EZB-Krise
Starks Abgang stürzt Europa ins Ungewisse

Die deutsche Notenbank-Chronik ist reich an spektakulären Abgängen. Der Rücktritt Jürgen Starks gehört zu den dramatischsten, und womöglich zu den folgenschwersten. Ein Essay.
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Die Geschichte eines Landes spiegelt sich in der Geschichte seines Geldwesens wie auch in der persönlichen Dramaturgie seiner währungspolitischen Leitfiguren. Von Rudolf von Havenstein im Inflationsjahr 1923 bis hin zu Karl Otto Pöhl 1991, die Abdankungen des „Hitler-Magiers“ Hjalmar Schacht 1930 und 1939 inklusive. So unterschiedlich sie sein mögen, die Verabschiedungen der Notenbanker gehen auf frappierende Weise mit Notsituationen und geopolitischen Erschütterungen einher. Sie markieren Meilensteine epochalen Ausmaßes.

Nun fügt sich Jürgen Stark, der seit 2006 amtierende Chefökonom der Notenbank, in diese Konstellation. Auch er war ausreichend stark, um den Zeitpunkt seines Abtritts selber zu bestimmen, aber bei weitem nicht stark genug, um im monetär-finanziellen Bereich Befürchtetes abzuwenden.

Zu einem äußerst sensiblen Zeitpunkt, wo auf mehreren Fronten die existenzielle Krise der Wirtschafts- und Währungsunion eine neue Zuspitzung erfährt, stellt die Amtsniederlegung Starks eine Zäsur dar, deren Auswirkungen sich weit über die deutschen Grenzen hinaus erstrecken. Das Zeitalter der ursprünglich konzipierten, im Sinne der alten D-Mark gestalteten, das Erbe der Deutschen Bundesbank wahrenden Währungsunion scheint nun vorbei zu sein. Wenn kein Wunder geschieht, wird eine neue Ära der Ungewissheit und der Unberechenbarkeit folgen.

Als Vertreter der größten und solidesten europäischen Volkswirtschaft, als Vertreter der wichtigsten Gläubigernation, vor allem als Vertreter des Landes, in dessen währungspolitischem Antlitz vor zwölfeinhalb Jahren das einheitliche europäische Geld überhaupt erst geschmiedet wurde, kam und kommt Stark im sechsköpfigen EZB-Direktorium eine überdimensionierte Stellung als faktische Nummer zwei hinter dem Präsidenten Jean-Claude Trichet zu.

Im Alleingang kann und darf Stark die Weichen für die europäische Geld- und Währungspolitik nicht stellen - genauso wenig wie andere im Vorstand oder im 23-köpfigen Rat der Zentralbank. Aber seine souveräne Entscheidung, gerade jetzt die Riege der Weichensteller zu verlassen, deutet darauf hin, dass Deutschland und Europa währungspolitisch Neuland betreten. Möglicherweise mündet der Rücktritt nun zum vierten Mal seit den 20er-Jahren auf verhängnisvolle Weise in eine Neuformierung des deutschen Geldwesens.

Kommentare zu " EZB-Krise: Starks Abgang stürzt Europa ins Ungewisse"

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  • entschuldige, aber wie kann man einen solchen schwachsinn von sich geben.

  • Es wäre zu wünschen, dass Herr Stark öffentlich seine Gründe für den Rücktritt erläutert.
    Das ist er den deutschen Bürgern schuldig.
    Wenn deutsche Stabilitätsinteressen in der EZB permanent überstimmt werden, muss Deutschland im eigenen Interesse endlich aus dieser unsäglichen Währungsunion austreten!
    Je eher umso besser.

  • "Trichets chamäleonartigem Verhalten im europäischen Medientheater zum Trotz, ist es kaum zu verbergen, dass im Zweifelsfall sein Herz eher für ein französisches als für ein deutsches Europa schlägt......
    Das Zeitalter der ursprünglich konzipierten, im Sinne der alten D-Mark gestalteten, das Erbe der Deutschen Bundesbank wahrenden Währungsunion scheint nun vorbei zu sein. Wenn kein Wunder geschieht, wird eine neue Ära der Ungewissheit und der Unberechenbarkeit folgen." (Zitate)

    Trübe Aussichten also -aber nicht überraschend. Irgendetwas stimmte schon lange nicht mehr mit der EZB - haben sicherlich viele vermutet, wenn es hier dann noch heißt:

    "Stein des Anstoßes waren Differenzen mit EZB-Präsident Trichet über den Ankauf von Staatsanleihen schwächerer Euro-Länder. "

    Bisher konnte die EZB sich immer anonym vornehm zurücknehmen - bis die Sache plötzlich mit dem "Krug" kam, jenem Krug also, der plötzlich einen Sprung hat und der bekanntlich nur so lange zum Brunnen gehen konnte, bis .... usw. usw. .?

    Nur -so ohneweitersl wird man nicht zur "Tagesordnung" zurückkehren können, wenn man hier
    schon voraussagt:

    "....unter der neuen Führung eines Mario Draghi,.... ein schwerwiegender Interessenkonflikt programmiert (wird), der das bisher Geschehene noch in den Schatten stellt."

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