Kommunikationspanne bei EZB EU-Ombudsfrau fordert Klärung von Draghi

Bei einer nicht-öffentlichen Rede verrät ein Direktoriumsmitglied Details zum Anleihekaufprogramm der EZB. Kurz darauf fällt der Euro-Kurs. Jetzt fordert die Bürgerbeauftragte der EU, Emily O’Reilly, Aufklärung.
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Die EU-Bürgerbeauftragte Emily O’Reilly erhebt schwere Vorwürfe gegen ein EZB-Direktoriumsmitglied. Quelle: ap
Weitergabe von marktsensiblen Informationen

Die EU-Bürgerbeauftragte Emily O’Reilly erhebt schwere Vorwürfe gegen ein EZB-Direktoriumsmitglied.

(Foto: ap)

Berlin/FrankfurtDie jüngste Kommunikationspanne der EZB hat die EU-Bürgerbeauftragte auf den Plan gerufen. Ombudsfrau Emily O’Reilly forderte EZB-Chef Mario Draghi in einem Schreiben auf, die verspätete Veröffentlichung der Rede von EZB-Direktoriumsmitglied Benoit Coeure aufzuklären. Innerhalb von zwei Wochen solle Draghi sie und auch die Öffentlichkeit darüber unterrichten. Coeure habe „potenziell marktsensible Informationen“ anscheinend einem begrenzten Empfängerkreis bekanntgemacht, kritisierte O’Reilly.

Der EZB-Direktor hatte am 18. Mai in London eine Rede gehalten. An der geschlossenen Veranstaltung hatten Vertreter von Hedgefonds wie Brevan Howard und von großen Bankhäusern wie Goldman Sachs und Citi teilgenommen. Medien waren nicht zugelassen. Coeures Rede veröffentlichte die EZB am nächsten Morgen. Doch schon während der Veranstaltung war der Euro-Kurs zum Dollar deutlich gefallen. Die EZB war wegen der Rede Coeures in die Kritik geraten. Er habe bei einem Abendessen in London wichtige Details zum großangelegten Anleihenkaufprogramm einem nur kleinen Kreis von Marktteilnehmern genannt, bemängelten Anleger und Politiker.

So hilft die EZB den Schuldenmachern
Italien profitiert
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Die EZB hat Anfang März ihr neues Anti-Krisen-Programm gestartet. Sie „druckt“ frisches Geld und kauft damit Wertpapiere. Fachleute nennen dies quantitative Lockerung oder schlicht „QE“ („Quantitative Easing“). EZB-Präsident Mario Draghi hatte die Märkte seit Monaten darauf vorbereitet. Im Januar gab der EZB-Rat mit breiter Mehrheit grünes Licht – gegen den Widerstand etwa von Bundesbankpräsident Jens Weidmann und dem deutschen EZB-Direktoriumsmitglied Sabine Lautenschläger. Seitdem preisen die Märkte das „QE“. Die Rendite für italienische zweijährige Staatsanleihen ist seit Jahresbeginn deutlich gefallen.

Rendite (Jahresbeginn): 0,53 Prozent
Rendite (18.03.2015): 0,29 Prozent
Quelle: Bloomberg

Langfristig günstiger
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Die Rendite zehnjähriger italienischer Anleihen ist ebenfalls zurückgegangen. Italien kann sich damit deutlich günstiger Geld am Markt leihen. Das Land fiel während der Krise 2012 nicht nur wegen seiner Schulden, sondern auch wegen politischer Querelen auf. Die Zinsen lagen dementsprechend 2011/2012 bei fast sieben Prozent. Rund drei Jahre später sind die heutigen Zinsen für das Land deutlich niedriger.

Rendite (Jahresbeginn): 1,89 Prozent
Rendite (18.03.2015): 1,37 Prozent
Quelle: Bloomberg

Starkes Portugal
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Am stärksten profitierten in der ersten Woche der EZB-Geldflut portugiesische Staatsanleihen. Die Rendite der 30-jährigen Anleihen aus Portugal fiel die sechste Woche in Folge und erreichte Mitte März ein Rekordtief. Auch für zweijährige Staatsanleihen ging es bei der Rendite deutlich abwärts. Zu Krisenzeiten lag die Rendite hier noch über 20 Prozent. Heute liegt sie nahe Null.

