EZB-Geldpolitik Die Zweifel wachsen

Wird die EZB ihre extrem lockere Geldpolitik fortsetzen? Die meisten Experten erwarten trotz gestiegener Inflationsrate kein Ende der Geldschwemme. Allerdings lässt die Äußerung eines prominenten EZB-Mitglieds aufhorchen.
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„Mit der Zeit wird der Nutzen geringer und die Risiken größer.“ Quelle: Reuters
EZB-Direktorin Sabine Lautenschläger

„Mit der Zeit wird der Nutzen geringer und die Risiken größer.“

(Foto: Reuters)

MünchenKritiker von Mario Draghis Geldpolitik gibt es wahrlich genug: Ökonomen, Investoren, Banken, Versicherer und nicht zuletzt Sparer zählen zu denjenigen, die die extrem lockere Geldpolitik des Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) mittlerweile für nicht mehr sinnvoll halten.

Jetzt ist eine gewichtige Stimme hinzugekommen: Auf einer Veranstaltung der Bundesbank in München hat sich Sabine Lautenschläger – EZB-Direktorin und damit Mitglied des engsten Kollegenkreises um Draghi – gegen eine weitere Lockerung der Geldpolitik im Euro-Raum ausgesprochen. Sie sei „sehr skeptisch“, was weitere Zinssenkungen oder zusätzliche expansive geldpolitische Maßnahmen angehe, sagte Lautenschläger. „Mit der Zeit wird der Nutzen geringer und die Risiken dieser Maßnahmen größer.“ Lautenschläger ist auch stellvertretende Vorsitzende der EZB-Bankenaufsicht.

Es greife aber zu kurz, allein die EZB für die niedrigen Zinsen verantwortlich zu machen, sagte die Notenbank-Direktorin. „Das ist ein bisschen so, als würde man den Zahnarzt dafür verantwortlich machen, dass er eine Wurzelbehandlung durchführen muss.“ Lautenschläger zufolge spiegeln Zinssätze die wirtschaftliche Lage wider. Und diese werde von Faktoren außerhalb der Geldpolitik beeinflusst, wie etwa von der Steuer- und Finanzpolitik sowie von Strukturreformen.

Sie sei die erste, die dafür sein werde, aus der Niedrigzinspolitik auszusteigen, sollte sich die Notenbank wieder auf einem anhaltenden Pfad in Richtung ihres Inflationsziels bewegen. Aber dies sei „zur Zeit noch nicht der Fall“, sagte Lautenschläger. Die EZB strebt knapp zwei Prozent Inflation als Idealwert für die Wirtschaft im Euro-Raum an.

Immerhin aber scheint sich das Gespenst der Deflation, mit dem Draghi seine experimentelle Notenbankpolitik der vergangenen Jahre immer rechtfertigte, nach und nach zu verflüchtigen. Im Oktober stieg die jährliche Inflationsrate im Euro-Raum ersten amtlichen Schätzungen zufolge auf 0,5 Prozent nach 0,4 Prozent im Monat zuvor. Das ist zwar immer noch weit entfernt vom EZB-Ziel – doch hatten die Preisveränderung in den Vormonaten zeitweise sogar im negativen Bereich gelegen. Für Anfang 2017 rechnen sogar viele Analysten vor allem dank des gestiegenen Ölpreises mit Werten deutlich oberhalb von einem Prozent.

Und: Der Euro-Raum ist dabei kein Einzelfall – auch in den USA, Großbritannien und Teilen Asiens steigt die Inflationsrate wieder. So rechnet die US-Bank JPMorgan damit, dass die globale Inflation bis Mitte nächsten Jahres auf 2,5 Prozent steigt – von unter zwei Prozent in diesem Jahr.

