Briefwechsel in Washington
Dammit, Janet!

An seinem letzten Arbeitstag schreibt Fed-Chef Ben Bernanke einen Brief an seine Nachfolgerin Janet Yellen. Er hat ein paar Tipps für sie auf Lager – und erzählt von seinem größten Anfängerfehler.
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Dear Janet,

Heute war mein letzter Arbeitstag bei der Fed. Bevor ich morgen nach Florida in den Urlaub fliege, wollte ich Dir noch ein paar Tipps mit auf den Weg geben.

Zunächst einmal lass Dir gesagt sein: Es kommt immer anders, als man denkt. Als ich vor acht Jahren anfing, hatte ich gedacht, ich könnte mir einen lauen Lenz machen. Nach dem anstrengenden Professorenjob wollte ich endlich ein bisschen ausspannen. Was bot sich da mehr an, als der Chefposten bei der Fed? Das war 2006: Die Wirtschaft brummte, die Preise waren im Griff und die Arbeitslosigkeit lag bei schlappen 4,6 Prozent. Eigentlich brauchte man die Zentralbanken gar nicht. Okay, wir mussten ab und zu die Leitzinsen rauf und runter schieben. Aber das hat mein Vorgänger Alan Greenspan von der Badewanne aus gemacht.

Das harte Leben fing erst zwei Jahre später an. Ich kann Dir genau sagen wann: Am 15. September 2008. Da ist die Investmentbank Lehman Brothers von einem auf den anderen Tag Pleite gegangen. Wir saßen ganz schön im Schlammassel! Auf einmal spielten alle verrückt: Die Politiker, die Börsen und die Banken. Aber ich habe zum Glück die Nerven bewahrt. In solchen Situationen musst Du klare Kante zeigen! Uns drohte eine noch größere Krise als 1929.

Ich habe mich dann zu außergewöhnlichen Schritten entschieden. Wir haben den Leitzins auf ein historisches Tief gesenkt. Aber nur mit dem Leitzins kannst Du da wenig machen. Also kauften wir Immobilienpapiere und Staatsanleihen. Mehrere Billionen haben wir dafür ausgegeben. Ein paar kleingeistige sogenannte Experten haben mir deshalb den Spitznamen "Helicopter Ben" verpasst. Auf so was darfst Du nicht viel geben. Im Rückblick kann ich nur sagen: Es war goldrichtig.

 

Mein Kollege Mario Draghi aus Frankfurt war viel zurückhaltender. Zu nennenswerten Anleihekäufen hat sich dieser Zauderer bis heute nicht durchringen können. Wie Du siehst, läuft unsere Wirtschaft viel besser als die in der Euro-Zone. Dein Job wird es nun sein, mein Lebenswerk zu vollenden. Lass Dir verdammt noch mal nicht reinreden, Janet. Auch nicht von Deinem Mann. Er hat einen Nobelpreis gewonnen, aber seien wir ehrlich: Von Geldpolitik hat er doch keine Ahnung!

Nun geht es darum, die expansive Geldpolitik langsam zurückzuführen. Ich rate Dir dabei zur Vorsicht. Besser ein bisschen mehr Inflation als Unsicherheit an den Märkten. Wenn Du den Übergang schaffst, werden es Dir die zukünftigen Zentralbank-Chefs danken. Die haben dann wieder einen ruhigen Job.

 

Best,

Ben

PS: Du kennst ja meine Telefonnummer, falls Du Rat brauchst.   

Mallien Jan
Jan Mallien
Handelsblatt / Geldpolitischer Korrespondent

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  • Selten so gelacht. Geht`s noch dümmer?

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