EZB-Schattenrat

Zinssenkung soll Europas Süden retten

Das Gefälle zwischen den mitteleuropäischen Kernländern und dem überschuldeten Süden wird immer größer. Die Ökonomen des vom Handelsblatt ins Leben gerufenen EZB-Schattenrat empfehlen deshalb eine weitere Zinssenkung.
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Am Mittwoch entscheidet die EZB über den Leitzins. Der Handelsblatt-Schattenrat empfiehlt eine Senkung. Quelle: dpa

Am Mittwoch entscheidet die EZB über den Leitzins. Der Handelsblatt-Schattenrat empfiehlt eine Senkung.

(Foto: dpa)

FrankfurtDie Diskrepanzen der Wirtschaftsentwicklung innerhalb der Europäischen Währungsunion stellen nach Ansicht renommierter Ökonomen eine große Gefahr dar. „Die Unterschiede werden größer werden. Sie stellen die Funktionsfähigkeit der Währungsunion ernsthaft infrage“, warnte Julian Callow, Europa-Chefvolkswirt der britischen Großbank Barclays Capital, auf der Sitzung des EZB-Schattenrats.

In den Peripherieländern der Währungsunion trüben sich die wirtschaftlichen Aussichten immer weiter ein. Im Februar hat die EU-Kommission ihre Wachstumsprognosen für diese Ländergruppe gegenüber Dezember massiv nach unten genommen, viel stärker als für Deutschland und andere Kernländer der Währungsunion.

So erwartet die EU-Kommission nun in Griechenland einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 4,4 Prozent, nachdem das Land in den vergangenen vier Jahren schon um rund ein Siebtel geschrumpft ist. Italiens Wirtschaft wird der Prognose zufolge um 1,3 Prozent schrumpfen. Italien hat anders als Deutschland den Wirtschaftseinbruch der Finanzkrise von 6,3 Prozent nur zu einem Viertel in den Jahren 2010 und 2011 wettmachen können. Dagegen soll Deutschlands Wirtschaftsleistung um 0,6 Prozent wachsen und läge damit um rund zwei Prozent über dem Vorkrisenniveau.

„Es besteht die Gefahr, dass weitere Randländer der Währungsunion in eine ähnliche Abwärtsspirale geraten wie Griechenland und irgendwann ihre Schulden nicht mehr zurückzahlen können“, meint José Alzola vom Beratungsunternehmen Observatory Group.

Über den Grund für das Auseinanderentwickeln der Wirtschaftsverläufe im Norden und im Süden sind sich alle Ökonomen einig. In den Randländern hatten sich Staaten, Unternehmen und Haushalte stark verschuldet, was angesichts der niedrigen Zinsen und der bis zum Ausbruch der Finanzkrise boomenden Konjunktur in diesen Ländern vertretbar schien. Die zunehmende Kreditaufnahme wiederum heizte die Konjunktur weiter an. Nun versuchen alle drei Gruppen, ihren Verschuldungsgrad zurückzufahren, was die Nachfrage beträchtlich dämpft. Das wird nach Einschätzung der Ökonomen noch auf Jahre so weitergehen.

Andererseits haben die Unternehmen in diesen Ländern aufgrund jahrelanger überdurchschnittlicher Lohnerhöhungen sehr viel an preislicher Wettbewerbsfähigkeit verloren und können dadurch nur noch schwer gegen Konkurrenten aus Deutschland bestehen. Deshalb haben sie weiterhin hohe Importüberschüsse, was bedeutet, dass ihre Verschuldung gegenüber dem Ausland immer weiter steigt.

Direkte Einwirkung auf Wachstumsgefälle nicht möglich
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10 Kommentare zu "EZB-Schattenrat: Zinssenkung soll Europas Süden retten"

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  • Mit der erneuten und irrigen Annahme, mehr und noch billigeres Geld brächte mehr Fortschritt und Wachstum in den Krisenländern, wird nur offenbar, dass die mitteleuropäische Phantasie nicht ausreicht, um sich klarzumachen, dass auch dieses Geld nur in den Taschen der korrupten Entscheider verschwindet. Das jedenfalls gilt für griechische Politiker und Gewerkschafter. Wenn es hier mehr Geld gibt, gibt es auch mehr Gründe, alles beim Alten zu lassen.
    Mein Gott - wie oft denn noch.

  • @ daprode

    Ich stimme Ihnen ausdrücklich zu; dieser Schattenrat nervt mich übrigens sachon seit längerer Zeit, weil hier reinster Lobbyismus unter dem Mäntelchen des Expertentums versteckt wird.

