Bundesbank-Studie
Ultralockere Geldpolitik nützt auch den Armen

Kritiker werfen der EZB vor, dass ihre ultralockere Geldpolitik die Ungleichheit erhöht. Diesen Vorwurf weist die Bundesbank in ihrem aktuellen Monatsbericht zurück – und kommt zu überraschenden Schlüssen.
  • 8

FrankfurtBundesbank-Chef Jens Weidmann ist einer der schärfsten Kritiker der lockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Wie kaum ein anderer Vertreter aus dem EZB-Rat betont er stets die damit verbundenen Risiken und Nebenwirkungen.

Doch auch er und die Bundesbank teilen nicht alle Kritikpunkte. Ein häufiger Vorwurf lautet: Die EZB würde mit ihrer ultralockeren Geldpolitik zu höherer Ungleichheit beitragen. In ihrem aktuellen Monatsbericht tritt die Bundesbank dieser Kritik entgegen. „Es erscheint sehr zweifelhaft, dass die expansiven Sondermaßnahmen der letzten Jahre in der Gesamtschau die Ungleichheit erhöht haben“, heißt es darin. Mit Blick auf die Einkommensverteilung „dürften die unkonventionellen Maßnahmen für sich genommen die Ungleichheit eher verringert haben“, folgert die Bundesbank. Kritiker werfen der Europäischen Zentralbank (EZB) vor, mit ihrem Billiggeld-Kurs Sparer zu enteignen sowie über steigende Bewertungen von Aktien und Immobilien lediglich Reiche noch reicher zu machen.

Seit der Finanzkrise hat die EZB die Leitzinsen im Euro-Raum bis auf null Prozent gesenkt und einen Strafzins für Einlagen der Banken eingeführt. Außerdem kauft sie für monatlich 80 Milliarden Euro vor allem Staatsanleihen der Euro-Länder. Dies wirkt sich auf die Vermögens- und Einkommensverteilung aus.

Durch die Anleihekäufe beispielsweise drückt die EZB die Zinsen für Staatspapiere. Das führt dazu, dass Investoren auf andere Anlageformen wie etwa Aktien oder Immobilien ausweichen – und dort die Preise steigen. Ob sich dadurch die Ungleichheit verstärkt, hängt etwa davon ab, wer Immobilien besitzt.

In einigen Euro-Ländern ist die Quote der Hausbesitzer sehr hoch. Auch viele ärmere Leute besitzen eine Wohnung und verschulden sich dafür besonders stark. In einem solchen Fall können Niedrigzinsen die Ungleichheit sogar reduzieren. Insgesamt ist aus Bundesbank-Sicht der Effekt auf die Vermögensverteilung in der Euro-Zone eher unklar.

Was aus Sicht der Bundesbank-Ökonomen unterschätzt wird, ist der Effekt der Geldpolitik auf die Einkommensverteilung. Die Maßnahmen würden sich nicht nur auf Vermögenspreise auswirken, sondern auch auf die konjunkturelle Entwicklung, das Vertrauen der Marktteilnehmer und vor allem die Beschäftigung.

Hiervon würden bei einem wirtschaftlichen Abschwung vor allem gering qualifizierte, ärmere Menschen profitieren. Denn deren Arbeitsplätze seien besonders unsicher. „Geldpolitische Maßnahmen, die das Arbeitsplatzrisiko senken, haben daher großes Potenzial, Verteilungsungleichheit zu senken”, folgert die Bundesbank.

Grundsätzlich gibt es bei Studien zu den Effekten der Geldpolitik immer ein Problem: Es gibt keine Parallelwelt, mit der sich der Status quo vergleichen lässt. Durch die Finanzkrise hat sich die wirtschaftliche Situation in den Industrieländern massiv verschlechtert. Wegen dieser Verschlechterung sind die EZB und andere Notenbanken überhaupt erst aktiv geworden. Deshalb muss unterschieden werden zwischen Veränderungen der Verteilung, die auf das verschlechterte wirtschaftliche Umfeld zurückzuführen sind und Effekten, die direkt mit der Geldpolitik zu tun haben.

