Europäische Zentralbank
Weidmann befeuert Debatte über geldpolitischen Kurs

Leise wollte Jens Weidmann für Stabilitätspolitik werben. Doch mit einem Warnbrief an Draghi sorgte er erneut für Ärger. Bei der EZB-Sitzung heute steht der Bundesbanker genauso isoliert da wie sein Vorgänger Axel Weber.
  • 24

Frankfurt/LondonDie Stimmung in der EZB ist vor der heutigen Ratssitzung angespannt. Grund ist diesmal nicht die Lage an den Märkten - sie hat sich im Vergleich zu den Vormonaten beruhigt. Dafür treibt ein anderes Problem die Zentralbanker um. Mit seinem jüngsten Brief an EZB-Chef Mario Draghi hat Bundesbank-Präsident Jens Weidmann einen Grundsatzstreit entfacht - und viele andere Ratsmitglieder vor den Kopf gestoßen. Der Brief, der in die Öffentlichkeit gelangt ist, trifft, wie das Handelsblatt aus Notenbankkreisen erfuhr, "bei vielen EZB-Ratsmitgliedern auf Unverständnis".

Vergangene Woche war bekannt geworden, dass sich der 43-jährige Bundesbank-Chef schriftlich an den EZB-Präsidenten gewandt hatte: Er möge doch die Anforderungen, die die EZB an die Sicherheiten stellt, die sie von Geschäftsbanken für Kredite fordert, wieder erhöhen.

Aus Sicht der Bundesbank ist vor allem problematisch, dass die Anforderungen an die Sicherheiten, die für Refinanzierungen mit billigem EZB-Geld hinterlegt werden müssen, im Verlauf der Finanzkrise deutlich gesenkt wurden. Sieben Notenbanken aus den Euro-Krisenländern ist es zudem erlaubt, auf eigenes Risiko Sicherheiten zu akzeptieren, die etwa in Deutschland für eine Refinanzierung bei der EZB nicht ausreichen würden. Die Mindestanforderungen an marktfähige Schuldtitel, die von den Regierungen Griechenlands, Portugals und Irlands begeben werden, wurden sogar gänzlich ausgesetzt.

In der EZB gab es angesichts der schriftlich an Draghi gerichteten Kritik viel Unverständnis. Im EZB-Rat hieß es, es sei unklug von Weidmann gewesen, im Alleingang auf den EZB-Chef zuzugehen, und nicht das Gremium selbst als Plattform für kritische Diskussionen zu nutzen.

„Dass es innerhalb des EZB-Rats erhebliche Diskussionen über den Kurs der Notenbank gibt, ist nicht neu. Überraschend ist aber, dass sie jetzt so offen ausgetragen werden“, urteilt Jens Sondergaard, Europa-Volkswirt bei der japanischen Investmentbank Nomura. „Man muss sich fragen: Sind die Beziehungen schon so zerrüttet, dass Weidmann sich gezwungen sieht, einen Brief zu schreiben?“

Nicht nur Bundesbank-Präsident Jens Weidmann, sondern die gesamte deutsche Stabilitätskultur der Bundesbank ist in die Defensive geraten. Nie zuvor wurden die Tugenden der deutschen Geldpolitik - keine Staatsfinanzierung, strikte politische Unabhängigkeit und ein unbedingter Vorrang der Inflationsbekämpfung - derart offen angefeindet. Keine Zahl illustriert den Konflikt - Geldschwemme versus Geldwertstabilität - besser als jene, die die EZB am Dienstag veröffentlichte: Ihre eigene Bilanzsumme habe jetzt "erstmals die Grenze von drei Billionen Euro überschritten" - das sind umgerechnet 700 Milliarden Euro mehr als die Bilanzsumme der US-Notenbank Fed.

EZB-Chef Mario Draghi hält die Risiken, die sich in dieser enormen Ausweitung der Bilanz widerspiegeln, für "gut gemanagt". Weidmann dagegen betont "die Risiken der Liquiditätsbereitstellung". Die Aussage Draghis versteht er als noch einzulösende "Verpflichtung".

Seite 1:

Weidmann befeuert Debatte über geldpolitischen Kurs

Seite 2:

Weidmann hält den EZB-Zinssatz für zu gering

Kommentare zu " Europäische Zentralbank: Weidmann befeuert Debatte über geldpolitischen Kurs"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • 'Weidmann kämpft einen einsamen Kampf, bis er auch einsehen wird, dass er nichts ausrichten kann, Die Geldgebernationen werden schon seit einiger Zeit von den Geldnehmernationen
    überstimmt ( je Land nur 1 Stimme ) wir laufen
    wie schon Mr. Dax und Otte mehrfach geäußert haben mit
    Vollgas auf ein Reset zu. Rette sich wer kann!!!!

  • Eine Forderung, die quasi faul geworden ist und aus negativem Eigenkapital besteht, ist leider kein Guthaben. Buchhaltung Note 6.

  • Hallo Dr. Leineweber, die "Guthaben" bestehen doch oder? Dann kann doch die dt. Politik dies für uns als Vorteil nutzen um bei Forderungen nach Rettungen erst einmal auf diese Guthaben zu verweisen, ehe für Rettungen von Deutschland neue Kredite aufgenommen werden müßten

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%