Geldpolitik der Federal Reserve
Die US-Notenbank als Job-Center

Die US-Notenbanker beraten über die künftige Zinsentwicklung. Heute dürften sie weiter auf die Nullzinspolitik setzen – und ein Abkehr noch in diesem Jahr wird unwahrscheinlicher. Das hat sechs Millionen Gründe.

WashingtonFür Mario Draghi, den Präsidenten der Europäischen Zentralbank, wäre es schön, wenn die US-Notenbank Federal Reserve heute Abend deutscher Zeit eine Erhöhung der Zinsen ankündigen würde. Denn Draghi hatte vergangene Woche eine weitere Lockerung der europäischen Geldpolitik für Anfang Dezember angekündigt. Würden die USA aber zuvor die Zinsen erhöhen, könnte Draghi fein raus sein und nicht mehr zum Nachlegen verpflichtet – der „Konkurrenzdruck“ würde abnehmen. Der vielleicht etwas zu vollmundigen Ankündigung Draghis müssten keine weiteren Taten folgen.

Doch Janet Yellen, Chefin der Federal Reserve (Fed), hat es nicht eilig. Denn die Unterauslastung am Arbeitsmarkt ist ein Anzeichen dafür, dass die Zinsen noch länger niedrig bleiben können. In den USA gibt es sechs Millionen Beschäftigte, die Teilzeit arbeiten, weil die Wirtschaft nicht stark genug ist, sowie über 600.000 Personen, die von den Aussichten so entmutigt sind, dass sie die Jobsuche aufgegeben haben.

Einer von ihnen ist Harry Elanko aus Fairfax County, Virginia. Der 62-jährige hat zwei Teilzeitstellen, obwohl er eigentlich gerne Vollzeit arbeiten würde und jahrelange Erfahrung als Betriebswirt hat.

Mit der Konzentration auf die Unterbeschäftigung steuert Yellen die Geldpolitik in ein kühnes Experiment: Der Offenmarktausschuss der Federal Reserve wird das große stumpfe Instrument niedriger Zinsen nutzen, um die Arbeitslosenquote stark genug zu drücken, sodass mehr Personen, die aus dem Arbeitsmarkt herausgefallen sind oder Teilzeit arbeiten, wieder in Vollzeit-Jobs kommen können.

Sie hofft, dass dies einen positiven Kreislauf aus Investitionen, höherer Produktivität und besserer Bezahlung schaffen wird, der die Überbleibsel der seit der Weltwirtschaftskrise schlimmsten Rezession beseitigen wird.

Es handelt sich um eine „neue Sicht der Reichweite der Geldpolitik“, sagt Laurence Meyer, der in den 1990er–Jahren zusammen mit Yellen im Gouverneursrat der Fed saß. Es „widerspricht allem, was ich seit 27 Jahren an der Universität lehre.“

Die traditionelle Ökonomie geht davon aus, dass die Geldpolitik langfristig die Preise, aber nicht den Umfang des Arbeitskräftepotenzials beeinflusst. Letzteres wird von langfristigen Faktoren wie dem Bevölkerungswachstum bestimmt.

Sollte es der Fed gelingen, die Nachfrage nach Arbeit stark genug anzukurbeln, um die Unterbeschäftigung zu drücken, wäre „das eine fantastische Leistung und ein Wagnis, das sich einzugehen lohnt“, sagt Meyer. Das größte Risiko sei, dass die Inflation das 2-Prozent-Ziel der Notenbank „mehr als ein wenig“ überschreitet.

Die US-Notenbank hat am Dienstag mit ihrer zweitägigen Sitzung begonnen und wird am heutigen Mittwochabend ihren Zinsentscheid verkünden. Ökonomen gehen davon aus, dass sie die Zinsen nahe Null belassen wird, da die Währungshüter auf weitere Informationen warten, wie das schwächere Wachstum in China die Aussichten für den US-Arbeitsmarkt und die Inflation beeinflusst.

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