EZB-Ratssitzung

Leitzins gesenkt, Strafzins für Banken

Die EZB schießt aus allen Rohren und trifft eine historische Entscheidung: Der Leitzins sinkt auf 0,15 Prozent, Banken müssen Strafen zahlen, wenn sie Geld bei der EZB parken. Kann das gut gehen?
Update: 05.06.2014 - 14:33 Uhr 15 Kommentare

Was sich für Sparer jetzt noch lohnt

Noch nie hatten sich die Ratsmitglieder der Europäischen Zentralbank (EZB) vor einer Sitzung so weit aus dem Fenster gelehnt. Selbst Bundesbank-Chef Jens Weidmann spielte diesmal mit –  und spekulierte über einen negativen Einlagenzins für Banken. Dieser könne die Kreditvergabe an Unternehmen anregen, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. Weidmann hat, zumindest mit dem ersten Teil, seiner Spekulation recht behalten. Der Strafzins kommt (lesen Sie die aktuellen Ereignisse rund um die EZB-Entscheidungen hier im Liveblog).

Allein das ist ein Novum. Bisher hat sich noch keine große Notenbank an dieses Mittel herangewagt. Ein negativer Einlagenzins soll die Banken abschrecken, ihr Geld bei der EZB zu parken. Stattdessen sollen sie es untereinander verleihen oder an Unternehmen weiterreichen, so die Hoffnung. Die Strategie ist jedoch nicht ohne Risiko.    

Grund für die neue Tonlage ist die anhaltend niedrige Inflationsrate im Euro-Raum. Im Mai fiel sie von 0,7 auf 0,5 Prozent – und liegt damit weit entfernt vom langfristigen Inflationsziel der EZB von nahe zwei Prozent. Zwar gibt es von konjunktureller Seite positive Signale: So haben Länder wie Spanien und Portugal die Rezession hinter sich gelassen. Auch die Arbeitslosigkeit in der Euro-Zone fällt. Noch schlägt sich dies allerdings nicht in den Preisen nieder.

Analyst Christian Schulz von der Berenberg Bank sieht die EZB jetzt am Zuge. „Der wesentliche Punkt ist nicht die aktuelle Preisentwicklung, sondern sind die Inflationserwartungen“, sagt er. „Wenn die Tarifpartner längerfristig von einer niedrigeren Inflation ausgehen, besteht das Risiko einer Spirale nach unten.“ Je länger die EZB ihren Zielwert verfehle, desto größer sei das Risiko.     

Da sich die Tarifparteien bei ihren Lohnabschlüssen an der Kaufkraft orientieren, hat die Erwartung letztlich auch großen Einfluss auf die tatsächliche Inflation: Sie wirkt wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Wenn die Gewerkschaften mit einer höheren Inflation rechnen, fallen in der Regel auch ihre Lohnforderungen höher aus – und die treiben wiederum die Inflation.

Schulz geht davon aus, dass Draghi handelt. „Vermutlich wird die EZB den Leitzins senken und einen negativen Einlagenzins einführen“, sagt er. Außerdem könne sie über Langfristkredite weiteres Geld in den Bankensektor pumpen. Der Chefvolkswirt der französischen Investmentbank Natixis, Sylvain Broyer, ist skeptisch, ob sich die Inflation dadurch erhöhen lässt. „Um die Inflation anzufachen, müsste die EZB den Euro schwächen oder gezielt der Realwirtschaft helfen. Zum Beispiel durch Gutscheine für mittelständische Unternehmen“, sagt er. Direkte Hilfen für die Realwirtschaft sind für die Notenbank jedoch sehr schwierig. Zwischen der EZB und der Realwirtschaft stehen die Banken. Bei fast allen diskutierten Maßnahmen ist die EZB darauf angewiesen, dass sie ihre Impulse weiterleiten. Eine Zinssenkung beispielsweise hat nur dann einen nennenswerten volkswirtschaftlichen Effekt, wenn in der Folge auch die Kredite der Banken an Unternehmen und Haushalte billiger werden.

Ein negativer Einlagenzins wäre nur eine Möglichkeit, um zu handeln. Ein Überblick über Draghis Optionen:

Zinssenkung
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15 Kommentare zu "EZB-Ratssitzung: Leitzins gesenkt, Strafzins für Banken"

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  • Ein trauriger tag! warum? Weil die leute die eh schon nichts haben abgezockt werden, die banker sich noch mehr die taschen stopfen dürfen und risiko investitionen gefördert werden.

