EZB-Sitzung Draghis Drahtseilakt

Die gestiegene Inflation im Euro-Raum setzt die EZB unter Druck. Doch Präsident Mario Draghi erstickt Debatten um einen Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik im Keim. Doch die Proteste aus Deutschland werden lauter.
Update: 09.03.2017 - 11:19 Uhr 37 Kommentare
Die hohe Inflation erhöht den Druck auf die Notenbank. Quelle: Reuters
EZB-Präsident Mario Draghi

Die hohe Inflation erhöht den Druck auf die Notenbank.

(Foto: Reuters)

FrankfurtWenn Mario Draghi am heutigen Donnerstag vor die Presse tritt, kann er sich auf eine Frage gefasst machen. Sie lautet: Wann beginnt die Notenbank mit dem Herunterfahren ihrer Anleihekäufe – dem so genannten Tapering? Bislang hat Draghi jede Andeutung dazu vermieden. „Wir haben beim letzten Mal nicht über Tapering gesprochen. Und wir haben übrigens auch dieses Mal nicht über Tapering gesprochen“, betonte er auf seiner Pressekonferenz im Januar.

Auch an diesem Donnerstag wird Draghi wohl nicht den Anfang vom Ende der Anleihekäufe einläuten. Doch an den Märkten wird schon längst darüber spekuliert, und der EZB-Chef gerät zunehmend in die Defensive.

Der wichtigste Grund ist die deutlich gestiegene Inflation in der Euro-Zone. Im Februar lag sie bei zwei Prozent. Das erhöht den Druck auf EZB-Präsident Mario Draghi. Die Notenbank wird am Donnerstag auch neue Prognosen zur Inflationsentwicklung im Euroraum bis 2019 vorlegen.

Diese dürften höher ausfallen als noch im Dezember vergangenen Jahres. Vor allem aus Deutschland werden daher Rufe lauter, die Notenbank solle allmählich den Ausstieg aus ihrer ultraexpansiven Geldpolitik einleiten. „Eine zügige Kehrtwende in der Geldpolitik ist dringender denn je,“ sagt Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise.

Ähnlich äußert sich der Deutschland-Chef des Anleiheinvestors Pimco, Andrew Bosomworth. „Die Wirksamkeit der Geldpolitik lässt nach, und die Risiken einer Fehlallokation von Kapital steigen, je länger die Geldpolitik in ihrer jetzigen Form bestehen bleibt“, urteilt er. Dennoch dürfte sich Draghi noch nicht erweichen lassen. Entscheidend für die Frage, wann die Anleihekäufe heruntergefahren werden, ist für den EZB-Chef, wie nachhaltig der Preisanstieg wirklich ist. Bislang führen er – und auch viele Ökonomen – die höhere Teuerungsrate vor allem auf einen statistischen Effekt beim Ölpreis zurück.

Und auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble rät der EZB zu einem rechtzeitigen Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Schäuble „wirbt“ für rechtzeitigen Ausstieg
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: EZB-Sitzung - Draghis Drahtseilakt

37 Kommentare zu "EZB-Sitzung : Draghis Drahtseilakt"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Hier noch ein Beispiel dafür, was alles Geld "wert" sein soll: http://www.aljazeera.com/news/2017/03/famine-hit-south-sudan-hikes-fees-work-permits-170309100500052.html

    Unfassbar. Jetzt nochmal die Frage: Ist das Geld für die Menschen da, oder umgekehrt?

  • Klassische Zwickmühle: Vorwärts geht's nicht, zurück geht's auch nicht...

  • HB : "Draghis Drahtseilakt ?"
    -----------------------------------------------------
    Es ist ein Drahtseilakt insbesondere Deutschlands ! Zur Erinnerung :
    Der EURO ist ohne gemeinsame Finanz- und Wirtschaftspolitik + Länderfinanzausgleich fehlkonstruiert und wird zwangsläufig irgendwann scheitern, weil die Fehlkonstruktion politisch nicht behoben werden kann.
    "Draghis Drahtseilakt" schiebt die Stunde der Wahrheit nur etwas in die Zukunft hinaus und die Wahrheit wird für Deutschland den Namen "Versailles 2" tragen.

  • @ Herzig

    Ja wir können die Rahmenbedingungen nicht ändern! Aber Draghi kann!

