstoffen über Devisen bis zu den exotischsten Aktienmärkten. Außerdem können die Investoren mit den Fonds nicht nur auf Kursgewinne, sondern auch auf Verluste wetten und mit Kredithebeln ihren Einsatz erhöhen.

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