    Die leute die nun aus angst in risikoinvestments gehen, sind die selben die dann auch "zu spät" wieder da raus kommen.

    Wir haben ein bildungsproblem (und das sind nicht die hochschulen) und ein existenzgründer problem. Es kann doch nicht war sein das man gezwungen ist ein business in die UK zu legen nur um in den genuss begrenzter haftung zu kommen sprich limited.

    Ebenso unverständlich das bei gründungsvorhaben mit geringen kapitalanforderungen so viel bürokratie im wege steht um das benötigte kapital aufzutreiben.

    Achja, und dann wären da ja noch die konservativen investment möglichkeiten, hat wohl keiner dran gedacht das es die leute oder sogar banken dahin ziehen könnte...

  • Pure Verzweiflung!
    Jetzt am Besten in einer konzertierten Aktion alle Einlagen bei den Banken abheben und der Spuk mit diesem planwirtschaftlichen und sozialistischen Finanzsystem ist ganz schnell vorüber.

  • Ich habe sofort Gold geordert - ob ich jetzt KEINE Zinsen für die Lagerung bei der Bank bekomme oder Gold an einem sicheren Ort verwahre, bleibt sich unterm Strich das Gleiche. Nur mit dem Unterschied: Das Papiergeld wird dauernd weniger, das Gold hingegen ist nie nichts mehr wert.

  • Der richtige/einzige Weg wäre deshalb, zurück zu den Nationalwährungen.

  • es fleißt doch schon jetzt da hin, wo es gebraucht wird, in marode Banken und überschuldete Haushalte. Es ist nicht Aufgabe der EZB direkte Finanzierungen vorzunehmen, dazu fehlen ihr auch alle Voraussetzungen. Die Banken sind doch liquide und finanzieren sinnvolle Kreditanfragen. In Südeuropa herrscht aber keine Nachfrage nach Krediten, einmal mangels sinnvoller Investitionen und zweitens wegen immer noch bestehender hoher Risiken. Für alle Kredite (außer Staatsanleihen) müssen Banken Eigenkapital binden. Da die Anforderungen gerade erhöht werden, bremst dies die Kreditvergabemöglichkeiten weiter. Herr Draghi weiß natürlich, dass die Banken die Gelder nicht an Firmen vergeben, sondern nur in Staatsanleihen investieren können. Die Medien übernehmen aber gern den Unfug mit "die Banken geben die billigen Gelder nicht weiter". Kapital soll aber dort hin fließen wo es am effektivsten eingesetzt werden kann, nicht wo es "gebraucht" wird. Brauchen würden es nämlich insolvente Firmen und Staaten am meisten. Der Preis für das Kapital ist der Zins, der einmal die Knappheit und zum anderen das Risiko bei der Kreditvergabe widerspiegelt. Beides wurde durch die Notenbanken ausser Kraft gesetzt. Die Notenbanken haben die derzeitige Missere doch überwiegend selber mit verursacht. "Wir kaufen" seit 5 Jahren "Zeit", die die Politiker in Europa nur dazu nutzen, immer mehr Schulden anzuhäufen. Erforderliche Strukturreformen werden nicht oder nicht ausreichend vorgenommen. Deutschland leistet sich sogar den Luxus Haushalt und Wirtschaft zusätzlich zu belasten.

  • Die EU hat fertig! Und das ist auch gut so!

  • Ich verfolge die Preissteigerung,bei den Lebensmitteln die ich kaufe,schon seit 4 Jahren.Es sind so um die 8%-9% in jedem Jahr gewesen.

  • @Fruehling
    Da haben Sie vollkommen Recht. In dieser EU-Wirtschaftskirse hilft Geld weniger, sondern verführt Geld nur dazu, dass weiter Reformstau herrscht und das Abzocken der Beteiligten untereinander weiter und weiter läuft. Geld lässt die ökonomischen Hausarbeiten der EURO-Schulden-Banken-Länder nicht lösen, sondern verschärft dieses Abzockergebahren nur noch weiter.
    Ein Fass OHNE Boden ist dieser ESM. Genauso wie das EEG.
    Beides vernichtet den aufgebauten deutschen - europäischen Wohlstandsfrieden.

  • ...nicht frei it.

  • Die Tatsache, wie stupide Draghis Mär von der "Deflationsgefahr" in sämtlichen wichtigen Medien nachgeplappert wird, ist für mich Beweis, das die "vierte" Gewalt im Staat nicht ist.

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