Mallien Jan
Jan Mallien
Handelsblatt / Geldpolitischer Korrespondent

Kommentare zu " Bundesbank-Studie: Ultralockere Geldpolitik nützt auch den Armen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Bei mir nützt es eher den Beinen, ich renne täglich von Bank zu Bank und frage nach dem billigsten Zins!

  • Ach Herr Mallien,

    Sie werden doch nicht auf die dümmlichen Sprüche des Signor Draghi und seiner Kollegen (Weidmann inbegriffen) hereinfallen. "Dümmlich" deswegen, weil diese Herren ja nicht dumm sind und die Lage längst begriffen haben, ausserdem wissen, dass sie zunehmend machtlos den Problemen gegenüberstehen, und lediglich noch ihr Publikum für dumm verkaufen, bevor der Abgrund sie verschlingt.

    Ich will ja nicht persönlich werden, aber denken Sie einmal scharf nach. Arbeitsplätze erfordern Investitionen, und die werden nicht getätigt, nur weil Geld und Schuldenmachen nichts mehr kosten, sondern weil die Marktchancen fehlen und eine überbordende Bürokratie jegliche Initiative erstickt. Nullwachstum ist bereits ein Struktur- und kein Konjunkturproblem.

    Die Ungleichheit sinkt? Logo! Die Nullzinspolitik nimmt dem Mittelstand die Ersparnisse und die Alterssicherung weg. Dadurch verarmt er relativ und nähert sich der Armutsgrenze. Das vermindert die Ungleichheit. Aber wollen wir eine solche Anpassung nach unten (die Statistik macht da keinen Unterschied)? Wenn man von verminderter Ungleichheit redet, meint man doch implizit, das die Ärmsten reicher werden und nicht diejenigen ärmer, die sich einen bescheidenen Komfort erarbeitet haben.

    Gute Besserung

  • ...
    Mit welchen Maßnahmen? Um diese Grundfragen drückt sich unsere Politik herum und beschließt bzw. unterlässt Maßnahmen, die letztlich die Schere zwischen Arm und Reich weiter öffnen, obwohl das kein Politiker so benennt und zugibt.
    In der Sozialpolitik gäbe es eine einfache Maßnahme, die auch das Problem der demographischen Entwicklung (Alterung, Bevölkerungsrückgang, immer mehr Rentnern wie auch Mitgliedern der gesetzlichen Krankenversicherung stehen immer weniger Beitragszahlern gegenüber) berücksichtigt: auch große Einkommen und Vermögen (also auch die Produktionsfaktoren Kapital und Boden) beitragspflichtig machen!
    Bis das passiert, mein Tip:
    http://youtu.be/mQvThNJkKb

    In der Steuerpolitik gibt es einen neuen Lichtblick: das Bundesverfassungsgericht hat bei der Erbschaftsteuer mal wieder eine verfassungskonforme Wegweisung gegeben (Eigentum verpflichtet). Auch wenn die Politik erwartungsgemäß dem nicht folgen wird (wie z.B. das von der CSU angekündigte Veto zu Schäubles Vorschlag belegt). Und dass die Familienunternehmer aus allen Rohren schießen, war wohl nicht anders zu erwarten. Zu anderer Gelegenheit singen sie ebenso inbrünstig das hohe Lied des Leistungsprinzips. Nur: Erben ist keine Leistung! Eine Erbschaft ist ein "unverdientes" Vermögen!
    Und in der bayerischen Verfassung ist verankert: „Die Erbschaftssteuer dient auch dem Zwecke, die Ansammlung von Riesenvermögen in den Händen einzelner zu verhindern.“ (Art. 123 Abs. 3) Ob das der wirkliche Grund für das angekündigte CSU-Veto ist?
    Und was hört man von der SPD? Neuerdings will sie sich wieder der sozialen Gerechtigkeit zuwenden!
    Mein Tip:
    http://youtu.be/0zSclA_zqK4
    http://youtu.be/-5X2P5J6MiA
    http://youtu.be/QqoSPmtOYc8
    Was sagt der Bundestag?
    http://youtu.be/QGOx8I0COYg

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%