Geldpolitik und Wachstum
Draghis einfache Rechnung – Cryans Kritik

Geld bleibt vorerst wohl weiter billig. Die Rechnung von EZB-Chef Draghi ist ebenso bekannt wie umstritten: Ohne billiges Geld gibt es noch lange Zeit nicht genug Wachstum. Der Bankensektor erneuert die Kritik.
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FrankfurtWer auf ein Statement von Mario Draghi zu den Folgen der US-Wahl gehofft hatte, wurde enttäuscht. Über Donald Trump verlor der EZB-Präsident in seiner Rede am Freitagmorgen in der Frankfurter Alten Oper kein einziges Wort. Wie schon nach dem Brexit-Votum im Juni hielt sich Draghi erstaunlich zurück.

Doch fast alle Themen, die Draghi letztlich anspricht, werden durch den Wahlausgang beeinflusst – Bankenregulierung, politische Unsicherheit, Inflation. Die wirtschaftliche Entwicklung im Euroraum hält er nach wie vor für schwach. „Wir können nicht zuversichtlich sein, was den ökonomischen Ausblick angeht“, so Draghi. Zwar habe sich die Situation im Vergleich zum Vorjahr verbessert – die Konjunktur sei allerdings stark abhängig von der lockeren Geldpolitik der Notenbank. Das, so Draghi, werde auch vorerst so bleiben. „Die Geldpolitik bleibt in den kommenden Jahren eine Hauptstütze für das Wachstum“, sagte der Notenbankpräsident.

Besorgt zeigte sich Draghi auch über die Ertragsschwäche der Banken im Euroraum und die weiterhin geringe Inflationsentwicklung. Zwar seien die Aktienkurse der Banken nicht per se ein Thema für die politischen Entscheider. Niedrige Kurse würden jedoch die Finanzierungskosten der Geldhäuser erhöhen – und dies wiederum könne die Kreditvergabe der Banken an die Realwirtschaft bremsen.

Später äußerte sich auch Deutsche-Bank-Chef Cryan dazu – und erneuerte seine Kritikpunkte. Die Geldpolitik arbeite gegen die europäischen Banken, sagte Cryan. Das Bankensystem sei zwar noch immer nicht gut genug kapitalisiert – im aktuellen Umfeld sei es für die Institute aber schwer, ausreichend Gewinne zu erwirtschaften. Auch Commerzbank-Chef Zielke hatte vehement für eine „Rückkehr zur Normalität“ plädiert.

Die EZB versucht, Wachstum und Inflation mit einer gewaltigen Flut billigen Geldes anzuheizen. Seit März 2015 kauft die Notenbank im großen Stil Staatsanleihen und andere Wertpapiere. Seit Juni stehen auch Unternehmensanleihen auf dem Einkaufszettel. 80 Milliarden Euro fließen derzeit monatlich, insgesamt sollen es 1,74 Billionen Euro werden. Unklarheit herrscht nach wie vor über die Dauer dieser Maßnahme: Nach den bisherigen Plänen soll das Programm mindestens bis Ende März 2017 laufen.

Viele Volkswirte rechnen hingegen damit, dass die EZB das Kaufprogramm über März 2017 hinaus verlängern wird. Die Notenbank will darüber auf ihrer Sitzung im Dezember entscheiden. In seiner Rede lässt Draghi eher durchklingen, dass er noch keine schnelle Wende in der Geldpolitik sieht.

Erst am Donnerstag hatte EZB-Direktor Yves Mersch eine vorsichtige Abkehr von der ultralockeren Zinspolitik angedeutet. „Wir sind wahrscheinlich nicht mehr weit von dem Zeitpunkt entfernt, an dem wir eine solche Aussage machen können“, sagte Mersch. Im Augenblick sei dies aber „in Anbetracht der Fragilität des europäischen Wachstumspfades noch leicht verfrüht“.

Ähnlich positionierten sich auch Bundesbank-Chef Jens Weidmann und EZB-Direktorin Sabine Lautenschläger: Auch sie plädieren für ein baldiges Auslaufen der Anleihekäufe. Weidmann warnte auch am Freitag erneut vor den schädlichen Nebenwirkungen der lockeren Geldpolitik. „Geldpolitik darf nicht die Augen davor verschließen, wenn die geringe Ertragskraft der Banken Probleme für die geldpolitische Übertragung verursacht“, sagte er. Denn dies könnte in der Zukunft Zentralbanken Schwierigkeiten bereiten, Preisstabilität sicher zu stellen.

