Anleihekäufe der EZB

Der einsame Reiter

Im EZB-Rat stand Bundesbank-Chef Weidmann gestern allein. Als einziger von eigentlich 23 Mitgliedern stimmte er gegen die Anleihekäufe. Viele Deutsche teilen seine Skepsis - doch an den Märkten kommt sie nicht gut an.
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Bundesbank-Präsident, Jens Weidmann, kämpft alleine im EZB-Rat. Quelle: dapd

Bundesbank-Präsident, Jens Weidmann, kämpft alleine im EZB-Rat.

(Foto: dapd)

Düsseldorf/FrankfurtGestern hat EZB-Chef Mario Draghi etwas sehr ungewöhnliches getan. Vor der versammelten Weltpresse tat er kund, wer im EZB-Rat als einziger gegen sein Vorhaben weiterer Anleihekäufe gestimmt hatte. Draghi drückte sich so aus: "Die Entscheidung fiel einstimmig - mit einer Ausnahme". Dann schob er als Erklärung nach: Es sei ja bekannt, dass Bundesbank-Chef Jens Weidmann Vorbehalte gegen Anleihekäufe habe.

Damit stand Weidmann öffentlich als Quertreiber da. Im EZB-Rat sitzen eigentlich 23 Mitglieder. Sechs davon kommen aus dem EZB-Direktorium. Die anderen 17 Sitze haben die jeweiligen Chefs der Notenbanken des Euro-Raums. Neben Weidmann hat auch das deutsche EZB-Direktoriumsmitglied, Jörg Asmussen, einen Sitz im EZB-Rat. Doch er blieb der gestrigen Sitzung fern. Zwar hatten sechs weitere Notenbanker in der Debatte gegen Draghi opponiert, aber am Ende seinem Kurs zugestimmt. Weidmann war der einzige Kritiker, der standhaft blieb.

Für den Stabilitätspolitiker Weidmann bedeuten die Worte des EZB-Chefs eine erneute Niederlage. Es gab praktisch keine Maßnahme der EZB, die Weidmann nicht öffentlich kritisiert hat: Anleihekäufe, Lockerung der Standards für Sicherheiten, Langfristkredite an Banken, Pläne für eine Bankenunion unter EZB-Führung.

Mittlerweile ist der Glaubenskrieg über die richtige Anti-Krisenpolitik in der EZB fast zu einem systemischen Problem geworden. Meinungsverschiedenheiten zwischen den Süd-Europäern, die einer lockeren Geldpolitik das Wort reden, und den Nord-Europäern, die sich vor allem der Preisstabilität verpflichtet fühlen, hat es nach Ausbruch der internationalen Finanzkrise immer wieder gegeben. Doch niemand führe den Kampf so erbittert wie Bundesbank-Chef Weidmann, heißt es in Frankfurter Notenbankkreisen.

Kritiker werfen ihm hingegen Sturköpfigkeit vor. "Jens Weidmann zieht sich auf juristische Positionen zurück und verweigert ein pragmatisches Krisenmanagement", sagen die Kritiker in der EZB über den deutschen Geldhüter.

Weidmann brandmarkte die Anleihekäufe der EZB immer wieder als Rechtsbruch - und als unvereinbar mit dem Mandat der Zentralbank. "Ich kann nicht erkennen, wie das Vertrauen in ein System zurückkehren soll, das seine Gesetze bricht", gab Weidmann im November 2011 zu Protokoll.

Draghis Worte überzeugen die Märkte noch nicht
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86 Kommentare zu "Anleihekäufe der EZB: Der einsame Reiter"

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  • Wehrt Euch endlich gegen diese POLITKRIMINELLEN!

    Inhaftiert Merkel und Schäuble und die ganze Gang.

    P.S. Meine Hochachtung für den einsamen Reiter, der aber so einsam gar nicht ist, wenn man über den Sumpf des Parlaments hinausblickt.

  • DIE MÄRKTE

    Der Ausdruck "die Märkte" verursacht bei mir zunehmend Brechreiz.

    Die Märkte werden gleichgesetzt mit einer unbezwinbaren natürlichen Kraft, der man sich beugen müssen, weil man sie nicht einmal im Ansatz verstehen kann.

    Das ist POLEMIK und PROPAGANDA.

    Die Märkte sind kein Gott und man könnte sie sehr wohl zügeln, wenn man es denn wollte. Aber unsere Politkriminellen dienen "den Märkten" sprich privaten internationalen Großgläubigern. Rothschild, Rockefeller und Co.

