Bundesbank-Chef
Weidmann warnt vor langer Niedrigzinspolitik

Jens Weidmann übt Kritik an der Geldpolitik der Notenbanken. Versäumten sie es, die Zügel wieder rechtzeitig anzuziehen, würden sie zur Gefahr für die Preisstabilität – und letztlich auch für sich selbst.
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MünchenBundesbank-Chef Jens Weidmann hat vor einer langen Niedrigzinspolitik der Notenbanken weltweit gewarnt. „Die extremen Niedrigzinsen, die wir derzeit in vielen Volkswirtschaften haben, sind auf Dauer mit Risiken verbunden“, sagte das Ratsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag in München. „Es stehen daher alle Notenbanken vor der Herausforderung, die derzeit extrem lockeren geldpolitischen Zügel rechtzeitig wieder anzuziehen, wenn sich Gefahren für die Preisstabilität abzeichnen.“ Die EZB hat im Mai ihren Leitzins auf 0,5 Prozent gesenkt.

Weidmann erneuerte seine Mahnung, die Notenbanken sollten die Grenze zwischen Geld- und Fiskalpolitik nicht verwischen. „Wenn die Geldpolitik für fiskalische Zwecke eingespannt wird, verliert sie über kurz oder lang ihre Fähigkeit, die Preise stabil zu halten“, sagte Weidmann bei einer Veranstaltung des Münchner Volkswirte-Alumni-Clubs. Die Notenbanken seien mitverantwortlich dafür, dass neuerdings ihre Unabhängigkeit und Stabilitätsorientierung infrage gestellt werde. „Sie haben ihr Mandat in der Krise zuweilen arg gedehnt.“ Eine unabhängige, auf Preisstabilität festgelegte und von der Fiskalpolitik klar getrennte Geldpolitik sei wichtiger denn je.

Ähnlich hatte sich Weidmann zuletzt vor dem Bundesverfassungsgericht geäußert. Das Gericht befasst sich mit Klagen gegen das Anti-Krisen-Programm der EZB. Sie hatte im September 2012 angekündigt, unter bestimmten Bedingungen unbegrenzt Staatsanleihen hoch verschuldeter Krisenstaaten zu kaufen.

EZB-Chef Mario Draghi hatte bei der jüngsten Leitzinssenkung alle Optionen offen gelassen. EZB-Chefvolkswirt Peter Praet sieht nach eigenen Angaben noch Raum für weitere Zinssenkungen. An den Finanzmärkten wird jedoch allenfalls in ein paar Monaten und nur bei einer weiteren Verschlechterung der Wirtschaftslage mit einer weiteren Zinssenkung der EZB gerechnet. Die US-Notenbank (Fed) will ihre ultralockere Geldpolitik beenden, sobald die Konjunkturerholung für einen nachhaltigen Rückgang der Arbeitslosigkeit sorgt.

Weidmann kritisierte erneut die Entwicklung, den Notenbanken der Euro-Staaten im Zuge der Krise immer mehr Verantwortung zu übertragen, etwa mit Aufsichtsfunktionen. Dies berge die Gefahr einer Überfrachtung.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Niedrige Zinsen führen nicht nur zu Investitionen, sondern auch zu Fehlinvestitionen in Anlagen, deren geringer Zinssatz die Risiken nicht mehr abdeckt.
    Bei der Suche nach höher verzinslichen Anlagen nehmen die Anleger beispielsweise Junk-Bonds ins Portfolio oder sie investieren in Betongold, was in der USA bereits schief gegangen ist. Bei niedrigem Zinssatz steigt der (Beleihungs-)wert der Immobilien sehr stark an. Jeder leistet sich dank Niedrigzins eine (über-)teuerte Immobilie, die sich nur rechnet, weil der Schuldzins so niedrig ist. Steigt die Inflation und muss die Zentralbank eingreifen um eine Hyperinflation zu vermeiden, dann brechen die Immobilienwerte ein. Ähnliches gilt für Firmenübernahmen. Warum sollte man neue Produkte erfinden, wenn man 50 Mrd. zu 4% anlegen (Firmenübernahme) kann und sich zu 3% gegenfinanzieren kann? Wehe, wenn dann die Gewinne zurückgehen! Die 50 Mrd. Schulden bleiben, auch wenn die Unternehmung nur noch 30 Mrd. wert ist.

    Niedrigzinsen entwerten das Sparvermögen, die Versicherungsleistungen, verteuern jede Art von Versicherungen und führen irgendwann über stark steigende Rohstoffpreise zum Kollaps. Schwellen- und Entwicklungsländer werden nach einem Vertrauensverlust in unsere Währungen Rohstoffe nur gegen Waren liefern oder exorbitante Preise dafür nehmen. Wenn sich aufgrund dieser Entwicklungen viele Banken in einer Schieflage befinden werden, dann wird der Kreditzufluss schwinden und die Wirtschaft trotz Geldüberflutung schrumpfen (Man nennt das Stagflation, die ich als Jugendlicher miterleben durfte). Niedrigzinsen, das ist das Kokain der Finanzmärkte. Zunächst beschert es einem Hochgefühle (steigende Börsen, Immobilien), dann macht es extrem süchtig (Tapering of the Tapering), dann muss die Dosis erhöht werden (kommt noch) und zum Schluss hat man Entzugserscheinungen und kollabiert (im Jahr 2025/Generationenwandel).

    Fazit: Herr Jens Weidmann ist die einzige Person in der Finanzbranche zu der ich noch Vertrauen habe.

  • @Santos)

    "....aber Investitionen in der Wirtschaft werden ermöglicht und auch der Privatsektor kauft sich lang ersehnte wünsche oder gerade Angebote die günstig sind."

    Falsch! Investitionen der Wirtschaft werden fällig, wenn sich ein Investitionsstau ergeben hat (mangelnde Liquidität, Wechsel in der Unternehmendführung, etc.) oder der Betrieb wachsen kann, dann und nur dann wird investiert, egal zu welchem Zins, damit stoßen Sie keine Nachfrage an---> siehe Südeuropa!

    Für den Privatsektor gilt; schauen Sie sich beispielhaft den KFZ-Markt an, hier bringen die Hersteller das Geld mit und das durchschnittliche FZG-Alter beträgt in D etwa 9 Jahre!

    "Und gerade diesen geldkreislauf ist das gesündeste was eine Wirtschaft benötigt."

    Sie argumentieren etwas schwammig, allerdings reguliert sich der Markt immer von selbst, d.h. wir benötigen kein Billiggeld und keine staatliche Lenkung. Eingriffe von Politnieten sind das schlechteste, was sich der Privatunternehmer wünschen kann!

    Zu DM-Zeiten hatten wir Zinsen um 8 %, das war kein Problem, da andersherum auch für Einlagen und Anlagen eine deutlich höhere Rendite als derzeit geboten wurde!

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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