Bank of England und der Brexit
Mark Carney – Warner in der Defensive

Der Brexit-Schock hat die britische Wirtschaft hart getroffen: Das Wachstumstempo hat sich seit dem Votum in etwa halbiert. Die Bank of England erwägt eine weitere Lockerung der Geldpolitik, um die Wirtschaft zu stützen.

LondonEs war ein frostiger Empfang, den der einflussreiche Finanzausschuss des britischen Parlaments seinem Gast am Mittwoch bereitete: Er müsse mit einer Art „Anklageprotokoll“ loslegen, sagte der Vorsitzende des Gremiums, Andrew Tyrie, als Mark Carney, Chef der Bank of England, vor ihm Platz genommen hatte. Carney habe es übertrieben, als er im Vorfeld des Brexit-Referendums vor den drastischen wirtschaftlichen Folgen warnte, so Tyrie. Und um sein Warnungen zu rechtfertigen, habe er nach dem Votum überreagiert – etwa mit der Zinssenkung sowie weiteren Schritten, die die Notenbank eingeleitet habe.

Carney brauchte einen Moment, um sich von diesen so deutlich vorgetragenen Vorwürfen zu erholen. Doch dann setzte er zu einer länger andauernden Verteidigungsrede an. Dass Teile der britischen Wirtschaft, allen voran der Finanzsektor, so problemlos durch die Brexit-Turbulenzen durchgesegelt seien, das sei dem Vorgehen der Notenbank zu verdanken. Man habe die Lage stabilisiert, sagte der Notenbankchef.

Vor zweieinhalb Monaten hätten 52 Prozent der Briten dafür gestimmt, dass ihr Land aus der EU austritt. Einige Frühindikatoren in den Wochen danach deuteten darauf hin, dass dies die Wirtschaft auf der Insel in eine Rezession stürzen könnte. Andere Indikatoren wiesen in eine andere Richtung – etwa der Einkaufsmanagerindex des Datendienstleisters Markit für den Dienstleistungssektor im August, der deutlicher gestiegen ist als erwartet. Einige Volkswirte halten die Gefahr einer Rezession daher für gebannt.

Aus Sicht der Notenbank ist es dagegen noch viel zu früh für eine Entwarnung: Der Brexit-Schock hat die britische Wirtschaft hart getroffen: Das Wachstumstempo habe sich seit dem Votum in etwa halbiert. Man erwarte ein Plus von 0,1 Prozent für das laufende Quartal. Eine weitere Lockerung der Geldpolitik könnte folgen, warnte Carney. Die Notenbank sei bereit alles Nötige zu tun, um die Wirtschaft zu stützen.

Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Experten erwarten, dass die Währungshüter im November nachlegen und den Leitzins von derzeit 0,25 Prozent weiter drücken werden. Argumente dafür lieferten unter anderem am Mittwoch vorgelegte Konjunkturdaten. So ging die Industrieproduktion im Juli mit 0,9 Prozent so stark zurück wie seit einem Jahr nicht mehr. Zudem fielen die Häuserpreise im August den zweiten Monat in Folge, wie der Baufinanzierer Halifax mitteilte.

Die Industrieproduktion für Juli sei der erste konkrete Beleg, wie sich die britische Wirtschaft seit dem Referendum entwickele, meint Andrew Brigden, Chefvolkswirt der Analyse- und Beratungsgesellschaft Fathom Consulting. Aber es sei zu wenig, um das volle Ausmaß der Brexit-Folgen einschätzen zu können. Eine Rezession im zweiten Halbjahr hält Bridgen daher weiterhin für möglich, der Abschwung dürfte aber nicht allzu heftig ausfallen. Auch andere Volkswirte meinen, dass einige Konjunkturdaten zuletzt eher zu positiv bewertet worden seien. „Die Risiken für die britische Wirtschaft bleiben ungewöhnlich hoch“, schreibt auch Kallum Pickering, Volkswirt der Berenberg-Bank, in einer jüngst veröffentlichten Kommentar.

Welche Veränderungen ein Brexit für die Wirtschaft auf der Insel mit sich bringt, ist ohnehin derzeit nicht genau abschätzbar. Denn die Regierung hält sich bisher noch mit ihren Plänen in der Öffentlichkeit zurück, wie sie den Austritt umsetzen will und wie die künftigen Beziehungen zwischen London und Brüssel aussehen sollen.

Man werde die Strategie nicht vorzeitig offenlegen und vor allem nicht ständig kommentieren, wie sich das Verfahren entwickle, sagte Großbritanniens Premierministerin Theresa May am Mittwoch im Parlament. „Wir werden keine Entscheidungen treffen, bevor wir nicht dazu bereit sind“, betonte sie.

Sie widersprach damit Brexit-Minister David Davis. Dieser hatte bereits am Montag angedeutet, dass die Regierung den Zugang zum europäischen Binnenmarkt wohl aufgeben werde, da man die Einwanderung einschränken wolle.

Den Zugang zum Binnenmarkt zu behalten sowie einige andere Vorzüge – das zählt zu den Prioritäten der britischen Finanzbranche, die mit nachgelagerten Dienstleistern für zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung auf der Insel sorgt. Zu den Vorteilen der EU-Zugehörigkeit, die die Branche retten will, gehören auch die so genannten Passport-Rechte, die es Banken auf der Insel ermöglichen, von London aus auch Geschäfte auf dem Kontinent zu machen.

Ihre Forderung, diese Rechte zu behalten, haben Banker am Mittwoch bei einem Treffen mit Großbritanniens Finanzminister Philip Hammond klargemacht. Der Sektor will zudem einen möglichst reibungslosen Übergang in die Brexit-Ära und die Passport-Regeln zumindest für eine gewisse Zeit retten. Das Kalkül dahinter: „Das würde uns mehr Zeit geben zu planen und zu überlegen, welche Geschäftsfelder und welche Jobs man am besten wohin verlagert“, heißt es in der Branche.

Eine Zusicherung von Hammond dafür gab es aber zunächst nicht: Man wolle das Beste aus den Verhandlungen mit der EU herausholen, so der Finanzminister. London müsse seine Führungsrolle als Finanzplatz behalten.

Weitere Gespräche zwischen Regierung und den Banken sollen folgen. „Wenn sich nicht bald etwas mehr Konkretes und Verbindliches in den Gesprächen ergibt“, so ein Londoner Banker, der für ein US-Institut arbeitet, „werden wir unsere Umzugspläne möglicherweise schneller umsetzen müssen, als von einigen erwartet.“

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%