Aufschwung nicht ausbremsen
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13 Kommentare zu "EZB-Geldpolitik: Die Zweifel wachsen"

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  • Zunehmende Kollateralschäden des geldpolitischen Irrweges der EZB betreffen ja nicht nur die Enteignung der Sparer und die Schwächung der Banken. Der Nullzins verlangsamt vor allem den wirtschaftlichen Strukturwandel und damit die künftige Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft. Anders gewendet: Wegen erhoffter konjunktureller Impulse heute gefährdet die EZB den Wohlstand von morgen. Richtig ist aber auch: Man sollte die EZB nicht zu sehr kritisieren. Denn letzten Endes versucht sie, wenn auch vergebens, der Politik Zeit zu geben, um den Euro nachhaltig zu stabilisieren. Tragisch, dass die europäische Politik diese Zeit nicht genutzt hat, um notwendige Reformen im erforderlichen Umfang durchzusetzen. Wenn der Euro am Ende doch scheitert, wie es die Mehrzahl der vernünftigen Ökonomen vorhersieht, dann ist es die europäische Politik, die dafür die Hauptverantwortung trägt. Und da sind es vor allem deren Hauptakteure.

  • @Müller

    Da wäre ich mir nicht so sicher, dass die Leute dafür einen Job haben. vielleicht ist das nur die Behauptung der Banker, die den A... gerettet haben wollen, dass das ja eigentlich der Allgemeinnutzen ist.

    Doch: eine Volkswirtschaft kann allein über ihre Verhältnisse leben, ohne das jemand das finanziert. die Geldmenge ist ja keine Konstante mehr. Ein Anstieg der Geldmenge an sich ist ja auch kein Problem, wenn entsprechende Werte geschaffen würden, die die entsprechende Geldmenge / Schulden tragen würden. Wenn aber die Geldmenge erhöht wurde, ohne das ein Gegenwert besteht, dann ist irgendwann das Ende erreicht.

    Viel schlimmer ist noch, dass ein Teil der Volksiwrtschaft eben davon lebt, dass jemand die Geldmenge aufbläst... und die haben Dank Herrn Draghi halt jetzt noch etwas länger einen Job, bis Herr Draghi auch mit der Geldpresse am Ende ist. Danach sind die trotzdem arbeitslos!

    Mit Draghis süsser Geldspritze wird alles mögliche erreicht, aber nicht, dass am Ende des Versuches im Süden von Europa irgendetwas wettbewerbsfähiges entsteht. Woher denn auch... ohne Realwirtschaft geht das nicht, und die verschlechtert sich unter Draghi beständig!

  • Ja Herr Baron, Sie haben recht, die Sozis verdienen es nicht anders. Wer ist schon so blöd und wählt seine Metzger selbst, hat der Edmund Stoiber gesagt.

  • Im Prinzip ist es schon so wie im Artikel beschrieben. Die Zinspolitik führt zwar dazu, dass man keine Zinsen mehr bekommt, dafür haben aber mehr Leute einen Job. Irgendwo konnte ich lesen, dass sich das Lohnniveau in Europa immer stärker angleicht. Zum einen durch die Austeritätspolitik im Süden und zum anderen durch die Lohnsteigerungen im Norden. In 3-4 Jahren werden Spanien & Co. wieder wettbewerbsfähig sein. Durch leichte Zinsanstiege wird das Kapital aus den Blasen abgelassen und es wandert in vom Norden in den wirtschaftlicheren Süden, weil dort durch die Wettbewerbsvorzeile und den Wachstumsschub erheblich mehr Rendite zu erwirtschaften sein wird. Dass die Immobilienpreisen hierzulande um bis zu 40% nachgeben werden, genauso wie Aktien, und die Arbeitslosigkeit wieder steigt interessiert doch dann nur den letzten gebissenen Hund - was in der Regel eher Privatleute und keine Investoren sein werden. Das ist der eigentliche Clou bei der Umverteilung von Nord nach Süd.. wobei man fairerweise sagen muss, dass der Süden dann fast 10 Jahre lang geblutet hat.

  • "Immerhin aber scheint sich das Gespenst der Deflation, mit dem Draghi seine experimentelle Notenbankpolitik der vergangenen Jahre immer rechtfertigte, nach und nach zu verflüchtigen."

