EZB-Chef Draghi
„Die Zinsen bleiben lange Zeit niedrig“

Die EZB geht neue Wege. Nie hat sie sich in ihrer 15-jährigen Geschichte so klar festgelegt: Die Zinsen im Euroraum sollen für "längere Zeit" auf dem aktuellen oder einem noch niedrigeren Niveau bleiben.
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DüsseldorfDie Europäische Zentralbank (EZB) bereitet die Finanzmärkte auf anhaltend niedrige Zinsen vor. "Der EZB-Rat geht davon aus, dass die Schlüsselzinsen in der Euro-Zone noch für eine längere Zeit auf dem aktuellen oder einem niedrigeren Niveau bleiben", sagte EZB-Präsident Mario Draghi am Donnerstag in Frankfurt. Die EZB werde ihren konjunkturstützenden Kurs der Geldpolitik so lange fortsetzen wie nötig.

Kurz zuvor hatte die EZB-Spitze auf ihrer Sitzung beschlossen, den Leitzins wie erwartet auf dem Rekordtief von 0,5 Prozent zu lassen. Anfang Mai hatte die EZB den Schlüsselzins wegen der harten Rezession in weiten Teilen der Euro-Zone zuletzt gesenkt.

Eine klare Definition davon, was mit längerer Zeit gemeint sei, gab Draghi nicht. "Es sind nicht sechs Monate, es sind nicht zwölf Monate - es ist ein ausgedehnter Zeitraum," sagte er. Die EZB werde sich bei ihrer Bewertung an der mittleren Inflationserwartung, der wirtschaftlichen Entwicklung und monetären Dynamik orientieren.

Die Bedingungen der EZB sind deutlich weicher formuliert als die expliziten Zielmarken der US-Notenbank Fed für Arbeitslosigkeit und Inflation, schreibt Berenberg-Ökonom Christian Schulz in einem Kommentar.

„Das Wesentliche ist der 'längere Zeitraum' und die Abwärtstendenz bei den Zinsen. Ich glaube, Draghi will mit diesen Aussagen erst einmal das Marktzins-Niveau stabilisieren, und das hat er sicherlich erreicht,“ sagte EZB-Experte Michael Schubert von der Commerzbank. Ob die Zinsen tatsächlich noch einmal gesenkt würden, sei nach seiner Einschätzung noch offen.

Mit ihrer stärkeren Festlegung in der Zinspolitik reagiert die EZB auf steigende Zinsen an den Finanzmärkten. Draghi dürfte sich in den letzten Wochen genau angeschaut haben, was in den USA passierte. Sein Amtskollege Ben Bernanke hatte angedeutet, dass die US-Notenbank ihr Anleihekaufprogramm bis Mitte 2014 auslaufen lassen wolle. Prompt stiegen die Zinsen deutlich.

Für die EZB wäre eine ähnliche Entwicklung in der Eurozone fatal. Trotz vorsichtiger Hoffnungszeichen steckt die Wirtschaft in der Eurozone nach wie vor am Rande der Rezession. Aus Sicht der meisten Experten wäre es deshalb noch zu früh, um aus der lockeren Geldpolitik auszusteigen.

Draghi hatte sich zuletzt neben einer Zinssenkung auch andere Optionen offen gelassen, wie zum Beispiel einen negativen Einlagezins. Gemeint ist folgendes: Banken, die Geld bei der EZB parken, müssten eine Strafgebühr zahlen. Allerdings gibt es mit einem negativen Einlagezins bisher kaum Erfahrungen.

Diskutiert wurden auch Erleichterungen bei Krediten für kleine und mittelständische Unternehmen. Die EZB könnte zum Beispiel die Verbriefung und den Handel solcher Kredite fördern. Von beiden Maßnahmen ließ Draghi jedoch die Finger und beschränkte sich stattdessen auf die verbale Ebene.

Mit Material von Reuters

Mallien Jan
Jan Mallien
Handelsblatt / Geldpolitischer Korrespondent

Kommentare zu " EZB-Chef Draghi: „Die Zinsen bleiben lange Zeit niedrig“"

Alle Kommentare

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  • Wenn wir Merkel nicht abwählen können, Draghi schon gar nicht. Wie können wir sie also loswerden. Wie unsere
    Altersansparungen sichern?

  • Deutschland ist der größte Nettozahler und jetzt auch der größte Hafter.Deutschland ist das einzige Land,dass durch seine Stärke den Euro garantiert.Deshalb muss Deutschland den EZB-Chef stellen und nicht Italien.

  • 1. Hoer auf zu jammern und kauf Aktien, Fonds - oder Immobilien.

    2. Angesichts der riesigen Schulden Deutschlands und vieler Buerger hoehere Zinsen zu fordern, ist auch daneben. Hoehere Zinsen wuerden also hoehere Steuern oder weniger Leistungen des Staates bedeuten, das Loch im Budget muesste ja gestopft werden...

    3. "Altersarmut wird in 15-20 Jahren dann für viele Deutsche zur bitteren Realität werden." Das mag sein, die Ursache ist aber die Ueberalterung der Gesellschaft. Ein japanischer Minister sagte dazu: "The problem won't be solved unless you let them hurry up and die!" http://www.guardian.co.uk/world/2013/jan/22/elderly-hurry-up-die-japanese

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