Bankenkrise
Top-Ökonomen drängen EZB zur Senkung der Leitzinsen

Die labile Lage der Banken und die Rezessionsgefahr machen den EZB-Schattenrat nervös. Die Ökonomen drängen die Europäische Zentralbank zu klaren Maßnahmen - die bei einer Zinssenkung anfangen, aber lange nicht aufhören.
  • 10

FrankfurtFührende europäische Ökonomen drängen die Europäische Zentralbank (EZB) mit großer Mehrheit dazu, ihren Leitzins schnell zu senken um der zunehmenden Rezessionsgefahr zu begegnen. Von den 15 Mitgliedern des EZB-Schattenrats sprachen sich auf der letzten Sitzung 12 für eine sofortige Zinssenkung aus. Zwei weitere rechnen damit, dass sich ein solcher Schritt bald als notwendig erweisen könnte.

So kritisch ist die Lage der Konjunktur und des Finanzsystems in der Euro-Zone nach Einschätzung der Experten, dass sie der EZB zusätzlich zu einer Zinssenkung sogar weitere Maßnahmen zur Krisenbekämpfung nahelegen. Dem Schattenrat, den das Handelsblatt 2002 ins Leben gerufen hat, gehören Ökonomen aus Finanz- und Forschungsinstituten an.
Nach Ansicht der Ökonomen ist die Konjunkturlage insgesamt, vor allem aber die Lage der Banken bedrohlich. Sie wurden am Dienstag erneut durch die Nachrichten von der Schieflage der französisch-belgischen Bank Dexia bestätigt, die durch ihr hohes Engagement in Griechenland belastet ist - und am Dienstag alle Bankaktien mit nach unten zog.

Angesichts dieser Lage empfiehlt der Schattenrat zusätzliche Maßnahmen, um eine Verschärfung der Bankenkrise und eine Kreditklemme abzuwenden. Dazu gehört die Wiederaufnahme der Käufe von sogenannten Covered Bonds durch die EZB. Außerdem soll sie den Banken wieder langfristige Kredite mit Laufzeiten von einem Jahr oder länger zum Leitzins anbieten, um ihnen bei der Refinanzierung noch stärker entgegen zu kommen.

Der Rat der EZB kommt am Donnerstag in Berlin zusammen um über den Leitzins und andere mögliche Krisenmaßnahmen zu beraten.

Auch über den Schattenrat hinaus rechnen die meisten Volkswirte inzwischen damit, dass die EZB in nächster Zeit mit Zinssenkungen auf die sich immer stärker eintrübende Konjunkturlage und die Turbulenzen an den Finanzmärkten reagieren wird. Diejenigen, die voraussagen, dass Jean-Claude Trichet diesen Schritt noch selbst vollziehen wird, bevor er Ende des Monats turnusgemäß die EZB verlässt, sind allerdings in der Minderheit. Dazu trug bei, dass die Inflationsrate im Euro-Raum, die am Freitag in vorläufiger Rechnung bekannt wurde, überraschend stark auf drei Prozent angestiegen ist. "Das macht es schwieriger für die EZB, eine Zinssenkung zu beschließen oder zumindest anzukündigen", meint Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank.

"Das Rezessionsrisiko steigt steil an", brachte Janet Henry, Europa-Chefvolkswirtin der internationalen Großbank HSBC, die Mehrheitsmeinung im EZB-Schattenrat zum Ausdruck. Die zu hohe Inflation ist nach Meinung der Experten kein Hinderungsgrund. "Die Wahrscheinlichkeit, dass die Inflation bald wieder unter zwei Prozent fällt, ist gestiegen", meint José Alzola vom geldpolitischen Beratungsunternehmen The Observatory Group. Die Lohnsteigerungen seien gering, und die Rohstoffpreise, deren starker Anstieg die Inflation nach oben getrieben hat, sänken bereits wieder.
Im Durchschnitt rechnen die Experten im nächsten Jahr nur noch mit 0,7 Prozent Wirtschaftswachstum, Tendenz stark fallend. Die Inflationsrate wird nach vorherrschenden Prognosen auf 1,7 Prozent zurückgehen.
EZB verzichtet auf klare Signale.

Seite 1:

Top-Ökonomen drängen EZB zur Senkung der Leitzinsen

Seite 2:

EZB-Rat vermeidet klare Signale

Kommentare zu " Bankenkrise: Top-Ökonomen drängen EZB zur Senkung der Leitzinsen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Wer sind die Mitglieder des Schattenrates????
    Hoffentlich nicht zu viele bank- und industrie- und politiknahe Ökonomen.
    Es wäre guter Journalismus, bei solchen Artikeln einen
    entsprechenden link mitzuliefern.
    Danke, Gotthold Zubeil

  • Da muß ich mich aber am Kopf kratzen.
    Ich bin zwar kein Top Ökonom, habe aber noch ein ganz gutes Gedächtnis.
    Vor 2 1/2 Jahren wurden dieselben Argumente benutzt für die wundersame Geldvermehrung. Man müsse den Markt regelrecht fluten, damit sich 1929 nicht wiederholt!
    Nur damals fügte man ehrlicherweise hinzu, daß diese Maßnahme zur Liquiditätsaufstockung der Banken durchaus üblich aber nur zeitlich befristet sein darf. Dies damals ausgegebene Geld müßte dem Markt bald wieder entzogen werden aus vokswirtschaftlichen und inflationären Gründen.

    Ich liebe es gar nicht, wenn man mir hier die Tasche vollügt, auch nicht von Top Ökonomen und mich mit Halbwahrheiten abspeisen will!

    Vielen Dank an HB.

    Schönen Tag noch.

  • Das Problem liegt nicht nur beim Rettungsschirm. Es liegt viel tiefer. Das heutige Problem war schon lange vorhersehbar, aber laesst sich jetzt nicht mehr vor der breiten Oeffentlichkeit verheimlichen. Die muss jetzt naehmlich fuer die jahrelangen Versaeumnisse von Top-Oekonomen und Politikern bezahlen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%