Dax gibt nach, Euro steigt
Draghi verliert seine Zauberkräfte

EZB-Chef Draghi hat auf der heutigen Pressekonferenz weniger angekündigt, als manche gehofft hatten. Das sprichwörtliche Kaninchen blieb im Hut. Die Märkte reagierten enttäuscht. Was passiert, wenn Zauberkraft nachlässt.
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DüsseldorfMario Draghi hat ein Problem: Die Märkte erwarten von ihm nichts geringeres als Superkräfte. „Alle gehen davon aus, dass Mario Draghi ein Kaninchen aus dem Hut zaubert“, sagte Devisenanalyst Kit Juckes von der Société Générale vor der lang ersehnten Pressekonferenz am Nachmittag. Nur dann, dann kam es nicht heraus, das Kaninchen. Und Marktteilnehmer waren beleidigt. Der Dax brach zwischenzeitlich um 300 Punkte ein, während der Euro mehr als zwei Cent auf 1,08 Dollar gewann.

Doch der Reihe nach. Pünktlich um 14.30 Uhr betrat der EZB-Chef mit seinem Stellvertreter den Saal der Pressekonferenz im neuen EZB-Tower. Sogleich verkündete er ein umfangreiches Maßnahmenpaket, das der Rat zuvor „mit großer Mehrheit“ beschlossen hatte. Unter anderem will die EZB ihr Anleihekaufprogramm in Höhe von monatlich 60 Milliarden Euro bis März 2017 verlängern – und sogar noch darüber hinaus, sollte die Inflation nicht merklich anziehen.

Darüber hinaus kündigte Draghi an, dass man das komplette Instrumentarium geldpolitischer Instrumente ausschöpfen werde. Falls es nötig werde man auch über den Ankauf weiterer, alternativer Wertpapiere – wie etwa die von Städten und Kommunen – nachdenken. „Das Programm zum Ankauf von Vermögenswerten können wir jederzeit in seiner Dauer, seinem Volumen und seiner Strukturierung anpassen“, so der EZB-Chef.

Schließlich sei wichtig, dass die Liquidität im jetzigen Umfang auch dann nicht abnehme, wenn erste Anleihen fällig würden. Daher wolle die EZB im Zweifel den Gegenwert der Anleihen bei Fälligkeit reinvestieren. „Auch über einen langen Zeitraum sollen die Anleihen in der EZB-Bilanz bleiben. Die EZB will in jedem Fall verhindern, dass die Überschussliquidität am Markt zurückgeht“, sagte Draghi.

Bereits zuvor hatte die EZB mitgeteilt, dass sie den Leitzins, zu dem sich Banken bei der Notenbank Geld leihen können, bei 0,05 Prozent belassen wird. Den Einlagenzins, den Banken zahlen müssen, um kurzfristig Geld bei der EZB zu parken, senkte die EZB dagegen um zehn Basispunkte auf minus 0,3 Prozent. Damit wird es für Banken noch teurer, Geld liegenzulassen. Der negative Einlagenzins wird gemeinhin auch als Strafzins bezeichnet.

Auf den ersten Blick erscheint das Maßnahmenpaket umfangreich – dem Markt jedoch war es ganz offensichtlich nicht umfangreich genug. Oder anders: Der Überraschungsfaktor, den Draghi bislang bereits das ein oder andere Mal hervorgezaubert hatte, das buchstäbliche Kaninchen im Hut also, fehlte diesmal. Stattdessen erfüllten die Neuigkeiten maximal das, was Marktteilnehmer erwartet hatten oder sogar ein bisschen weniger. Daraufhin brach der Dax regelrecht ein.

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„Markt muss Maßnahmen erst noch verstehen“

Kommentare zu " Dax gibt nach, Euro steigt: Draghi verliert seine Zauberkräfte"

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  • Draghi verliert seine Zauberkräfte - so ein absolut dummes Zeug. Was der EZB Rat macht, er kauft simpel Staatsanleihen auf, und zwar größtenteils der PIG Staaten, dazu gesellt sich nun Frankreich.
    Es ist nach wie vor eine Enteignung der blöden deutschen Sparer, zugunsten der PIG`s und insbesondere des italienischen Staates.

  • Was würde passieren, wenn Draghi das machen würde, was viele hier meinen empfehlen zu müssen: Sagen wir, er erhöht die Zinsen um 1% und verknappt das Geld, indem er seine Aufkäufe komplett stoppt:

    Folgen:
    1. Der Euro würde wie ein Ballon in die Höhe steigen, z. B. auf 1.20 und dann in Richtung 1.35 entschweben.
    2. Die Exportwirtschaften der EU Länder würden wie ein Boxer nach einem Leberhaken einknicken. Außer Deutschland könnte das kein Land verkraften. Und in D würde sich die Arbeitslosigkeit dramatisch erhöhen.
    3. An den Anleihemärkten GR´s, Italiens Frankreichs würde Panik ausbrechen und die Zinsen würden sich in Richtung 4% bis 6% bewegen. Je 1% fallen bereits für Deutschland 10 Mrd. Mehrkosten an.
    4. Nach weiteren Zinserhöhungen würden womöglich einige Staaten insolvent werden. Folglich müsste man den Einlagesicherungsfond und letztlich die Geldanleger/Sparer/Lebensversicherer/Pensionsfonds in Haftung nehmen.
    5. Alle die, die sich eine teure Immobilie zugelegt haben, müssten mit massiven Zinserhöhungen nach Ablauf der Zinsbindungsfrist rechnen bei gleichzeitigem Wertverlust der erworbenen Immobilie. Eine erhöhte Arbeitslosigkeit wäre auch nicht günstig für den Wohnungsmarkt.

    Ein paar Vorteile gibt es auch:
    Importgüter würden günstiger werden (PKW´s, Öl, exotische Nahrungsmittel)
    Reisen ins Ausland werden billiger

    FAzit:
    Drahgi muss den Tiger reiten und kann nicht mehr absteigen. Er kann wählen, ob er sofort die EU-Wirtschaft an die Wand fährt oder es vielleicht später nicht so schlimm wird.

  • "Vielleicht waren die Erwartungen des Marktes diesmal schlicht übertrieben."

    Das kann man so nicht sagen, denn dass Draghi sein Programm über den September in mindestens gleicher Höhe weiterführen wird, hat auch der skeptischste spätestens Mitte dieses Jahres wissen können. Der heute publizierte Schritt war längst eingepreist.

    Um überhaupt eine spürbare Wirkung - also so was wie Anfang des Jahres - am Markt zu entfalten muss Draghi mindestens das Doppelte bieten, was das Programm ursprünglich mal wert war. Aber mit der mickrigen Summe kann er niemanden mehr überraschen. Draghi verliert in der Tat seine Glaubwürdigkeit, wenn er nicht nachlegt oder nicht spontan eine Besserung der europäischen Konjunktur eintritt.

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