    WO bleibt das TRENNBANKEN-SYSTEM?

  • Mit immer mehr Krediten an marode Staaten wird man den Euro nicht retten.

    Es ist wie bei einer privaten Hausfinanzierung. Kann ich meine Raten nicht mehr bezahlen, hilft mir ein neuer Kredit zwar über die nächsten Monate oder Jahre. - Aber was kommt dann?

    Entscheidend ist, dass ich meine Einnahmen steigen kann oder/und meine Ausgaben verringern kann.

    Doch viele Politiker wollen diesen harten Weg nicht gehen. Sie profitieren von einer laschen Einnahmen-/Ausgabenüberwachung.

  • ...wir können nicht aus diesem Euro und es wäre für alle besser, die von Ihnen genannten mafiösen Strukturen zu beleuchten.

    Un zwar so, daß die jeweils davon betroffenen Gruppen Wind davon bekommen und es freiwillig und bestmöglich evolutionieren.

    Ich nenne das einfach mal demokratisieren ;-)

  • Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Merkel,
    in der gegenwärtigen Eurokrise gehört Bundesbankpräsident Jens Weidmann zu denjenigen, die durch Sachverstand und Rückgrat hervortreten, auch wenn Teile der öffentlichen Meinung, besonders in den Südländern, gegenteiliger Ansicht sind. Dafür verdient er unsere volle und bestmögliche Unterstützung. Dies ist mit dem deutschen EZB-Direktor Jörg Asmussen aber nicht gegeben, der bei wichtigen Ratsentscheidungen wie vergangenen Donnerstag gegen die Bundesbankposition stimmte. Was für eine Unterstützung? Warum haben Sie die Besetzung des deutschen EZB-Direktorenpostens durch den SPD-Mann Asmussen unterstützt? Bitte tauschen Sie Asmussen so bald wie möglich durch jemanden aus, der die Position der Bundesbank unterstützt und sie nicht unterminiert!

    Sehr geehrter Herr Bundesbankpräsident Weidmann,
    bitte bleiben Sie standhaft, ich vertraue Ihnen!


  • Jens Weidmann gebührt Dank und Respekt. Ist er doch der einzige der den Mut und Charakter hat, sich gegen die
    mafiöse EZB Spitze zu stellen. Wie es scheint, sind auch im EZB Direktorium nur noch die "Jasager und Abnicker" vertreten, denen Gesetze und Verfassungen in den Staaten der Eurozone gleichgültig sind, solange wie ihnen ihre hochdotierten Posten sicher sind.
    In der derzeitigen Krise scheint für die Politik u.EZB
    alles erlaubt zu sein und ist es auch noch so abwegig.
    Gegen alle Vernunft druckt die EZB Euros was die Druckerpresse hergibt. Die Gefahr von Inflation in der Eurozone scheint niemanden mehr zu interesieren, was letztendlich Europa in den Abgrund führen wird.Ganze Generationen von heute und morgen werden dafür noch die Schulden bezahlen müssen. Ganze Generationen werden ihrer
    Lebensplanung ,Selbstbestimmung sowie ihrer freien Entfaltung beraubt. Jens Weidmann kennt die Gefahren des unkontrolierten Gelddruckens und handelt Verantwortungsbewußt und
    ehrbar. Nicht Jens Weidmann ist der Quertreiber, sondern die unverantwortlichen EZB Bänker und Politiker.
    Mit voran Hollande ,Monti,Junker,Schäuble u.Merkel.Denen geht es nur darum Zeit zu gewinnen in der Hoffnung,daß sich die Probleme von selbst erledigen.
    Die Leute sollten vor Scham in den Boden versinken.
    Schande, Schande, Schande! Was ist nur aus Europa geworden?
    gez. walter werner.artists.de



  • Schlußbemerkung:

    Der IWF warnt die Regierungen der Eurozone vor einer zu zögerlichen Krisenpolitik. Wenn es nicht gelingt, die Schuldenkrise einzudämmen, drohen der Eurozone ein tiefer Abschwung und Notverkäufe von Finanzbeteiligungen, heißt es in einem Bericht des IWF.
    (10:47) - Echtzeitnachricht


    Zwischen Griechenland und den Troika-Geldgeber deutet sich grundsätzliche Einigung über das neue Sparpaket von gut €11,5 Mrd ab.
    (13:29) - Echtzeitnachricht

  • Monti in Reaktion auf die erste "verbale Intervention" von Draghi:


    HELSINKI--Italiens Ministerpräsident Mario Monti rechnet damit, dass der Euro-Rettungsfonds ESM bald ein Banklizenz bekommen wird, was dessen Finanzkraft stark erhöhen würde.
    "Ich glaube, dass wird helfen, ich glaube, das wird in Kürze passieren", sagte Monti in Helsinki. Eine Banklizenz würde dem ESM Zugang zu den Refinanzierungsoperationen der Europäischen Zentralbank (EZB) geben. Damit würde sich seine Schlagkraft vervielfachen.

