EZB-Präsident

Mario Draghi steht immer wieder unter Rechtfertigungsdruck.

(Foto: Getty Images; Foto: Per-Anders Pettersson)

EZB Schieflage bei den Anleihekäufen wächst

Österreich, Belgien, Frankreich und Italien profitieren davon, dass die EZB zu viele ihrer Staatspapiere kauft. Sie überschreitet ihren selbstgesetzten Maßstab. Das gibt Kritikern des Ankaufprogramms Rückenwind.
1 Kommentar

MannheimLaut einer Studie des ZEW-Instituts hat die Europäische Zentralbank (EZB) immer mehr Mühe, ihre milliardenschweren Käufe von Staatsanleihen im selbstgesetzten Rahmen zu halten. Eigentlich sollten die Länder bei diesen Ankäufen entsprechend ihrer Größe berücksichtigt werden. Das sollte einen Umverteilungseffekt innerhalb der Euro-Zone durch unterschiedlich stark nach unten verzerrte Zinsen verhindern.

Die Gewichte verschieben sich aber immer mehr, schreibt der Autor der Neuauflage der Studie, Friedrich Heinemann. Die Vorgängerstudie war bereits 2015 durchgeführt worden. Grund für die verstärkte Schieflage sei, dass einige Staaten zu wenig Anleihen begeben und andere nur Staatsanleihen minderer Bonität im Angebot haben. Das Ungleichgewicht liefert EZB-Kritikern zusätzliche Argumente. Sie werfen ihr eine verschleierte Staatsfinanzierung vor.

Gemessen an dem Kapitalschlüssel, nach dem die Staaten an der EZB beteiligt sind, wurden 2017 Österreich und Belgien mit je rund zehn Prozent zu hohen Käufen besonders bevorzugt, Frankreich und Italien mit jeweils knapp zehn Prozent. Spanien folgt mit gut vier Prozent zu hohem Volumen. Im Jahr 2015 lagen alle diese Abweichungen noch unter zwei Prozent. Die EZB hat sich als Ziel gesetzt, die Käufe möglichst an diesem Kapitalschlüssel auszurichten, billigt sich selber dabei aber eine gewisse Flexibilität zu. Heinemann kritisiert: „Mit zunehmender Dauer verschieben sich die Käufe stärker zu hoch verschuldeten Staaten (sofern sie nicht wie Griechenland oder Zypern aus Bonitätsgründen für einen Ankauf ausscheiden).“

Nach Ansicht des ZEW-Forschers wäre der richtige Maßstab für die Verteilung der Käufe das jeweilige Bruttoinlandsprodukt (BIP). Wegen der unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklung haben einige Länder wie Deutschland inzwischen nach aktuellem BIP ein höheres Gewicht, als in dem Kapitalschlüssel zum Ausdruck kommt. Er wurde nach BIP und Bevölkerung berechnet und zuletzt 2014 angepasst. Andere Länder wie Spanien und Italien wären nach aktuellem BIP dagegen „leichter“, als es der offizielle Schlüssel ausdrückt. Rechnet man diesen Effekt ein, dann ist die Schieflage der EZB bei den Anleihekäufen sogar noch ausgeprägter.

Die EZB hat seit Anfang des Jahres ihre monatlichen Netto-Ankäufe auf 30 Milliarden Euro halbiert. Es gibt eine Reihe von Signalen aus dem EZB-Rat, die per Ende September einen Stopp der Netto-Käufe als wahrscheinlich gelten lassen. EZB-Präsident Mario Draghi hat sich dazu bisher aber sehr zurückhaltend geäußert. In jedem Fall dürfte die Relevanz des Themas auf absehbare Zeit abnehmen. Allerdings wird die EZB auch nach dem Stopp der Netto-Zukäufe auf absehbare Zeit noch auslaufende Anleihen in ihrer Bilanz ersetzen, so dass sich auch auf Dauer eine gewisse Schieflage erhalten könnte.

In Deutschland sind die niedrigen Zinsen aus Sparersicht häufig kritisiert worden. Manchmal auch von denselben Leuten, die Draghi die Schieflage bei den Käufen ankreiden. Die Begünstigung der deutschen Unternehmen durch sehr niedrige Zinsen trägt auch zu dem viel kritisierten hohen Exportüberschuss Deutschlands bei. Insofern lässt die bewusst möglichst neutrale Haltung der EZB die wirtschaftlichen Ungleichgewichte in der Euro-Zone bestehen.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: EZB - Schieflage bei den Anleihekäufen wächst

1 Kommentar zu "EZB: Schieflage bei den Anleihekäufen wächst"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Draghi war beim Friseur und das zählt!

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%