Börse in Sorge
Was droht beim Wahlsieg der Populisten in Frankreich?

Nach der Wahl in den Niederlanden steht die Präsidentschaftswahl in Frankreich im Blick: Sowohl ein Sieg der Rechts- als auch der Linkspopulisten birgt Risiken für Anleger - auch für deutsche.
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Paris/FrankfurtDas Superwahljahr 2017 hält Anleger an den Börsen weiter auf Trab. Nach der Parlamentswahl in den Niederlanden im März folgt am Sonntag (23. April) der erste von voraussichtlich zwei Wahlgängen der französischen Präsidentschaftswahl. Die rechtspopulistische Kandidatin Marine Le Pen tritt mit einem nationalistischen Wahlprogramm an und will aus dem Euro austreten. Experten zufolge könnte damit nicht weniger auf dem Spiel stehen als die Zukunft der Gemeinschaftswährung - oder gar der Europäischen Union. Die Börsen dürften deshalb gehörig in Bewegung geraten, sollte sich eine unerwartet hohe Zustimmung für Le Pen abzeichnen.

Doch es gibt noch ein zweites Risiko: Auch die Chancen des linken Außenseiters Jean-Luc Melenchon auf einen Sieg bei der französischen Präsidentenwahl sind laut Umfragen deutlich gestiegen. In einer am Dienstag publizierten Umfrage von Opinion Way kam Mélenchon auf 18 Prozent und lag damit nur noch knapp hinter dem in den Umfragen als Dritter klassierten bürgerlichen Kandidaten François Fillon (19 Prozent). Le Pen führte die Umfrage zur ersten Runde der Präsidentschaftswahl mit 24 Prozent an, vor Emmanuel Macron mit 23 Prozent. Manche Beobachter schließen inzwischen sogar nicht mehr aus, dass Melenchon es nach der ersten Runde am 23. April in die Stichwahl zwei Wochen später schaffen könnte. Ein Grund dafür ist, dass noch immer schätzungsweise ein Drittel der Wähler unentschieden ist.

Mélenchons Programm ist dem der Front-National-Chefin zum Verwechseln ähnlich: Auch er will raus aus dem Euro und aus der EU, auch er will sich Russland annähern und „dem Deutschland von Angela Merkel entschlossen entgegentreten“. Und wie Le Pen plädiert Mélenchon für eine Rente mit 60 und eine stärkere Rolle des Staates. Wie Le Pen spricht Mélenchon die Ängste vieler Franzosen vor der Globalisierung an, verspricht ein Zurück zu einer angeblich glücklichen Zeit, als Frankreich noch nicht „unter dem Dumping durch die Sklavenarbeit der Osteuropäer“ gelitten habe.

Warum schauen viele Anleger auf die Frankreich-Wahl?
Im Gegensatz zu den Niederlanden oder auch zum pleitebedrohten Griechenland ist Frankreich als zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone ein echtes Schwergewicht. Entsprechend nervös sind die Investoren: „Gewinnt Le Pen die Wahl, werden Frankreichs Börsen beben“, schreibt Analyst Daniel Burgmann von der Ratingagentur Scope.

Auch deutsche Anleger, die in europäische Aktien- und Rentenfonds investiert haben, würden die Turbulenzen spüren. Denn der Anteil französischer Werte an den europäisch ausgerichteten Fonds sei groß - häufig größer als der deutscher Werte. Doch auch wer vornehmlich den Leitindex Dax im Blick hat, dürfte stark betroffen sein: Analyst Cedric Spahr von der Schweizer Bank J. Safra Sarasin warnt vor einem Ausverkauf bei vielen kontinentaleuropäischen Aktien.

Wie haben die Börsen bisher auf unerwartete Ereignisse reagiert?
Die jüngste Vergangenheit zeigt, dass die Anleger überraschende und auf den ersten Blick negative politische Nachrichten immer schneller verdaut haben. Dauerte die Kurserholung im Fall des Brexits noch vier Wochen, seien es bei der Wahl Donald Trumps zum neuen US-Präsidenten nur noch vier Stunden und beim italienischen Verfassungsreferendum maximal vier Minuten gewesen, schreibt Analyst Carsten Klude von der Privatbank M.M. Warburg. Ein wichtiger Grund für die gelassene Reaktion der Börsen war das Vertrauen der Anleger in die Geldpolitik der Notenbanken: Die Währungshüter dies- und jenseits des Atlantiks standen immer bereit, notfalls die Märkte zu stützen.

Was droht den Börsen, sollte ein Populist gewinnen?
Derzeit liegt der Sozialliberale Emmanuel Macron in Umfragen deutlich vor Le Pen und noch deutlicher vor Melenchon. Doch der Brexit und die US-Präsidentschaftswahl haben gezeigt, dass sich Demoskopen täuschen können. Sollte ein Populist tatsächlich in der voraussichtlich notwendigen Stichwahl am 7. Mai als Siegerin vom Platz gehen, könnten die Anleger diesmal weniger entspannt reagieren als in der Vergangenheit.

Im Falle eines Triumphs der Rechtspopulistin könnte der Euro Stoxx 50 um bis zu 35 Prozent einbrechen, befürchtet Analyst Lefteris Farmakis von der Schweizer Bank UBS. Dies würde den Eurozonen-Leitindex auf den Stand von Mitte 2012 zurückwerfen. Wegen der Bedeutung Frankreichs für das europäische Projekt hält der Experte den Spielraum für Schadensbegrenzung etwa der Notenbank für weit geringer als zum Beispiel bei der Bekämpfung der griechischen Schuldenkrise.

Wie könnten die Anleger auf eine Niederlage Le Pens reagieren?
Falls der bislang favorisierte und parteilose Kandidat Macron in der entscheidenden zweiten Runde im Mai gewinne, „werden wir eine massive Umschichtung von Geldern in Richtung Europa sehen“, prophezeit Stephanie Flanders, Chef-Anlagestrategin Europa des US-Fondsriesen JP Morgan Asset Management. Schon die Parlamentswahl in den Niederlanden, wo die Rechte unter Geert Wilders klar verloren hatte, habe zu einem vorsichtigen Meinungswandel unter Investoren geführt. Für Europas Börsen dürfte es bei einer Niederlage Le Pens daher weiter nach oben gehen.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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