EZB-Sitzung
Draghi unter Zugzwang

Die EZB lässt den Leitzins unverändert bei 0,25 Prozent. Nun warten die Märkte auf die Pressekonferenz von Mario Draghi. Kündigt er andere Maßnahmen an? Der EZB-Chef steht durch die schwache Preisentwicklung unter Druck.
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DüsseldorfAn seiner Entschlossenheit hat Mario Draghi keinen Zweifel gelassen. „Wir haben das Mandat, die Preisstabilität zu sichern, in beide Richtungen“, sagte er im Januar. Und machte auch klar, was das bedeutet: „Wir sind bereit, alle erlaubten und verfügbaren Instrumente in Betracht zu ziehen.“

Nimmt man Draghi beim Wort, bedeutet das: Er muss handeln. Doch am Leitzins wird sich vorerst nichts ändern. Die EZB lässt ihn auf dem bisherigen Niveau von 0,25 Prozent. Der Leitzins ist jedoch nur ein mögliches Instrument. Und so warten die Märkte nun auf die Pressekonferenz von EZB-Chef Draghi um 14.30 Uhr. In den vergangenen zwei Wochen hat der Deutsche Aktienindex um mehr als fünf Prozent nachgegeben. Ein entschlossener Schritt von Draghi, so die Hoffnung, könnte diesen Trend zumindest kurzfristig stoppen.

Für ein baldiges Handeln der EZB sprechen die jüngsten Daten zur Preisentwicklung. Bisher geht die EZB für 2014 von einem Anstieg der Kerninflation von 1,3 Prozent aus. Die Kerninflation ist der um besonders schwankungsanfällige Güter wie Energie bereinigte Preisanstieg. Die Prognose der EZB erscheint inzwischen jedoch zweifelhaft. Im Januar lag der Wert gerade mal bei 0,8 Prozent. Commerzbank-Ökonom Michael Schubert erwartet deshalb, dass die EZB bald etwas tut. „Draghi hat gesagt: Wenn sich der Inflationsausblick ändert, wird die EZB aktiv. Das ist aktuell der Fall“, sagt Schubert. Die von der EZB prognostizierte Kerninflationsrate von 1,3 Prozent sei „praktisch nicht mehr erreichbar.“

Bisher hat EZB-Chef Draghi beim Thema Deflation immer abgewunken. Er betonte: Die Inflationserwartungen in der Euro-Zone seien „fest verankert“. Wenn er seinen Standpunkt ändert und den Kampf gegen Deflation aufnimmt, müsste er sich vermutlich sowieso für schärfere Mittel entscheiden als nur für eine weitere Zinssenkung.

Ob die EZB schon auf ihrer heutigen Sitzung etwas unternommen hat, ist jedoch unklar. Im November gab es eine ähnliche Konstellation: Da war die Preissteigerung gegenüber dem Vorjahr auf 0,8 Prozent gefallen. Daraufhin fackelte der EZB-Rat nicht lange und senkte den Leitzins – zur Überraschung vieler Experten. Diesmal geht Commerzbank-Ökonom Schubert eher davon aus, dass die EZB erst im März handelt und zunächst ihre eigene Inflationsprognose anpasst. Gegen ein sofortiges Handeln sprechen auch die äußerst widersprüchlichen Signale aus der Wirtschaft: Einerseits ist die Preissteigerung so niedrig wie selten – andererseits sind die Stimmungsindikatoren in der Euro-Zone derzeit auf Rekordniveau.

Die entscheidende Frage lautet: Wie schätzt die EZB das Risiko sinkender Preise ein? Je näher sich die Preise der Nullmarke nähern, desto größer die Gefahr, in einen Teufelskreis zu geraten. Die Erfahrung aus Japan zeigt: Wenn erst mal die Unternehmen und Haushalte mit sinkenden Preisen rechnen, lässt sich eine Spirale aus Preisrückgang und einer Rezession nur schwer stoppen – in Japan fielen die Preise 15 Jahre lang.

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  • Hallo Student, da haben Sie sich ja viel Mühe gemacht, vielen Dank. So steht es in den einschlägigen Lehrbüchern, ist nach meiner Erfahrung aber nicht mehr "Stand der Technik". Denn die Volkswirtschaft besitzt dann kein stabiles Geld, alle sind zu ständigen Preisanpassungen gezwungen, die Gewerkschaften müssen Inflationsausgleiche erzwingen, die Finanzminister kassieren heimliche Steuererhöhungen per Steuerprogression usw., kurzum, dieser Notenbankpfusch führt zu einer auf Dauer instabilen Preis- und Lohnstruktur im gesamten Land. Herr Pöhl hat es doch vorgeführt, dass es auch anders geht und jahrelang eine so gute Feinsteuerung hinbekommen, dass die Jahresinflationsrate nur im Bereich wenige Zehntel % lag, manchmal sogar leicht unter Null, sodass ich sie gar nicht bemerkte. Nach der Theorie wäre sein Kurs höchst gefährlich gewesen, war er aber nicht wie man rückblickend sieht. Ich werde den Verdacht nicht los, dass Draghi&Co entweder nicht fähig sind, so nahe bei Null zu operieren, oder es gar nicht wollen, weil ihnen dann die Grossschuldenbergbesitzer ins Genick springen. Jedenfalls sind 2% Inflation/Jahr eine Zumutung, denn das zwingt überall zu mindestens jährlichem Schrauben an den Preisen und Stundensätzen, was man sich in der herrlich stabilen Zeit unter Herrn Pöhl sparen konnte.

  • Eine Inflation in geringen Maße wirkt sich auf die Wirtschaft positiv aus.
    Übertrieben gesagt: Wenn das Geld durch die Inflation an Wert verliert, werden die Menschen dahingehend stimuliert ihr Geld eher auszugeben als zu sparen. Ausgeben bedeutet gleich Konsum.
    Durch Konsum verdienen die Unternehmen und können dadurch wiederum Geld in neue Projekte investieren.

    Hierdurch werden neue Arbeitsplätze geschaffen, Arbeitslosenzahl sinkt und die Löhne steigen. (Ist natürlich kein Gesetz und ziemlich vereinfacht ausgedrückt)

    Wenn die EZB nun eine Wertveränderung des Geldes von +-0 anstreben würde, wäre die Gefahr sehr groß, in eine Deflation zu rutschen.

    Dies hört sich erst mal toll an: "Das Geld wird mehr wert."

    Allerdings hat das dann zur Folge (wiederum in überspitztem Maße erläutert), dass niemand mehr Geld ausgibt und konsumiert, weil sich alle sagen: "Wenn ich noch ein Jahr warte, muss ich für mein neues Auto (real) weniger bezahlen.

    Die Unternehmen müssen Arbeitsplätze streichen, weil sie keinen Umsatz mehr machen und wir trifften schön und ausgiebig in eine Wirtschaftskrise.
    Bestes Beispiel, wie auch im Artikel erwähnt, ist hier Japan.

    Deshalb nimmt die EZB lieber eine geringe Inflation in Kauf, als einer Deflation und deren Folgen entgegen zu wirken

  • 1986 waren das 35 DM für die HU und noch 4 DM fürs Abgas. Auffälligkeit: besonders hoch ist die Inflation dort, wo Preiserhöhungen von den Volksverzertretern genehmigt werden müssen.

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