    Es ist sehr beruhigend zu wissen, dass der Herr Drghi eine "experimetelle Notenbankpolitik" betreibt.
    Da bleibt zu hoffen, dass das Experiment nicht "in die Hose geht", denn haften wird für den "missglückten Versuchsaufbau" leider sicher nur der Normalbürger.

  • Herr Draghi ist der Größte, er versorgt uns Investoren mit kostenlosem Geld und wir kaufen dafür Sachwerte. Jeden Tag wächst unser Reichtum. Eine endlose Zahlung von Dividenden gelangt auf unsere Konten. Der Sozen-Mob wird richtig abkassiert und zahlt am Ende die Zeche. So muß das sein, da lacht das Finkenherz.

  • Wenn die Zinsen steigen dann:
    - Werden Staatsschulden unbezahlbar (Japan, PIIGS, USA, China, ...)
    - kollabiert der Immobilienmarkt
    - kollabiert der Aktienmarkt in USA, EU, China, Japan. Zur Zeit nehem Firmen 1% Kredite auf und kaufen am Markt ihre eigenen Aktien zurueck auf die sie sonst 3-4% Dividenden ausschuetten.
    - sitzen diverse Zentralbanken auf 100ten von Milliarden oder gar Billionen in Verlusten von den 0% (Staats-)Anleihen die sie ueber die letzten Jahre gekauft haben und die dann, dank hoeherer Zinsen, erheblich weniger Wert waeren.
    - Allgemeine Kredit Deflation mit Zahlungsausfaellen wie sie die Welt noch nicht gesehen hat
    Fazit: Man wird zwar immer wieder damit drohen das die Zinsen steigen aber man sitzt in der Falle. Wenn die Zinsen steigen dann ist aus den oben genannten Gruenden Ende Gelaende. Dann kommt der Reset. Das wissen auch die Bankster, deshalb reden sie nur. Es gibt kein Zurueck.

  • @Herr Herbert Maier, so ist es! Die meisten Sparer, die immer nur auf die Verzinsung ihrer Einlagen geschaut haben und damit, bei Gott, nicht unschuldig an der sich exponentiell ausbreitenden Verschuldung der letzten dreissig Jahre sind, machen sich dies aber nicht bewusst und klagen lieber weiter ob ihrer niedrigen Zinsen für ihr Erspartes.

  • Das Problem ist der Euro bzw. die Euro-Zone. In Italien gibt es derzeit tatsächlich eine Deflation, insbesondere eine Lohndeflation. Die Preise sinken dort, die Löhne aber noch schneller.
    Ähnliches gilt wohl für Spanien und leicht vermutlich auch für Frankreich.
    In Deutschland haben wir dagegen eine sehr hohe Inflation, die sich nur bei den Gütern des täglichen Bedarfs, wo in Deutschland eine starke Konkurrenzsituation herrscht, noch nicht auswirkt. Auch kommt uns dabei der niedrige Ölpreis zugute. Bei Vermögenswerten haben wir dagegen geradezu eine Preisexplosion, was man schön an den Immobilienpreisen, aber auch an den Aktiennotierungen sehen kann. Auch Oldtimer, alter Wein und Kunst haben eine gigantische Wertsteigerung hinter sich. Genaugenommen ist der Wert der Güter nicht gestiegen, aber der Wert unserer Währung ist ca. 25 - 30% abgesackt. Zudem haben wir bei den Krankenversicherungen eine gigantische Inflation. Bei der GKV nur ein wenig, aber bei der PKV wurde massiv (bis zu 35%) erhöht.

    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Erst wird behauptet, die Zinsen müssen niedrig bleiben, weil keine Inflation ist. Jetzt sagt man, man will den wirtschaftlichen Aufschwung nicht ausbremsen. Mal schauen, was als nächstes Scheinargument kommt. Der wahre Grund ist aber: Man kann die Zinsen nicht erhöhen, weil dann die Lawine von Preisverfall bei Immobilien, Privat-, Banken und Staatspleiten beginnt, bis ds ganze Geldsystem zusamenbricht.

    ! Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich. !

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