  • @ Tom Schmidt
    Sie haben absolut Recht. Aber meine Kernaussage ist und bleibt, dass ich die Rahmenbedingungen nicht ändern kann. Ich kann lediglich versuchen, diese so zu nutzen, dass ich davon profitiere. Das es hier Gewinner und Verlierer gibt ist mir klar.
    Zum Gewinnen gehört im übrigen auch immer Glück und dass man das nicht immer hat, ist mir auch klar. Die soziale Marktwirtschaft lebt aber nun mal davon, dass der einzelne nach Profit strebt und von seinen Gewinnen (zum Glück) was abgeben muss.

  • Ach die Politik der EZB fand ich anfangs grundsätzlich richtig. Erst einmal den Supergau verhindern und Zeit kaufen.
    Nur hätte sie eine Deadline setzen müssen. Nach dem Motto: - wir geben euch (der Politik jedes EU-Landes) 5 Jahre Zeit um eure Hausaufgaben zu machen. Dann werden wir langsam aussteigen.
    Macht doch jede Bank so, wenn ein Schuldner nicht mehr zurecht kommt. Also sind die Worte von Schäuble und der Bundebank gar nicht so falsch. Nur hören will die halt dank der Stimmgewichte in der EU niemand. Soll noch mal einer von deutscher Dominanz reden und behaupten, wir bevormunden alle.

  • @Hofmann

    Nein, betroffen sind wir letztendlich alle! Nur die einen hat es schon erwischt und den Rest wird es noch erwischen... (wenn der Karren erst richtig tief im Dreck steckt)

  • @Herzig

    Ich muss Ihnen aber noch einmal widersprechen. Die Geldschwemme der EZB hat dazu geführt, dass die Vermögenspreise deutlich angestiegen sind. Unterm Strich haben also Typen wie ich, anderen die Wohnungspreise nach oben getrieben und dann mit Verzögerung auch die Mieten. Und das einfach, weil ich mit etwas Kapital und einem schönen Hebel (Niedrigzinsen) die anderen schön aus dem Markt drängen konnte! Klar, kann man dann sagen, er solle das Geld nicht aufs Sparbuch legen (oder Bausparvertrag), letztendlich werden aber seine Möglichkeiten sich etwas zu erarbeiten beschnitten!

    Und dasselbe haben wir auch im Süden von Europa! Die Südeuropäer haben unterm Strich auch nichts von dieser Politik! (vielleicht einzelne!).

    Übrigens: der Anteil der deutschen Exporte in den Euroraum war zu DM-Zeiten höher! Und den Export den wir heute in die Eurozone haben bezahlen wir uns via Target selbst (Herr Ober, bringen Sie mal Geld, ich will zahlen...)

  • Eigentlich ist es aber schon lustig wieviele sich hier über die Politik der EZB aufregen.
    Dabei sind die Kommentatoren doch davon gar nicht persönlich betroffen.

  • Statistik und Realität sind ja wohl 2 Paar Schuhe. Als Berufspendler habe ich mit dem steigenden Ölpreis wesentlich mehr Probleme, als der Warenkorb erfassen könnte. Man muss es wohl als "Anhaltspunkt" sehen. Wobei man schon mal schauen sollte, dass der Warenkorb auch die Mehrheit der Bevölkerung erfasst. Denkt man nur an die Mieten in Großstädten. Nie und nimmer reichen da 2%, um die Teuerung abzubilden.
    Klar sind wir politisch gewollt in einer europäischen Umverteilung. Die Sparer der besser situierten Länder werden zugunsten der Schuldner aller Länder sanft enteignet. Angenehmer und geräuschloser als ein Schuldenschnitt. Haben wir ja in Deutschland mit Währungsreformen schon mehrfach durchlebt. Und die USA macht das nach jedem Krieg so. Aber die packen in dieser Zeit auch Themen an. Und die EU Schuldenländer bringen in dieser gekauften Zeit keine Reformen voran und die Neuverschuldung sinkt nicht erheblich - somit bleibts bei den hohen Schulden. Ergo, könnten sie keine höheren Zinsen verkraften ohne neue Krise. Und durch das -gerade durch den Brexit- steigende Ungleichgewicht sind die "Geberländer" stimmlich mehr und mehr in der Unterzahl. Es gibt keinen Reformdruck und man ruht sich politisch schön auf dem aktuell tragbaren Niveau aus.
    Ich hab die letzten Jahre nix mehr von großen Reformen in Italien, Spanien, Portugal gehört und auch nicht, dass die Jugendarbeitslosigkeit angegangen wird....Bei den höheren Zinsen gabs da ja mal zarte Ansätze. Es fehlt Leidensdruck!

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%