Die Notenbanken beschwichtigen: Der EZB zufolge wurde ein Kollaps der Finanzmärkte wegen der US-Kreditkrise gerade noch abgewendet. Doch gleichzeitig melden sich immer neue Opfer. Der Geldmarktfondsmanager Sentinel hat die US-Aufsichtsbehörde CFTC um Erlaubnis gebeten, Rückzahlungen aufschieben zu dürfen. Auch die Deutsche Bank kappte nach kanadischen Angaben die Kreditlinie für einen dortigen Fonds.
Die Märkte haben sich beruhight, reagieren aber weiter sensibel auf alle Nachrichten zur Subprime-Krise. Foto: ap
HB NEW YORK. Der Geldmarktfondsmanager Sentinel Management Group hat die US-Aufsichtsbehörde Commodity Futures Trading Commission (CFTC) um Erlaubnis gebeten, Rückzahlungen solange aufschieben zu dürfen, bis sie wieder ordnungsgemäß abgewickelt werden können. Wie der Fernsehsender „CNBC“ am Dienstag berichtet, ist Sentinel nicht in der Lage gewesen, umfangreichen Rückgabeanfragen von Fondsanteilen nachzukommen.
„Wir haben ursprünglich gedacht, dass der Markt zur Ordnung zurückkehrt und unsere Klienten sich nicht von der Panik anstecken lassen würden. Unglücklicherweise ist das nicht der Fall“, heißt es in einem Brief von Sentinel an die Kunden, berichtet CNBC. „Wir sind beunruhigt, dass wir den großen Anfragen nicht nachkommen können, ohne die Papiere mit deutlichen Abschlägen zum fairen Wert verkaufen zu müssen und unseren Kunden so einen unnötigen Verlust bescheren“, so Sentinel weiter.
Sentinel Management Group wollte zu dem Bericht von CNBC keine Stellungnahme abgeben. Von der CFTC hieß es, man „kennt die Probleme von Sentinel und hat sie im Blick“. „Kein anderer hat uns mit ähnlicher Problematik darum ersucht.“ Nach Angaben von CNBC hat der Fonds ein verwaltetes Vermögen von rund 1 Mrd US-Dollar.
Auch ein kanadischer Fonds soll in Schwierigkeiten sein. Die Deutsche Bank hat nach kanadischen Angaben die Kreditlinie für einen dortigen Fonds gekappt. Nach Angaben der Verwalter der Fonds MMAI-I und des Global Diversified Investment Grade Income Trust habe das Kreditinstitut MMAI nach Handelsschluss am Montag darüber benachrichtigt, dass sie die zusätzlich benötigte Liquidität nicht zur Verfügung stelle. MMAI sei nicht mehr in der Lage, neue Kreditderivate auszugeben. Auch die Anteilseigner des Global Diversified Investment Grade Income Trust würden davon in Mitleidenschaft gezogen, hieß es.
Die Deutsche Bank lehnte gegenüber Handelsblatt.com eine Stellungnahme ab. Auch die kanadische Notenbank wollte sich nicht äußern. Der kanadische Dollar gab etwa ein Prozent nach. Der US-Dollar stieg am Mittwoch auf 1,0745 kanadische Dollar.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Börsianer trauen der vermeindlichen Ruhe nicht.
Am Vorabend hatte die US-Investmentbank Goldman Sachs erneut schwere Verluste bei Hedge-Fonds eingestanden, und am Morgen machte die spanische Großbank Santander mit angeblich riskanten US-Krediten in Milliardenhöhe Schlagzeilen.
Experten äußerten sich erstaunt über die starken Auswirkungen der Hypotheken- und Kreditkrise in den USA auf europäische Banken. Die EZB überflutet nach Ansicht von Ökonomen den Euro-Raum mit Geld, weil hier der Liquiditätsbedarf der Banken - im Vergleich zu den USA - besonders hoch ist. „Das ist ein psychologischer Aspekt“, sagte Analyst Mario Mattera vom Bankhaus Metzler. Es sei frappierend, wie viele europäische und deutsche Banken von der US-Immobilienkrise betroffen seien. „Deshalb ist das Misstrauen hier sehr groß und der Handel zwischen den Banken derzeit sehr eingeschränkt. Jeder vermutet beim anderen noch schlummernde Risiken.“ Deshalb greife die EZB im Vergleich zur US-Notenbank besonders stark am Geldmarkt ein.
Die EZB hatte den Finanzmärkten erneut 7,7 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt und damit ein deutliches Signal der Entspannung ausgesendet. Die Geldspritze war deutlich geringer als in den Tagen zuvor, als die EZB in drei Schritten den Geschäftsbanken zur kurzfristigen Kapitalversorgung insgesamt mehr als 200 Milliarden Euro bereitstellte.
Doch die Börsianer trauen der vermeindlichen Ruhe nicht. Das Thema dürfte nicht zum letzten Mal für fallende Kurse gesorgt haben, sagte ein Händler. „Das ist keine Sache, die in zwei Wochen erledigt ist. Es wird zwar nicht immer im Fokus stehen, aber bis zu den Zahlen zum dritten Quartal oder sogar den Jahresabschlüssen wird uns das Thema Hypothekenkrise sicher noch beschäftigen.“
Am Dienstagabend wurde bekannt, dass sich mit der Hypothekenbank Aegis Mortgage ein weiterer US-Immobilienfinanzierer wegen der Subprime-Krise unter den Schutz des US-Insolvenzrechts gestellt hat. Unter den ungesicherten Gläubigern sind Morgan Stanley, Goldman Sachs, Merrill Lynch und die Deutsche Bank. Aegis lag im vergangenen Jahr auf Rang 13 der größten Subprime-Anbieter.
Die deutschen Aktien rutschten am Dienstag nach einem schwächeren Handelsverlauf an der Wall Street erneut ins Minus. Finanzwerte kamen belastet durch weitere Verunsicherungen über die Ausmaße der US-Hypothekenkrise erneut unter Druck. So verloren die Titel der Deutsche Bank 2,90 Prozent auf 94,33 Euro, Hypo Real Estate büßten 1,26 Prozent auf 39,99 Euro ein. Auch Commerzbank fielen ins Minus.
