EZB-Chef fünf Jahre im Amt  
Draghis Kritiker liegen meistens falsch

EZB-Chef Mario Draghi hat in seiner fünfjährigen Amtszeit durchaus Fehler gemacht. Seine Kritiker konzentrieren sich aber häufig auf falsche Punkte – und liegen weit daneben. Eine Analyse.

Mario Draghi und die Deutschen führen keine Liebesbeziehung. Schon vor seinem Amtsantritt als EZB-Präsident wurde er vom deutschen Boulevard mit Häme und nationalen Stereotypen überzogen. „Mamma mia, bei den Italienern gehört Inflation zum Leben wie Tomatensoße zur Pasta!“, schrieb zum Beispiel die Bild-Zeitung.

Heute wissen wir: Nie war die Inflation in der Euro-Zone und in Deutschland so niedrig wie in der Amtszeit von Mario Draghi. 2015 stiegen die Verbraucherpreise in Deutschland um gerade einmal 0,3 Prozent. Selbst zu Zeiten der Bundesbank hat es das nicht gegeben. Die meisten internationalen Ökonomen würden sich inzwischen wünschen, dass die Preise endlich stärker steigen. Denn sie fürchten nicht etwa Inflation, sondern eine sich selbst verstärkende Spirale aus sinkenden Preisen, Löhnen und wirtschaftlichem Niedergang.

Die Schlagzeile ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Kritiker von Draghi oft weit daneben liegen. Dabei gäbe es durchaus berechtigte Kritik. Die Liste lässt sich fortsetzen.

Ein weiterer populärer Vorwurf lautet: Draghi enteignet mit seiner Niedrigzinspolitik die (deutschen) Sparer. Tatsächlich sind die nominalen Zinsen, die Sparer von ihrer Bank bekommen, so niedrig wie nie. Entscheidend für die Sparer sind jedoch die Realzinsen. Das ist der Betrag, der den Sparern von ihren Zinsen nach Abzug der Inflation bleibt.

Das bedeutet: Je höher die Inflation, desto höher muss auch der Zins sein, um die Kaufkraft der Ersparnisse zu erhalten. Umgekehrt genügen bei einer geringen Inflation bereits niedrigere Zinsen.

Die (Nominal-) Zinsen sind zwar so niedrig wie nie, aber die Inflation ist sogar noch stärker gesunken. Die Deutsche Bundesbank kommt in einer Studie zu dem Ergebnis, dass solche negativen Realzinsen in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland „eher die Regel als die Ausnahme“ gewesen seien. Sparer haben in der Vergangenheit vielleicht auch mal Zinsen von drei oder vier Prozent bekommen, aber damals lag die Inflation dann auch zum Beispiel bei fünf Prozent. Das heißt: Die Kaufkraft der Ersparnisse ist geschrumpft.

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