DIW-Ökonom
„Belastungen könnten für Deutschland zu groß werden“

Die EU sieht bereits den Höhepunkt der Krise überwunden. Doch in der Finanzierung der Euro-Staaten schlummert ein gigantisches Risiko, das nur wenig Beachtung findet, sagt DIW-Experte Radde im Interview.
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Handelsblatt Online: Herr Radde, derzeit müssen Banken Staatsanleihen aus Mitgliedsländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)  im Gegensatz zu anderen Vermögenspositionen wie Firmenkredite in ihrer Bilanz nicht mit Eigenkapital unterlegen. Ein Fehler?
Sören Radde: Ja. Durch die Privilegierung von Staatsanleihen der EU-Mitgliedsstaaten in der Bankenregulierung entsteht ein Fehlanreiz. Dieser führt dazu, dass Banken über die Maßen in europäische Staatsanleihen investieren, und zwar insbesondere in die des eigenen Heimatstaates. Die Staatsanleiheportfolien europäischer Banken sind daher alles andere als nach Risikogesichtspunkten ausgeglichen.

Warum?

Ein Blick in die Daten aus dem Stresstest der European Banking Authority von 2011 verrät: Gerade in den von der Staatsschuldenkrise betroffenen EU-Ländern ist die Exposure gegenüber dem Heimatstaat überdurchschnittlich  - in Griechenland beträgt sie etwa 88 Prozent, in Spanien 76 Prozent und in Irland 59 Prozent. Zum Vergleich: Das Staatsanleiheportfolio deutscher Banken ist mit 49 Prozent weniger gegenüber dem Heimatstaat verzerrt.

Aber warum ist das plötzlich ein Problem? Wenn Regierungen Geld brauchen, gehen sie zu Banken, verkaufen ihnen Staatsanleihen und erhalten so Kredit. Das ist doch schon immer so gewesen.

In der Tat. Solange „normale Zeiten“ herrschen, also wenn sich das Kreditausfallrisiko von EU-Staatsanleihen nahe Null bewegt, stellen diese auch eine sichere Anlage dar. Als Besicherung für kurzfristige Kredite übernehmen sie dann eine wichtige Funktion im Liquiditätsmanagement der Banken. Zum Problem wird ein starkes Engagement von Banken bei der Finanzierung ihres Heimatstaates aber in Staatsschulden- oder Bankenkrisen  – dann wächst sich die Krise in einem Bereich nämlich schnell zu einer Zwillingskrise aus, die sowohl den Staat als auch den Bankensektor betrifft. Drohende Bankeninsolvenzen veranlassen den Heimatstaat zu Stützungsmaßnahmen, die ihrerseits die Schuldentragfähigkeit des Staates gefährden können.

Wie gefährlich ist die Abhängigkeit der Staaten von den Banken?

Bankenkrisen können sich auf die Zahlungsfähigkeit eines Staates auswirken. Zum Beispiel hat die Bankenkrise in Irland dazu geführt, dass der Staat einschreiten musste, um einen Kollaps der Kreditversorgung zu verhindern. Mit dem kriselnden Bankensektor ist aber einer der Hauptabnehmer irischer Staatsschuldentitel weggefallen. Die notwendigen Hilfszahlungen an irische Banken haben die Schuldentragfähigkeit Irlands daher überschritten und auch internationale Investoren abgeschreckt. So wurde die Banken- zur Staatsschuldenkrise.

Kommentare zu " DIW-Ökonom: „Belastungen könnten für Deutschland zu groß werden“"

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  • Wir wollen hoffen dass jetzt, ohne Merkozy, die Zeit wo Deutschland und Frankreich eine für sie günstige Entscheidung im voraus vereinbarten und erst dann den anderen EU-Mitgliedern einfach zum Unterschreiben diktiert haben, endlich und für immer vorbei ist.
    Dieses Verhalten ist auch der Hauptgrund für die heutige Krise, weil die getroffenen Entscheidungen die schwächere Wirtschaften der EU ungeschützt waren, was zum Kannibalismus innerhalb der EU geführt hat. Daher Leistungsbilanzdefizite, Haushaltsdefizite, Jugendarbeitslosigkeit, Auswanderung und leider auch Selbstmorde in den schwächeren EU-Ländern.

  • Ja,natürlich ist es völlig unverantwortlich was da geschieht. Aber dass einige jetzt erst merken, dass es für Deutschland zu viel werden könnte, ist ungeheuerlich, denn vielen ist das längst klar. Nur, die Politiker scheren sich einen Teufel um unser Geld. Sie sagen : "zu kurz gesprungen," wenn man Bedenken an ihrem Tun anmeldet, denn sie glauben sie wären dazu berufen ein vereintes Europa zu schaffen,und nehmen dafür alles in Kauf, auch die Vernichtung der Ersparnisse der Bürger, die , wie es scheint,dabei überhaupt nicht zählen. Und Frau Merkel weiterhin mit größter Beliebtheit, aber die SPD und Grüne
    wären noch schlimmer in dieser Sache. Fatal, und in Deutschland scheint es nur wenige zu kümmern !

  • @curiosus
    Doch, die Wirtschaftswissenschaftler haben solche Modelle auch. Das Problem ist aber die enge Verflechtung zwischen Wissenschaft und Banken etc. Der Lobbyist sitzt ja direkt an der Nahtstelle und sorgt dafür, dass nur die Modelle weiter verfolgt werden, die aus seiner Sicht die viel versprechenden sind. Alle anderen Modelle werden deshalb auch eliminiert – siehe bei der Einführung des Euro, die ja durchaus umstritten war.

    Jetzt rächt sich, dass man vor der Einführung des Euro nicht auf die Kritiker gehört hat, sondern so tat, als wisse man alles sehr viel besser und genauer.
    Kaum ist an irgendeiner Stelle des „Gesamtkunstwerks“ ein kleines Mosaiksteinchen locker, fällt es sogleich zu Boden und löst eine kleine Explosion aus.
    Inzwischen sind durch die ständigen Explosionen auch andere, bisher noch versteckte Tretminen aktiv geworden.
    Wer hat denn schon vor 1 Jahr nach der wechselseitigen Abhängigkeit zwischen den Banken und deren Heimatstaat durch den vermehrten Ankauf von Staatsanleihen des Heimatlands gefragt.
    Die netten Tretminen werden nun nach und nach allesamt hochgehen, bis der Euro endlich beerdigt wird.
    Ob wohl eines Tages irgendjemand mal für die Fehlentscheidung namens EURO die Verantwortung übernehmen wird? Wenigstens in den Geschichtsbüchern?
    Und vor allem: WANN wird es endlich soweit sein? Müssen wir erst alle alles verlieren? Unseren Rest an Demokratie, unsere sozialen Sicherungssysteme, unsere Renten und Lebensversicherungen usw.usw.?
    Welches Ziel steht am Ende dieses irrsinnigen Weges?
    Gibt es überhaupt noch ein Ziel oder sind wir inzwischen nur noch Statisten im Verteidigungskampf der Euro-Befürworter im Kampf um ihre Karriere?

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