Hilfe für Krisenländer
Riskante Planspiele der EZB sorgen für Empörung

Die Europäische Zentralbank arbeitet an Modellen, um Südeuropas Wirtschaft wiederzubeleben. Dabei schreckt die EZB auch vor riskanten Manövern nicht zurück. Berlin ist alarmiert und reagiert mit einer deutlichen Warnung.
  • 129

Berlin/FrankfurtÜberlegungen in der Europäischen Zentralbank (EZB), bei einem möglichen Ankauf forderungsbesicherter Wertpapiere (Asset Backed Securities, kurz: ABS) die Ausfallrisiken auf den EU-Haushalt abzuwälzen, stoßen in Berlin auf vehementen Widerstand. „Garantien aus dem EU-Haushalt zur Absicherung von EZB-Maßnahmen sind ein erneuter Versuch, versteckt eine Haftungsgemeinschaft einzurichten. Wir lehnen eine Vergemeinschaftung der Risiken ab, egal in welchem Gewandt sie uns präsentiert wird“, sagte der Vize-Vorsitzende der Unions-Bundestagsfraktion, Michael Meister (CDU), Handelsblatt Online.

Nach Handelsblatt-Informationen prüft die EZB derzeit Modelle, bei denen EU-Institutionen die Zentralbank vor möglichen Verlusten aus dem Kauf von ABS aus Südeuropa absichern würden. So könnte die Europäische Investitionsbank (EIB) die EZB absichern, hieß es in Notenbankkreisen. Eine andere Variante sei, dass die Europäische Union über den EU-Haushalt Garantien gebe. Oder die EZB kauft die ABS-Papiere gar nicht selbst, sondern die EIB. In diesem Falle wäre die Zentralbank nur Liquiditätsgeber.

Dass die EZB in alle Richtungen denkt, wenn es um Lösungen für die Probleme der Krisenstaaten geht, ist schon länger klar. So war die Ankündigung der EZB, notfalls unbegrenzt Anleihen von Krisenstaaten aufzukaufen, von Anfang an Streitpunkt zwischen der Zentralbank und der Bundesbank. Kurz bevor das Verfassungsgericht über den dauerhaften Rettungsfonds ESM verhandelt, verschärft sich nun offenbar der Streit. „In der Bundesbank gibt es echte Euro-Gegner“, zitiert die „Bild“-Zeitung nicht näher genannte Mitarbeiter der EZB. Schon länger ist bekannt, dass Bundesbankpräsident Jens Weidmann äußerst skeptisch ist, hinsichtlich Anleihe-Pläne der EZB. EZB-Chef Mario Draghi hingegen glaubt, dass eben dieses Versprechen bitter notwendig ist, um eine abermalige Euro-Vertrauenskrise zu verhindern.

Mit Blick auf neue Gedankenspiele hatte Draghi zudem im April die Öffentlichkeit wissen lassen: „Wir fassen Standard- und Nicht-Standardmaßnahmen ins Auge, wir überlegen in 360 Grad.“ In der ersten Mai-Woche legte der EZB-Präsident in Bratislava nach: „Alle Optionen sind noch offen“, erklärte er, nachdem er zuvor angedeutet hatte, dass die Zentralbank mit anderen EU-Institutionen den Markt für verbriefte Kreditforderungen „wiederbeleben könne“. So möchte der Italiener die Kreditklemme lösen, unter der südeuropäische Unternehmen leiden.

Drei Jahre Euro-Krise haben gelehrt, dass der Abstand zwischen „Option“ und „Realität“ denkbar klein sein kann. Und so ist es inzwischen kein Geheimnis mehr, dass EZB-Ratsmitglieder darüber beraten, den Markt nicht nur wiederzubeleben, sondern auch darüber, auf dem intransparenten ABS-Markt in Kooperation mit der EIB oder der EU-Kommission womöglich als Käufer aufzutreten.

Kommentare zu " Hilfe für Krisenländer: Riskante Planspiele der EZB sorgen für Empörung"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Die Bundesbanken müssen garnichts öffentlich sagen.
    Wenn ein Herr Weidmann das tut, ganz nett, hat aber letztlich nur Auswirkungen auf eine mentale Steuerung des Finanzmarktes. Denn wo und wer Schulden beim Staat hat, ist überhaupt nicht transparent, und ohne Schulden funktioniert mal nichts.

    http://www.youtube.com/watch?v=pgusSFHvKYk

    Psychologie, vielleicht auch "nur" für die Global-Finanzplayer, für die kleinen Sparer und schlecht verdienende Arbeitnehmer fühlen die sich sowieso nicht zuständig. Das Bruttosozialprodukt steigt dadurch nicht, in keinem EU-Land.
    Das geht nur mit mehr Schulden, denn so ist das System. Die 60% wurden im letzten Jahrtausend anhand der damaligen Strukturen und Bruttosozialumsätze willkürlich festgelegt.
    Wer also heute nur zum "sparen" aufgefordert wird, dem wird gesagt: "halt die Fr**se und sieh zu das du für uns möglichst umsonst arbeitest, aber genug konsumierst um das System am laufen zu halten".

  • Die EZB macht seit 2010 Finanzpolitik, nämlich bereits am 9. Mai 2010 ergriff EZB-Präsident Trichet die Gelegenheit, sich vom EZB-Rat den Kauf von Staatsanleihen finanziell angeschlagener Eurostaaten für insgesamt 209 Mrd. Euro (Griechenland, Irland, Portugal, Italien, Spanien) genehmigen zu lassen (Securities Market Programme – SMP nannte sich das damals) und so den EU-Vertrag in einem zentralen Punkt auszuhebeln. Sich jetzt erst hinzustellen und das als "neue Linie" der EZB-Bank zu geißeln, empfinde ich als eine Art Befreiungsschlag, um sich von dem ganzen Mist, den die Politik in Europa seit 1988, der Zustimmung zu Jaques Delors Dreistufenplan zur Einführung des Euro als Gemeinschaftswährung, angerichtet hat, kurz vor dem Zusammenbruch noch zu distanzieren.
    Saumil Parikh, Managing Director bei Pimco, die sich offenbar aus dem Euro-Raum zurückziehen wollen, im Handelsblatt am 21.03.2012: „Ohne Haftung zerbricht der Euro“; und ich sage, mit Haftung auch, aber eben erst später und dafür für alle teurer.

  • Zitat:"Die Lösung der Kreditklemme, unter der südeuropäische Unternehmen leiden, ist in erster Linie Aufgabe der südeuropäischen Staaten, die die Fungibilität und die Rahmenbedingungen für die Profitabilität von Unternehmen verbessern müssen."

    und nun mit Ihrer Übersetzung des Begriffs
    Die Lösung der Kreditklemme, unter der südeuropäische Unternehmen leiden, ist in erster Linie Aufgabe der südeuropäischen Staaten, die die Austauschbarkeit und die Rahmenbedingungen für die Profitabilität von Unternehmen verbessern müssen.

    Es muss also die Profitabilität (soll wohl Rentabilität heißen) von Unternehmen Austauschbar sein.

    Ergibt nicht wirklich einen Sinn ....

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%