Die Finanzmärkte steuern in stürmischer See. Eine Ausweitung der Kreditkrise mit weiteren Schieflagen bei Banken und Unternehmen ist kaum vermeidbar. Diese Meinung vertraten drei renommierte Börsenexperten auf einer Podiumsdiskussion anlässlich der Verleihung der "Morningstar Fund Awards".
FRANKFURT. "Die Kreditblase ist geplatzt", sagte Marc Faber, ein unabhängiger Vermögensverwalter aus Hongkong, dessen Ansichten in der Börsenwelt stark beachtet werden. "Die Schäden sind jetzt so groß, dass sie das gesamte Finanzsystem gefährden. Sie werden mehrere Billionen Dollar erreichen, wenn wir am Ende alle Verluste aus dem Immobilien-, Aktien- und Anleihesektor jenseits des Staatsbereiches addieren", sagte der gebürtige Schweizer.
Über die Folgen der ausufernden Krise am US-Hypothekenmarkt waren sich die Teilnehmer der Diskussionsrunde einig. "Die US-Wirtschaft steckt in einer Rezession", sagte auch Paul Kasriel, Leiter des Researchs beim großen US-Finanzhaus Northern Trust.
"Sie ist schlimmer als die letzte Rezession, weil sie die Konsumausgaben erreicht hat. Dies wiederum bremst Produktion, Investitionen, Export und hinterlässt Bremsspuren am Arbeitsmarkt", ergänzte der Mann aus Chicago, der bereits Preise für seine akkuraten ökonomischen Prognosen erhielt. John Trudgian, Partner beim Think Tank Williams Inference Center, meint auch: "Die US-Konjunktur steuert auf eine harte Landung zu."
Für Faber ist die zu lockere Geldpolitik der US-Notenbank Kern allen Übels. "Die Fed hat total versagt", sagte er. Seiner Ansicht nach hat Fed-Chef Ben Bernanke - wie sein Vorgänger nach dem Platzen der Internetblase 2000 - die Inflationsbekämpfung zugunsten des Versuchs, die Konjunktur anzukurbeln, aufgegeben.
Um die Folgen der aktuellen Kreditkrise einzugrenzen, senkte Fed-Chef Bernanke den Leitzins innerhalb weniger Monate massiv um 2,25 auf drei Prozent. Für die kommende Woche wird eine weitere Senkung erwartet. "Die künstlich niedrigen Zinsen haben den Inflationsdruck verstärkt. Zwei Symptome sind der fallende Dollar und die steigenden Rohstoffpreise", folgerte Faber.
"Die Finanzinnovationen haben monströse Ausmaße erreicht. Sie gefährden die Weltwirtschaft", meinte Faber. Kasriel sorgte sich ebenfalls: "Die Verluste in anderen US-Konsumbereichen wie bei Autokrediten und bei Kreditkarten werden steigen. Finanzinstitutionen werden noch große Verluste ausweisen müssen. Das Finanz-Umfeld gehört zu den instabilsten seit Ende des Zweiten Weltkrieges."
In den vergangenen Monaten sind Anleger unter dem Eindruck der Krise verstärkt aus allen als unsicher betrachteten Investments geflohen. "Der US-Aktienmarkt hat wahrscheinlich im vergangenen Herbst sein Top erreicht", schätzt Faber. Er sieht an Wall Street keine neue Hausse - "wegen eines hohen Kurs-Gewinn-Verhältnisses um die 20 und Rekord-Gewinnmargen, die auf ihren historischen Schnitt zurückfallen könnten und dann für schwere Enttäuschungen sorgen dürften".
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Trudgian kann sich vorstellen, dass führende Aktienindizes wie Dax und Dow in diesem Jahr "noch um ein Fünftel an Wert verlieren". Der Dax sackt nach der Prognose auf 5 200 Punkte, der Dow auf 9 750. Kasriel findet im derzeitigen Umfeld kaum attraktive Investments. "US-Aktien werden neue Tiefs austesten, und Emerging-Markets-Titel werden wahrscheinlich unter einer Abschwächung des Weltwirtschaftswachstums leiden", sagte er.
In den vergangenen Monaten flüchteten die Anleger in die von ihnen als sichere Häfen angesehene Anlagen: in erstklassige Anleihen, Barpositionen und Rohstoffe. Die sicheren Häfen könnten sich jedoch in einigen Fällen als unsicher erweisen. "Ich rechne in den kommenden zehn Jahren mit stark steigenden US-Renditen. Die Börsianer reden über alle möglichen Blasen, aber die sehr niedrigen Renditen bei den langfristigen US-Staatsanleihen spiegeln eine der größten Blasen wider", sagte Faber.
Wenn die Fed laut Faber die Investoren mit ihrer laxen Geldpolitik und höherer Inflation im Gefolge zu sehr verunsichert, dann wird seiner Einschätzung nach eine Flucht aus Treasuries folgen: "Langfristig kann ich mit guter Gewissheit voraussagen: US-Anleihen werden Junk-Status bekommen." Selbst Cashpositionen sind seiner Einschätzung nach risikoreich, weil sie durch die Inflation real an Wert verlieren.
Trudgian hat bereits jetzt höhere Renditen im Auge. Er taxiert die Effektivverzinsung der zehnjährigen US-Treasuries am Jahresende auf gut sechs Prozent, fast drei Prozentpunkte über den aktuellen Sätzen von 3,7 Prozent. Ein ähnliches Krisenszenario hat wohl auch Kasriel vor Augen, wenn er die Folgen einer Abkopplung der Währungen Saudi-Arabiens und Chinas vom Dollar durchspielt. "Es käme zu einer globalen Flucht aus dem Dollar, was die Fed zu Zinserhöhungen zwingen würde. Das müsste die US-Wirtschaft in eine der schwersten Rezessionen seit dem Zweiten Weltkrieg stürzen."
Der Northern-Trust-Mann empfiehlt Schweizer-Franken-Papiere als relativ sichere Anlage in stürmischen Zeiten. Aktuell hält Faber Immobilien bestimmter Regionen für vergleichsweise attraktiv. In bestimmten wachstumsstarken Schwellenländer wie Brasilien oder China seien die Preise der Immobilien noch relativ günstig. "Auch der deutsche Immobilien-Markt ist wieder recht attraktiv", meint er.
"Meine favorisierte Währung ist langfristig Gold", sagt er. Auch Trudgian kann sich vorstellen, dass sich der Goldpreis binnen fünf Jahren nochmals verdoppelt oder sogar verdreifacht. Faber hält es sogar für möglich, dass in einer Inflationsphase der Dollar-Goldpreis pro Unze den Punktestand des Dow-Jones-Index übertrifft." Zur Erinnerung: Derzeit trennen den Dow mit 12 000 Punkten und die Unze Gold mit rund 1 000 Dollar pro Unze Welten.
