Grexit
Die EZB steckt in der Griechenland-Falle

Die Griechenland-Gläubiger ringen um ein letztes Angebot an Athen. Dabei steht auch für die EZB viel auf dem Spiel. Bei einem Euro-Austritt Griechenlands droht in Frankfurt ein gewaltiger Milliardenverlust.
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DüsseldorfBis nach Mitternacht harrte Mario Draghi am Montag im Berliner Kanzleramt aus. Der EZB-Chef verhandelte mit Kanzlerin Merkel, dem französischen Präsidenten Hollande, EU-Kommissionschef Juncker und der Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, über eine Lösung des Schuldenstreits mit Griechenland. Nach Informationen der "Welt" wollten die Gläubiger dabei einen letzten Kompromissvorschlag für Athen erarbeiten.

Für alle Seiten steht viel auf dem Spiel: Griechenland droht im Falle des Euro-Austritts (Grexit) wirtschaftliches Chaos – den Euro-Ländern der komplette Verlust von Hilfskrediten in Höhe von fast 200 Milliarden Euro. Doch auch in der Bilanz der Europäischen Zentralbank (EZB) könnte ein Grexit dramatische Spuren hinterlassen: Ihr drohen Verluste von 115 Milliarden Euro. Sie resultieren hauptsächlich aus dem sogenannten Target-System, das den Zahlungsverkehr innerhalb der Euro-Zone regelt.

Im Target-System werden die Kapitalbewegungen der Euro-Zone gemessen. Es funktioniert praktisch wie ein automatischer Kredit, den sich die Notenbanken untereinander gewähren. Überweist zum Beispiel ein Kunde Geld an seinen Lieferanten aus einem anderen Euro-Land, so hat die Notenbank aus dem Land des Lieferanten eine Target-Forderung. Nationale Zentralbanken mit negativem Target-Saldo haben Verbindlichkeiten gegenüber dem Euro-System. Aktuell liegt das Target-Defizit der griechischen Notenbank bei 98,8 Milliarden Euro.

Weitere Verbindlichkeiten können entstehen, wenn zum Beispiel eine Notenbank des Eurosystems überproportional viele neue Banknoten druckt. Berücksichtigt man auch dieses Verbindlichkeiten, so steht die griechische Notenbank mit 115 Milliarden Euro gegenüber dem Euro-System in der Kreide. Das wirft die Frage auf: Wer trägt die möglichen Verluste im Falle eines Euro-Austritts Griechenlands?

Eine endgültige Antwort sind die Notenbanker der Euro-Zone bislang schuldig geblieben. Auch die EZB wollte sich auf Anfrage zu diesem Thema nicht äußern. Im Prinzip gibt es jedoch nur zwei Möglichkeiten: Entweder die EZB fängt die Verluste auf und schüttet in den Folgejahren entsprechend weniger Gewinn an die nationalen Notenbanken aus – oder sie reicht die Verluste direkt an die nationalen Notenbanken weiter.

Kommentare zu " Grexit: Die EZB steckt in der Griechenland-Falle"

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  • Ich verstehe das jetzt richtig:
    200 Milliarden Eurozonenkredite und 115 Milliarden EZB gleich 315 Milliarden wären also futsch.
    Griechenland hat ca. 11 Millionen Einwohner, also 315 Milliarden geteilt durch 11 Millionen, das wären also dann für jeden Griechen etwa € 28.636 ? Da einige Griechen ja über Geld verfügen hätte man also jedem "bedürftigen" Griechen rund € 50.000,- schenken können. Denn verlieren werden wir die 315 Milliarden ja so oder so, doch jetzt hat kein Grieche € 50.000,-. Wer hat das Geld, die Commerzbank? Die Deutsche Bank? Goldmann Sachs? Bitte um Aufklärung

  • "Falle" ist allerdings richtig.

    Wie man's auch dreht und wendet:

    Auf Erpressung einzugehen (sprich: Erpressern Geld zu geben) hat sich noch nie als geeignete Problemlösungsstrategie erwiesen.

    Und mit "Erpressern" sind jetzt ganz konkret die griechischen Politiker gemeint.

  • Die Äußerungen, wenn Griechenland aus dem EURO-Raum scheidet wäre dies eine Ansteckungsgefahr für andere EURO-Mitgliedsstaaten, kann ich nicht teilen.

    Griechenland ist seit vielen Jahren nicht in der Lage sein Wirtschaftswachstum auf ein EURO-Niveau voranzubringen. In Griechenland fehlt es an Allem. Die Wirtschaftsstruktur ist katastrophal, Änderung nicht in sicht. Es herrscht Korruption in allen Bereichen, ohne Ende. Griechenland will die Steuern nicht eintreiben, Steuersünder werden nicht verfolgt. Ungünstige geographische Lage lässt eine starke Industrie nicht zu und der Tourismus bringt nicht die nötigen Milliarden. Usw.

    Worin soll die Ansteckungsgefahr liegen?

    So beschissen wie sich Griechenland gegenüber seinen Partnern verhält und aufgestellt ist, kann keine Ansteckungsgefahr für den EURO-Raum darstellen. Ein GREXIT würde der Welt zeigen, dass der EURO-Raum ein Ausscheiden eines nicht fähigen Land verkraften kann, was als Stärke bewertet würde. Milliarden in ein Fass ohne Boden zu stecken ist keine Kunst, kostet uns Steuerzahler unendlich viel Geld.

    Weiter so, die Volksvertreter müssen ja nicht bezahlen.


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