In ihrem aktuellen Finanzstabilitätsbericht warnt die Bundesbank vor Risiken der Banken bei schnell steigenden Zinsen. Eine schnelle Zinserhöhung könne zu fallenden Preisen auf dem Immobilienmarkt und höheren Kreditausfallraten führen, heißt es dort.

Mallien Jan
Jan Mallien
Handelsblatt / Geldpolitischer Korrespondent

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  • @Herr Harald Trautmann

    Soweit so richtig. Für Viele allerdings wohl zu hoch.

    Vereinfacht auszudrücken wäre es am Beispiel der Schweiz. Dort ist das geistige Niveau Politiker nämlich nicht wie bei uns allermeist auf das Bildungsniveau von Endklässlern oder kompetenzgeprüften „Abiturienten“ wie z. B. in NRW abgerutscht.

    Es hat schon sehr handfeste Gründe, warum die Schweiz sich von der Frankenbindung an den Euro-Kurs ohne Vorwarnung und Diskussion schlagartig trennen konnte, ohne dass dort Wirtschaft und Soziales den Bach runtergegangen ist.

    Ergänzen will ich kurz noch um die enorm gestiegenen Target2-Salden, die, o h n e dass wir eine €-Krise haben, in etwa wieder so hoch sind wie während der €-Krise.

    Ich sage es mal so – wenn es zu einem ganz sicheren Knall kommt, möchte ich keiner derjenigen sein, die sich schuldig gemacht haben.

    Ihren Ansatz zur Kaufkraftsteigerung teile ich hingegen weniger.

  • Und dann über Donald aufregen!

    Kann man(n) verstehen, muß man aber nicht.
    Davon haben wir in der Politik in der linken Ecke genügend Munition die dummes Zeugs täglich und ihr Leben lang labern.

    Das gehört in der Politik zum Handwerk.

    Leider kostet das viel Geld. Und die Parlamente werden stets größer in dieser Ecke und alle schauen und bekämpfen die kleine Rechten.

    Die Autonomen, Randalierer, Brandbeschleuniger -u. Steinewerfer, Autoanzünder, Blockadebauende, Eisenstangenbieger, sich der Polizei widersetzende u.v.m.
    lässt man in Deutschland gewähren.

    Ja, sie sind schließlich "Gutmenschen" und wollen keine Atommeiler, stinkende Autos und sind bereit die ganze Welt in ihren Armen zu empfangen.

  • „Auf gut 200 Milliarden Euro Leistungsbilanzüberschuss oder 7% des Bruttoinlandsprodukts verzichtet ein Land aber nicht von einem Jahr auf’s andere ohne große ökonomische, soziale und politische Verwerfungen.

    Dass selbst die Regierung in Berlin und die Verantwortlichen in Frankfurt und Brüssel
    das im Grunde wissen, kann man daran sehen, dass sie Deutschland nicht auffordern,
    den Euroraum zu verlassen. Dann nämlich gäbe es ganz von allein eine schlagartige
    Korrektur der Ungleichgewichte durch die „Marktkräfte“ (nämlich in erster Linie
    durch die am Devisenmarkt), in deren Gefolge der so gefeierte Freihandel über Nacht
    dafür sorgen würde, dass Deutschlands Überschüsse auf null, vermutlich sogar unter
    null sänken. Das wäre dann mit einem Wirtschaftseinbruch in Deutschland von 7%
    und mehr verbunden. Würden dann die gleichen Leute, die heute dem Freihandel und
    den Marktkräften das Wort reden, weiterhin behaupten, der Staat könne, solle und
    dürfe nicht eingreifen? Nun ja, das ist eigentlich eine müßige Frage. Auf die Meinung
    dieser Leute käme es dann vermutlich nicht mehr an, weil sie in der Politik eines
    Landes keine Rolle mehr spielen dürften, das im Chaos versinkt.“

    (Quelle / Zitate: Friederike Spiecker, flassbeck-economics)

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