  • Zins- und Mengenaktionen des ESZB betreffen zunächst nur den Bereich 'Zentralbanken und Privatbanken'. Etwaige Auswirkungen auf andere Wirtschaftsbereiche sind nicht sicher (weil vernetzt mit anderen Konstellationen) und sind keineswegs prinzipiell sysmmetrisch. Allgemein wird die Macht und die Möglichkeit der Geldpolitik stark überschätzt; speziell in Richtung konjunktureller Förderung der Realwirtschaft.

    Andererseits schafft man mit den Empfehlungen dieses Schattenrates höchst brisante Situationen in der Finanzwirtschaft. Erstklassig geeignet als Start in die nächste und noch größere Finanzkrise ...

  • Eigentlich ein plausibler Vorschlag...nur leider haben die Griechen nix zum Exportieren, von Feta, Oliven und Tourismus-Dienstleistungen abgesehen. Und da sie sich in den letzten Jahren so schön an den importierten Lebensstandard gewöhnt haben, den sei sich nie leisten konnten, werden wir wieder die Sündenböcke sein wenn wir unsere Produkte nicht weiterhin an sie verschenken. Leider hat Frau Merkel mit ihrer Politik der "Alternativlosigkeit" den Ausweg aus diesem ganzen Euro-Schlamassel verbaut..

  • Zitat "Deshalb haben sie weiterhin hohe Importüberschüsse, was bedeutet, dass ihre Verschuldung gegenüber dem Ausland immer weiter steigt."
    Die Lösung: diese Importüberschüsse zu unterbinden, es darf nur soviel importiert werden wie exportiert wird. Wie in Argentinien dürfen die Importe nur in Verbindung mit Warenexporte genehmigt werden.

  • Ich kann dem Schattenrat mal folgende beiden Links an Herz legen. Ein bisschen Grundlagenforschung sollte hier helfen.

    https://www.youtube.com/watch?v=2o0qwhSVz68

    http://www.big-picture.info/articles/2313578

    Grüsse
    Max

  • Wer den Film "too big to fail" gesehen hat, der den Werdegang der Wirtschaftskrise widergibt, findet im Abspann das die Banken das Geld der amerikanischen Regierung nie verliehen haben, sondern selbst damit gearbeitet haben. Die Prämien im folgenden Jahr haben den höchsten Stand überhaupt erreicht. Wer glaubt denn noch das niedrige Zinsen jemand anderem dienlich sind außer den Banken. Die Welt wird mit Geld geflutet und es kommt nirgendwo an außer in den Taschen der Banker.

  • Dieser Schattenrat ist eine reine, freche und verlogene Propagandaorganisation der Finanzbranche, deren "Rat" letztlich auf das Bestehlen der Bevölkerung durch die Inflationssteuer hinausläuft, zugunsten der Banken etc.

  • Manchem Leser dieses Arikels wird hoffentlich schwarz vor Augen. Man lasse drei Aussagen wirken: Die Krise im Süden wurde durch niedrige Zinsen befeuert vs. laut Schattenrat sollen die Zinsen weiter gesenkt werden?? Inflationsziel der EZB sollte um 2% bleiben vs. aufkommende Inflation in "Kernländern" sollte ignoriert werden??? Billige Kredite haben die Südländer in Überschuldung geführt vs. zur Angleichung der Wirtschaften soll EZB weitere Kreditlinien für die Europäische Investitionsbank (EIB) einrichten??? Beispiele für Inkompetenz, Abwesenheit vernetzten Denkens und somit fehlende Intelligenz in nur einem kurzen Artikel.

  • "Dabei sind sich die Schattenräte allerdings einig, dass die EZB ihr Inflationsziel von „unter, aber nahe zwei Prozent“ unbedingt beibehalten sollte, um ihre Glaubwürdigkeit nicht zu gefährden."

    Tolle Logik, das kann ja nur heissen, den Bürgern soll weiter Sand in die Augen gestreut werden. Von welcher Glaubwürdigkeit der EZB sie übrigens reden ist mir unklar. Die EZB hat jegliches Vertrauen und Glaubwürdigkeit verspielt.

    Herr Weber und Herr Stark sind auch nicht wegen dem übermässigen Vertrauen und Glaubwürdigkeit in die EZB zurückgetreten.

    Eine Zinssenkung würde die Immobilien- und Rohstoff-Blase weiter antreiben. Aber das ist wohl der Masterplan um die Unterschiede in den Leistungsbilanzen der Euro Länder auszugleichen.

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