EZB unter Zugzwang
Draghi am Zins-Drücker

Die wirtschaftlichen Aussichten für die Euro-Zone sind mies. Selbst der vermeintliche Riese Deutschland schwächelt. Ökonomen drängen EZB-Chef Draghi zu einer weiteren Zinssenkung. Es wäre eine Verzweiflungstat.
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DüsseldorfNiemand würde die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank offiziell in Frage stellen - gerade in Deutschland. Sie mag in der Euro-Krise unterhöhlt worden sein, aber offen eingestehen würde das kein Regierungspolitiker.

Umso ungewöhnlicher war es, dass sich ausgerechnet Angela Merkel in der vergangenen Woche in das wichtigste Arbeitsfeld der Notenbank – nämlich die Zinspolitik – einmischte. Die EZB sei in einer ganz schwierigen Lage, sagte die Bundeskanzlerin auf dem Sparkassentag in Dresden. „Sie müsste für Deutschland im Augenblick die Zinsen im Grunde wahrscheinlich etwas erhöhen.“ Andererseits müsse sie für andere Länder eigentlich noch mehr tun, um die Unternehmensfinanzierung zu erleichtern. Für ihren Kommentar handelte sich Merkel prompt scharfe Kritik ihres SPD-Kontrahenten Peer Steinbrück ein. 

Die ungewöhnliche Debatte kommt nicht von ungefähr. Schon am kommenden Donnerstag könnte die EZB erneut aktiv werden. 

Im EZB-Schattenrat, einem vom Handelsblatt initiierten Expertengremium, spricht sich die Mehrheit der Ökonomen für eine Zinssenkung um 50 Basispunkte aus.  Auch prominente Notenbanker haben ihre Unterstützung für Zinssenkungen signalisiert. EZB-Vizepräsident Vitor Constacio etwa sagte: „Wir haben noch etwas Spielraum, um Entscheidungen zu treffen.“

Sogar Bundesbank-Chef Jens Weidmann ließ eine Hintertür offen. „Wir können die Zinsen anpassen, wenn neue Informationen vorliegen“, hatte er in einem Interview gesagt. Christian Schulz, Ökonom der Berenberg Bank, ist sich sicher: „Das hätte Weidmann so vor zwei oder drei Monaten nicht gesagt.“ Kurz nach Weidmanns Kommentar gab es neue Informationen: Der Ifo-Index, wichtigster Gradmesser für die deutsche Volkswirtschaft, ist im April gefallen. Schulz sieht die Chance, dass die EZB den Zins am Donnerstag oder spätestens im Juni vom jetzigen Niveau von 0,75 Prozent um weitere 25 Basispunkte senkt bei 60 Prozent.

Die EZB könnte schon am Donnerstag aktiv werden. Gleichwohl glaubt eigentlich niemand, dass eine Zinssenkung viel bewirkt. Das Grundproblem ist nach wie vor: Die schon jetzt sehr niedrigen Zinsen kommen in den Peripherieländern nicht an. Wegen der schwachen Wirtschaft trauen die Banken in Spanien, Griechenland und Italien den Unternehmen nicht. Gerade Mittelständler zahlen sehr hohe Zinsen - wenn sie überhaupt Kredite bekommen.

      

Kommentare zu " EZB unter Zugzwang: Draghi am Zins-Drücker"

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  • @Ich_kritisch UND andere
    ...Was nun, was steht uns als erstes bevor: Inflation, Deflation? Also bitte nicht zögern mit klaren Antworten!

  • Wer sich das Beispiel Japan vor Augen führt, der wird erkenne, dass niedrige Zinsen über längere Zeit absolut kontraproduktiv sind. Die Erklärung dafür ist ganz einfach: wenn die Zentralbank dauernd von Krise spricht und sich auch noch so verhält, dann wird kein vernünftiger Mensch grösserer Investitionen tätigen. Ich denke mal, es wäre besser die Zinsen licht anzuheben, dies würde mehr Vertauen schaffen.
    Leider haben die Zentralbanken jedoch nur noch die Aktienmäkte im Kopf, was überhaupt nicht ihre Aufgabe ist. Im Gegenteil, die Börsen sollen auf die Zentralbankentscheidungen reagieren und nicht umgedreht.

  • Wenn man "billige Kredite" an Leute vergibt, von denen man genau weiß, dass sie diese nie zurückzahlen können, der macht das Problem in der Zukunft nur noch größer!
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    Ja sicher, daran kranken doch Länder wie Spanien und Italien, eben weil sie über lange Zeit günstige Kredite erhielten, sind sie doch so pleite, dass man es gar nicht glauben mag!

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