Rendite (Jahresbeginn): 0,42 Prozent
Rendite (18.03.2015): 0,11 Prozent
Quelle: Bloomberg

Rendite auf Vorkrisenniveau
4 von 9

Auch bei der Rendite zehnjähriger portugiesischer Staatsanleihen ging es nach unten. Die Differenz zur Rendite der  Bundesanleihen sank auf 130 Basispunkte – die kleinste Differenz seit April 2010. Die Renditen zeigen auch sehr deutlich, warum am Aktienmarkt Kauflaune herrscht: Mit Staatsanleihen kann man kaum noch Rendite erwirtschaften. Zum Vergleich: Im Sommer 2012 zahlte Portugal für seine zehnjährigen Anleihen mehr als 17 Prozent Zinsen.

Rendite (Jahresbeginn): 2,69 Prozent
Rendite (18.03.2015): 1,75 Prozent
Quelle: Bloomberg

Spanien kommt günstiger an Geld
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Auch Spaniens Staatsanleihen sind seit Jahresbeginn beliebter. Die steigende Nachfrage ließ die Rendite konstant fallen. Zum Vergleich: Im Sommer 2012 forderten Anleger am Markt noch fast sieben Prozent Rendite für zweijährige spanische Staatspapiere.

Rendite (Jahresbeginn): 0,4 Prozent
Rendite (18.03.2015): 0,16 Prozent
Quelle: Bloomberg

Renditen weit unter Krisenniveau
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Im Sommer 2012 zahlte Spanien mehr als sieben Prozent Zinsen für seine zehnjährigen Staatsanleihen. Im Sommer 2012 kam dann Draghis Versprechen „alles zu tun, was nötig sei“, um den Euro zu retten. Seitdem ging es bei den Renditen der Staatsanleihen konstant abwärts. Anfang 2015 betrugen die Zinsen nur noch 1,6 Prozent und fielen als Folge des „QE“ der EZB noch weiter.

Rendite (Jahresbeginn): 1,6 Prozent
Rendite (18.03.2015): 1,34 Prozent
Quelle: Bloomberg

Deutschland: Geld leihen und dafür zahlen
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Eine besondere Situation zeigt sich bei den Bundesanleihen. Bei zweijährigen Staatspapieren der Bundesrepublik bekamen Anleger zu Jahresbeginn eine negative Rendite. Sprich: Investoren zahlen Geld, um Deutschland ihr Geld zu leihen. Durch die Staatsanleihekäufe der EZB ist die Rendite sogar noch weiter ins Minus gerutscht.

Rendite (Jahresbeginn): - 0,1 Prozent
Rendite (18.03.2015): - 0,23 Prozent
Quelle: Bloomberg

O’Reilly gab in dem auf Mittwoch datierten Schreiben an, die verspätete Veröffentlichung sei von der EZB mit einem internen Prozessfehler begründet worden. Sie forderte Draghi auf, ihr binnen zwei Wochen eine detaillierte Erläuterung der Vorkommnisse zu schicken. Zudem solle sichergestellt werden, dass sich Ähnliches nicht wiederhole und sie nicht aktiv werden müsse. Die EZB äußerte sich am Donnerstag auf Anfrage nicht zu dem Schreiben. Die Europäische Bürgerbeauftragte untersucht Beschwerden über Missstände in den Organen und Einrichtungen der Europäischen Union.

  • rtr
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2 Kommentare zu "Kommunikationspanne bei EZB: EU-Ombudsfrau fordert Klärung von Draghi"

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  • Siehe Sendungen vom 28. Mai 2015 zu den Banken und Goldman Sachs !!! auf Phoenix. !!
    Oder Wiederholung 29. Mai 2015
    07.30 Goldman Sachs - Eine Bank lenkt die Welt
    08.15 Banken unter Kontrolle?

    http://www.phoenix.de/content/phoenix/tv_programm/1

    Noch Fragen?

  • "Aufklärung" ist eine süße Formulierung.

    Auf eine solche Entgleisung steht nur die Forderung nach Rücktritt und Verantwortungsübernahme. Aber was schreibe ich. Es gibt einfach Leute, die sind für alles zuständig und für nichts verantwortlich.

    Solche Typen sind keine Führungskräfte. Die gehören unter die Fitische von Frau Merkel, die sie alle wärmt.

    Wie kann man solche Leute in solche Ämter bringen? Die Hanschrift von Frau Merkel und ihr Führungsstil ist unverkennbar. Alles "alternativlos" "nach bestem Wissen und Gewissen". Vielleicht können wir uns aber auch darauf einigen, diese Typen in die Ämter zu bringen, von denen sie Ahnung haben.

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