Geldentwertung
Das Märchen von der Inflationsangst

Das Vertrauen in den geldpolitischen Kurs der Europäischen Zentralbank ist intakt, die Furcht vor der Geldentwertung nimmt ab. Das zeigt eine exklusive Umfrage. Warum es die viel zitierte Inflationsangst nicht mehr gibt.
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DüsseldorfEs war einmal ein Volk, das hatte Angst. Angst davor, dass das mühsam Verdiente und Ersparte an Wert verliert, Angst vor Inflation. Es war ein bisschen wie bei Rotkäppchen und dem bösen Wolf. Die Gefahr lauerte überall: Während die Löhne kaum stiegen und die Anlagezinsen auf Rekordtiefs verharrten, wurde gefühlt alles, wirklich alles teurer. Aber eben nur gefühlt. Der böse Wolf entpuppte sich nämlich als Schaf.

Die Inflation lag im Juni gerade mal bei 1,8 Prozent – vor allem Energie und Nahrungsmittel machten das Leben teuer. Das ist zwar der höchste Stand seit Dezember 2012, aber historisch betrachtet ein sehr niedriger Wert. Zum Vergleich: In der ersten Hälfte der 1980er-Jahre lag die durchschnittliche Inflationsrate in den Industriestaaten bei neun Prozent. Rund 20 Jahre später war sie auf zwei Prozent gesunken und stieg auch nicht mehr nennenswert an.

Trotzdem hieß und heißt es immer wieder, die Deutschen hätten Angst vor Inflation. Doch die Furcht der Bundesbürger ist lange nicht so groß, wie gemeinhin angenommen: Nur 36 Prozent der Privatanleger erwarten für die kommenden zwei Jahre eine deutlich höhere Inflation als heute. Das hat eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa unter Privatanleger mit mindestens 50.000 Euro Geldvermögen für Handelsblatt Online ergeben. 61 Prozent der befragten Investoren gehen davon aus, dass die Inflationsrate in etwa so bleibt wie heute.

Für Bert Rürup ist das Ergebnis nicht überraschend. „Die Inflationsangst der Deutschen ist zu einem Mythos geworden, der durch die ständige Wiederholung nicht wahrer wird“ sagt der ehemalige Wirtschaftsweise und heutige Präsident des Handelsblatt Research Instituts. „Wahrscheinlich hatten die Deutschen vor 30 oder 40 Jahren tatsächlich mehr Angst vor einer Inflation als andere Nationen.“ Von den heute in Deutschland Lebenden habe aber kaum noch jemand die Hyperinflation des Jahres 1923 erlebt, die die Sozialstruktur in unserem Land zertrümmerte und die immer wieder als Begründung für die ausgeprägte Furcht der Deutschen vor einer Inflation herhalten muss. „Und selbst die Währungsreform von 1948 nehmen immer weniger Deutsche noch bewusst wahr“, sagt Rürup. „Zudem dürften die Befragten wissen, dass diese beiden Geldentwertungen die Folge verlorener Kriege waren.“

Als Augenöffner bezeichnet Ökonom und Crashprophet Max Otte das Ergebnis der Umfrage. „Auf der einen Seite ist die Unsicherheit auf den Märkten sehr hoch. Auf der anderen Seite sind aber die Renditen von Anleihen sehr niedrig – es gibt also eine große Nachfrage nach diesen Papieren zu sehr niedrigen Zinssätzen“, sagt er. „Das heißt auch, dass viele Anleger eben nicht mit einer Inflation rechnen. Die Umfrage ist also letztlich eine Bestätigung dieser Tatsache.“

Kommentare zu " Geldentwertung: Das Märchen von der Inflationsangst"

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  • Ich halte die Inflationsängste nach wie vor für aktuell. Insbesondere unter den transatlantischen Partnern kann dem vorliegenden Artikel nur widersprochen werden. Ein interessanter Artikel von Alexander Mirtchev (Präsident der Krull Corp.) und Norman Bailey zeigen in ihrem Artikel "The Global Inflation Wave: Waiting for Constantine?", dass sich die Inflationsbedrohung nicht nur auf eine Marktwirtschaft auswirkt (http://www.marketwire.com/press-release/global-inflation-wave-waiting-constantine-by-alexander-mirtchev-norman-bailey-1500379.htm)

  • Ca. 2% jährliche Preissteigerungen sind erforderlich, um die Wirtschaft im derzeitigen System überhaupt am Leben zu halten. Die EZB hat bei der EURO-Einführung eine Preissteigerung von 1,9% vorgegeben. Frankreich hat sich daran gehalten, andere sind darüber hinausgegangen, Deutschland lag darunter. Hat was mit der Lohnentwicklung zu tun.
    Die neu "gedruckten" Geldmengen gehen ins Bankensystem. Und verbleiben dort. Weil sich die Banken immer noch nicht gegenseitig trauen. Inflationieren kann man nur über Massenkaufkraft. Und die sinkt in Deutschland. Einzelhandelsumsätze seit 2000 minus 2% - einschließlich Internethandel, ohne Handel mit Kfz.
    Wie war das noch mit Neuzulassungen in D? Januar bis Mai minus 8,9%?

  • Bei einer "Sonntagsfrage" gewinnt die AfD Platz eins mit 35 Prozent
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    An einer "Sonntagsfrage" zum Wahlverhalten für den nächsten deutschen Bundestag beteiligten sich 2.129 Leser der Baden-Württembergischen online-Plattform "KA-News".

    Die Abstimmmöglichkeit war ab dem 6.7.2013 für zwei Tage geöffnet.

    Die Teilnehmer katapultierten die neue Partei "Alternative für Deutschland" (AfD) auf den ersten Platz mit 35,98 Prozent.


    Bei der Sonntagsfrage im Juni hatten die Leser noch die SPD auf Platz eins gesetzt - gefolgt von der erstmals zur Wahl stehenden AfD.

    http://www.shortnews.de/id/1037643/bei-einer-sonntagsfrage-gewinnt-die-afd-platz-eins-mit-35-prozent

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