EZB-Anleihekaufprogramm
Drohende Geldflut treibt Schweizer Notenbank in die Enge

Die Schweizer Nationalbank steckt in einer Zwickmühle: Sieht sie dem Anleihekaufprogramm der EZB tatenlos zu, droht dem Franken ein neuer Höhenflug. Das wollen die Notenbanker vermeiden. Doch die Optionen sind begrenzt.

ZürichGespannt blicken die Währungshüter der Schweizer Nationalbank (SNB) nach Frankfurt. Sollte die EZB kommende Woche ihre Geldschleusen weiter öffnen, dann dürfte sie damit auch die SNB-Führungsriege um Notenbankchef Thomas Jordan unter Zugzwang bringen. Eine massive Ausweitung des EZB-Anleihekaufprogramms oder noch tiefere Zinsen könnten den Euro schwächen und für einen neuerlichen Höhenflug des Franken sorgen. Das will die SNB mit allen Mitteln verhindern – doch ihre Optionen sind begrenzt. Eine Ausweitung der bestehenden Negativzinsen würde Finanzinstitute und Sparer noch stärker belasten. Und weitere Interventionen am Devisenmarkt blähen das ohnehin umfangreiche Fremdwährungsportfolio der SNB weiter auf. „Das schlechte an der derzeitigen Lage der SNB ist, dass sie nicht mehr viele Möglichkeiten hat“, sagt Credit-Suisse-Ökonom Claude Maurer.

Tag der Entscheidung ist der 3. Dezember, wenn die Europäische Zentralbank (EZB) zu ihrer Ratssitzung zusammenkommt – nur eine Woche vor der nächsten Lagebeurteilung der SNB am 10. Dezember. Neben einer Ausweitung des Anleihekaufprogramms erwarten viele Experten, dass die Währungshüter in Frankfurt den Einlagezins – also den Strafzins, den Banken derzeit für das Parken von Geld bei der EZB bezahlen – von minus 0,2 Prozent weiter senken. Das wiederum könnte die Schweizer dazu veranlassen, ihren Einlagezins von minus 0,75 Prozent ebenfalls nach unten zu schrauben. Denn sie streben ein konstant tieferes Zinsniveau an als andere Notenbanken – mit dem Ziel, den Franken für Investoren damit weniger attraktiv zu machen. Die Analysten der Credit Suisse etwa erwarten, dass die SNB ihren Einlagezins auf minus ein Prozent senkt.

Die Differenz zwischen der Schweiz und der Euro-Zone zeigt sich am Leitzins, der in der Eidgenossenschaft mit rund minus 0,75 Prozent deutlich unter jenem der EZB von plus 0,05 Prozent liegt. Doch die niedrigen Zinsen haben eine Kehrseite: Sie belasten Banken, die sich bei einer weiteren Absenkung dazu entschließen könnten, die Negativzinsen an die Sparer weiterzugeben, sagt ein Händler. Die SNB könne daher nicht beliebig an der Zinsschraube drehen. „An einem bestimmten Punkt muss die Zentralbank Pensionsfonds und Sparer schützen“, sagt der Börsianer.

Um den Franken zu schwächen, setzt die SNB neben Negativzinsen auf Interventionen am Devisenmarkt – etwa indem sie Euro kauft. Nach Einschätzung von Anlageexperte Thomas Stucki von der St. Galler Kantonalbank dürfte die SNB hier auch im Umfeld der EZB-Sitzung am 3. Dezember aktiv werden – um jeglichen Anflug einer Aufwertung des Franken bereits im Keim zu ersticken. Doch auch diese Strategie hat Schattenseiten – denn das Devisenportfolio der SNB war zuletzt bereits 566 Milliarden Franken schwer. In den ersten neun Monaten hatten Währungsschwankungen hier zu einem Verlust von knapp 34 Milliarden Franken geführt.

NordLB-Volkswirt Christian Lips hält es für fraglich, ob Devisengeschäfte allein ausreichen werden, um gegen die Aufwertung des Franken vorzugehen. Falls das nicht gelinge, werde vermutlich kein Weg daran vorbeiführen, noch einmal beim Zinssatz etwas zu machen, schätzt Lips. „Minus 1,00 bis minus 1,25 Prozent kann man sich durchaus vorstellen, ohne dass man in Gefahr gerät, dass es zu unerwünschten, massiven Ausweichbewegungen kommt – etwa durch eine starke Umschichtung in Bargeld“, schätzt der Experte.

Eine SNB-Sprecherin wollte sich nicht zum Vorgehen der Notenbank rund um die EZB-Zinssitzung äußern. SNB-Chef Jordan sagte kürzlich in einem Zeitungsinterview, es brauche ruhiges Blut, um die Situation nüchtern zu analysieren. „Das internationale Umfeld können wir nicht ändern: Es ist so, wie es ist.“

Dabei ist die Zwickmühle, in der die Schweizer Notenbank steckt, nicht neu: Um den Höhenflug des Franken zu bremsen, hatte sie rund drei Jahre lang auf einen Euro-Mindestkurs von 1,20 Franken gesetzt. Doch dann kündigte die EZB vor rund einem Jahr ihr milliardenschweres Anleihenkaufprogramm an und sorgte so für eine Talfahrt des Euro. Die SNB hätte die Kursuntergrenze nur mit milliardenschweren Interventionen aufrechterhalten können. Für sie war das keine Option. Die Notenbanker kippten den Mindestkurs, um künftig nicht mehr am Gängelband der EZB zu hängen. Dieses Ziel scheinen sie noch nicht erreicht zu haben.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur
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