Brexit
EZB-Vize Constâncio sieht die Politik am Zug

EZB-Vizechef Vítor Constâncio sieht die bisherigen Folgen des Brexits an den Märkten gelassen – ganz im Gegensatz zu den düsteren Prognosen des Ex-Fed-Chefs Alan Greenspan. Doch eine Gefahr bleibe bestehen.

SintraEine kleine Spitze konnte sich Vítor Constâncio nicht verkneifen. Bislang, so der Vize-Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), seien die düsteren Prognosen von Alan Greenspan nicht eingetreten. Der frühere Chef der US-Notenbank Fed hatte gewarnt, dass ein Brexit größere Verwerfungen auslösen könnte als die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers in der Finanzkrise 2008. „Was wir bisher gesehen haben, ist ganz anders als nach der Lehman-Pleite“, sagte Constâncio am Mittwoch auf der EZB-Konferenz im portugiesischen Sintra.

Es habe zwei Tage lang Übertreibungen an den Märkten gegeben, danach habe bereits eine Korrektur eingesetzt. An der fundamentalen Situation der Wirtschaft im Euro-Raum hat sich aus Sicht von Constâncio zunächst nicht viel geändert. So hätten sich etwa die Renditen von Staatsanleihen aus der Euro-Zone nicht deutlich auseinanderentwickelt. Der stärkste Effekt sei bisher bei Bankaktien zu beobachten gewesen. Das führt er auf großes Misstrauen gegenüber den Banken in Europa zurück.

Allerdings sieht Constâncio die Gefahr, dass sich der Brexit stärker auf das Vertrauen von Investoren und Verbrauchern niederschlagen könnte. Noch sei es zu früh, um über weitere Reaktionen zu entscheiden. Falls es allerdings doch zu einem massiven Wirtschaftsabschwung kommen sollte, sei vor allem die Politik gefragt. Auf die rhetorische Frage, was dann gemacht werden könne, antwortet er: „Das betrifft andere Institutionen – das liegt dann nicht bei der EZB.“ Was die Geldpolitik angehe, habe die EZB immer noch Instrumente. „Aber es ist wahr, dass wir schon eine ganze Menge dieser Mittel genutzt haben.“ Dessen seien sich alle bewusst.

Erst im März hatte die Notenbank ihre Geldpolitik massiv gelockert. Unter anderem senkte sie den Leitzins auf null Prozent, führte eine Art Prämie für Banken ein, die mehr Kredite vergeben und erhöhte ihre monatlichen Anleihekäufe von 60 auf 80 Milliarden Euro. Damit will sie die Inflation in Richtung ihres mittelfristigen Zielwerts von knapp zwei Prozent treiben. Der Brexit dürfte dieses Vorhaben erschweren. Im Mai waren die Preise im Euro-Raum um 0,1 Prozent gesunken.

Der Rat der Notenbank trifft sich wieder am 21. Juli. Sollte es bis dahin an den Märkten ruhig bleiben, wird sie vermutlich nicht handeln. Manche Teilnehmer auf der EZB-Konferenz reagierten mit Sarkasmus auf das Ergebnis des Referendums. „Wir sollten uns vom Vereinigten Königreich in Zerrissenes Königreich umbenennen,“ sagte etwa der langjährige Vize-Chef der Bank von England, Charles Bean.

Mallien Jan
Jan Mallien
Handelsblatt / Geldpolitischer Korrespondent
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