BoE-Chef Carney
Die Neuvermessung der Globalisierung

Der Chef der britischen Notenbank, Mark Carney, fordert Politiker auf, ihren Kampf gegen Ungleichheit zu forcieren. Seine Analyse ist eine Antwort auf die Vorwürfe von Premierministerin May gegenüber seiner Geldpolitik.
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Seine erste Reaktion auf die Kritik an der Geldpolitik der Bank of England fiel noch eher knapp und rüde aus: „Wir werden nicht die Anweisungen von Politikern befolgen“, sagte Mark Carney, Chef der britischen Notenbank, vor mehr als einem Monat, nachdem Großbritanniens Premierministerin Theresa May ihn scharf attackiert hatte. Die unkonventionelle Geldpolitik der Bank of England mache Menschen mit Vermögen reicher und arme Menschen noch ärmer, so May.

Jetzt nahm Carney eine traditionsreiche Vorlesung an der Universität in Liverpool zum Anlass, um Kritikern wie May deutlich ausführlicher zu antworten und dabei die Ungleichheit in Großbritannien zu analysieren, ihre Ursachen und mögliche Auswege zu nennen. Der Notenbankchef kam dabei zu dem Schluss: Das Land erlebe gerade „das erste verlorene Jahrzehnt seit den 1860-er Jahren“, als Karl Marx noch im Lesesaal der British Library in London Teile seines Buchs „Das Kapital“ verfasste. Ähnlich wie damals ändere auch heute technischer Fortschritt das Arbeitsleben der Menschen radikal und die Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise seien spürbar.

Es sei daher verständlich, dass Menschen über niedrige Löhne klagten, über unsichere Beschäftigungsverhältnisse und bemerkenswerte Ungleichheit, sagte Carney. „Volkswirte müssen die Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen, anerkennen.“ Dazu zähle etwa die ungleiche Verteilung der Handelsvorteile. Und Experten müssten eine ehrlichere Bewertung abgeben, wenn es um die Folgen von Globalisierung etwa auf dem Arbeitsmarkt gehe.

Der Notenbankchef wies jedoch Vorwürfe, die Geldpolitik trage zur Ungleichheit bei, zurück. „Geldpolitik hat dafür gesorgt, den Patienten lebendig zu halten und Möglichkeiten für eine dauerhafte Kur durch fiskalische und strukturelle Eingriffe zu schaffen“, so Carney. „Geldpolitik ist kein Schreckgespenst, sondern ein freundlicher Geist.“

Aber es sei an der Regierung, die eigentliche Arbeit zu stemmen, die Probleme zu lösen und die Ursachen dafür anzugehen, dass viele Menschen sich als Globalisierungsverlierer betrachteten. „Wir müssen die Wirtschaft in Schwung bringen, indem wir eine neue Balance bei der Mischung aus Geld- und Fiskalpolitik sowie Strukturreformen schaffen“, forderte Carney, und man müsse ein Wirtschaftswachstum anstreben, von dem mehr Menschen profitierten. Die meisten Lösungen für die Verdrossenheit der Bevölkerung lägen aber eindeutig außerhalb des Aufgabenbereichs der Notenbank.

Großbritannien ist gespalten in einen wirtschaftlich starken Südosten und ein industrielles Brachland im Norden Englands - mit heruntergekommenen Städten, in denen sich Armut und Angst vor Überfremdung breitmachen. Der ehemalige Premierminister David Cameron hat auch die Finanzbranche weiter gefördert und entgegen allen Versprechungen das verarbeitende Gewerbe vernachlässigt. Die massive Ungleichheit gilt als einer der Auslöser, warum mehr als Hälfte der Briten Ende Juni für einen Austritt aus der EU stimmten.

Andy Haldane, Chefvolkswirt der Bank of England, hat jüngst gewarnt, dass die Spaltung und die regionalen Unterschiede sich zuletzt noch verstärkt hätten. London und der Südosten seien die einzigen Regionen auf der Insel, in denen das Einkommen pro Kopf über dem Vorkrisenniveau liege. „Großbritannien steht in Europa eher am Tabellenende”, sagte Haldane im Interview mit der BBC, weil die regionalen Unterschiede so groß ausfielen. Gehälter könnten in bestimmten Regionen bis zu 50 Prozent höher ausfallen als in anderen, die Produktivität um bis zu 60 Prozent.

Theresa May, seit Juli britische Premierministerin, will die Ungleichheit beseitigen: Großbritannien müsse zu einem Land werden, das für jedermann funktioniere - nicht nur für die Privilegierten in der Gesellschaft, hat sie im Sommer nach dem Brexit-Referendum versprochen. Bislang hat sie dem aber keine Taten folgen lassen.

Regierungen müssten im stärkeren Maße die Globalisierungsgewinne umverteilen, forderte Carney. Und nicht nur das. Sie müssten die Menschen auch umschulen und wieder einbinden, damit diese sich nicht mehr so abgekoppelt fühlten. Nur mit Umverteilung könne man eine Form der Globalisierung verwirklichen, von der alle profitieren könnten.

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