    Deutsche Bundesbank und Bundesregierung lehnen einen solchen Schritt jedoch ab, weil sie darin eine monetäre Staatsfinanzierung sehen.

    Monti sagte, er sei ermutigt von den "interessanten, entschlossenen und angemessenen" Kommentaren von EZB-Präsident Mario Draghi. Dieser hatte gesagt, die EZB werde innerhalb ihres Mandats alles für den Schutz des Euro Notwendige tun.
    ...

    Gestern sind weitere 17 Banken in Italien abgestuft worden mit der Begründung:

    S&P: Italien droht eine tiefere Rezession als ursprünglich angenommen


    Hier herrschen doch nur noch Lügen und versuchte Manipulation.

  • Wie ist das denn mit Griechenland. Die bekommen nur Hilfsgelder, damit sie ihre Beamten bezahlen können, denn die Kassen sind leer, aber im Besonderen ihre Anleihen bedienen in Zins und Tilgung.
    Davon profitiert das Land nur sekundär, - wobei gleichzeitig deren Schulden erhöht werden - sondern nur die Gläubiger.
    Soll das mit den anderen Staaten wie Italin und Spanien auch so weiter gehen?
    Was halsen wir uns da auf? Ist das noch zu verantworten?

    Spanien hat sich jetzt gedreht und wird wohl auch unter den Rettungsschirm gehen, zuvor war alles in bester Ordnung, nur bitte was für Banken.

    Monti versucht auch das große Rad zu drehen, der immer so seriös heruber kommt, alles ausgefuchste Banker.

    Italiens Ministerpräsident Monti will offenbar ein Bündnis gegen Merkel schmieden. Laut FTD sucht er Verbündete für einen Anleihekauf durch den ESM. Spanien ziehe aber nicht mit.
    08:31 - Echtzeitnachricht

  • Tja, ogar das HB läßt Weidmann im Regen stehen.

    Titelt es doch in seiner Printausgabe:


    Weidmann hat doch noch Verbündete im EZB-Rat - Zeitung

    Kategorie: Marktberichte (Dow Jones) | EZB-Nachrichten (Dow Jones) | Uhrzeit: 11:00

    Bundesbankpräsident Jens Weidmann ist im Rat der Europäischen Zentralbank offenbar doch nicht so isoliert, wie es EZB-Präsident Mario Draghi nach der zinspolitischen Sitzung angedeutet hat.
    Wie das Handelsblatt berichtet, hatten zunächst sechs weitere Notenbanker gegen Draghis Kurs opponiert, das Anleihekaufprogramm prinzipiell wieder aufzulegen. Am Ende hätten sie aber auf die Linie des Chefs eingeschwenkt.

    Am Wochenende vor der Sitzung hatte EZB-Direktoriumsmitglied Jörg Asmussen versucht, die Wogen zu glätten.

    Nach Informationen des Handelsblattes telefonierte er mehrmals mit Weidmann und Draghi, um zu vermitteln. Doch die Positionen zwischen dem EZB-Präsidenten und dem Chef der mächtigsten Zentralbank im Euro-Verbund lagen zu weit auseinander. Selbst ein persönliches Gespräch brachte keine Annäherung.


    und in seiner online-Ausgabe:
    "Der einsame Reiter"

    Vielleicht liegt es an der zeitlichen Verschiebung durch die Ereignisse,aber der Tenor ist ein anderer.

    Jürgen Stark hat genau aus der jetzt zu prolongierenden, angedachten Handlungsweise, die ja auch schon zuvor praktiziert wurde, und von der das Bundesverfassungsgericht als "in Ausnahmenfällen, aber nicht darüber hinaus" sprach, seinen Posten abgegeben. Axel Weber noch etwas früher.

    Bei der Einführung des Euro war die Bundesbank noch EINSTIMMIG dagegen, die Politik hat sich nicht darum gekümmert.
    Man hat danach alles durchgewunken, auch den Griechenlandbeitritt.

    Die Warner der ersten Sunde treffen immer die besten Entscheidungen. Jetzt sind sie auf verlorenem Posten gelandet.

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