EZB-Studie
Geldpolitik hat langfristig keinen Einfluss auf Zinsen

Geldpolitik kann den Zins allenfalls über einen kurzen Zeitraum beeinflussen. Das ist das Ergebnis einer Studie der EZB. Entscheidend sei vielmehr das Wachstum einer Volkswirtschaft.
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In einer am Montag veröffentlichten Studie, die dem Handelsblatt und der französischen Wirtschaftszeitung Les Echos vorab vorliegt, argumentiert die Europäische Zentralbank (EZB), dass die Geldpolitik langfristig keinen Einfluss auf den Zins hat. Entscheidend sei vielmehr das Wachstum einer Volkswirtschaft.

„Die EZB kann die inflationsbereinigte reale Verzinsung allenfalls über einen kurzen Zeitraum beeinflussen“, sagte der Studienautor und EZB-Generaldirektor für Marktoperationen, Ulrich Bindseil, dem Handelsblatt. Über einen längeren Zeitraum seien hingegen allein reale Faktoren für den Zins entscheidend. Etwa die Flexibilität des Arbeitsmarktes oder das Niveau an Zuwanderung in einer Gesellschaft. „Wenn es zu wenige profitable Investitionsmöglichkeiten für die vorhandenen Ersparnisse in einer Volkswirtschaft gibt, muss der Zins sinken“, sagte Bindseil.

Langfristig zeigt der Trend sowohl bei Realzinsen und Wirtschaftswachstum nach unten: Seit den 1960er Jahren sind sie stetig gefallen. Auch in Zukunft könnte dieser Trend anhalten. „Wir haben es in Deutschland und Europa außerdem mit einer schrumpfenden Bevölkerung zu tun.“ Dies werde auch in Zukunft grundsätzlich das Wachstum dämpfen, sagte Bindseil. Ob sich daran etwas ändere, hänge von der Politik ab.
„Die Geldpolitik kann dieses Problem nicht lösen“, sagte Bindseil. Die Politik habe jedoch Einfluss, um das zu ändern. Zum Beispiel, indem sie mehr Zuwanderer ins Land hole oder über Bildung und Forschung in die zukünftige Produktivität investiere. Wichtig seien außerdem bessere Investitionsbedingungen für die Unternehmen.

Mallien Jan
Jan Mallien
Handelsblatt / Geldpolitischer Korrespondent

Kommentare zu " EZB-Studie: Geldpolitik hat langfristig keinen Einfluss auf Zinsen"

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  • NEIN, da früher oder später das Unvermeidliche passiert: die Flucht aus der Währung, die die betreffende Zentralbank emittiert.
    Und das wird bei der EZB genauso geschehen müssen, wie bei zahlreichen anderen Notenbanken in der Geschichte zuvor.
    Besonders fulminant sah man das übrigens um 1980 herum bei der FED: es setzte damls eine Flucht aus dem sich immer schneller entwertenden US-Dollar ein, worauf der damalige FED-Chef Paul Volcker den Leitzins auf bis zu >20% hinauf katapultierte. Damit war der Dollar wieder stabilisiert, das Geld war wieder etwas "wert", weil man reichlich Zinsen dafür bekam.
    Da die Staatsverschuldungskurve jedoch ein exponentielles Wachstum zeigt, und wir bei vielen Staaten (inklusive USA) bereits am letzten Teil der Kurve angelangt sind, sitzen die Zentralbanken nun in der Tat in der Falle: eine Zinserhöhung wie damals bringt die Staaten um, erfolgt sie nicht, stirbt jedoch die betreffende Währung.

  • Häää? langfristig fallender Zins seit den 60igern? In den 70igern hatte ich Zinsen von dt Staatspapieren von 6.5% bis 8.5%. In den 80igern gar von 13%. Das war die Brandt/Schmidt- Zeit. Seitdem geht es abwärts - weil die Politik das so will. Und die Zentralbank hat natürlich einen erheblichen Einfluss auf den Zins. Was Dragi macht , ist mehr Geld ins System zu schleusen als Waren- und Dienstleistungswachstum und Inflationsausgleich zusammen . Auch ohne VWL Studium weiß man was da passiert. Das hatten wir schon etliche Male . Sehr oft sogar schon - seit es Papiergeld gibt.

  • Solange die Zentralbank private und staatliche Anleihen in unbegrenzter Hoehe aufkaufen kann, solange kann sie auch den Zins niedrig und sogar im negativen Bereich halten. Unabhaengig von der Inflationsrate! Die Zentralbank wuerde dann allerdings alle anderen Kaeufer aus dem Markt draengen. Das kann die Zentralbank solange machen, wie das Geld noch seine konventionellen Funktionen als Zahlungsmittel erfuellen kann und dann nicht mehr. Dann haetten wir einen Kollaps.

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