Liveblog Draghi dreht auf

EZB-Chef Draghi überrascht: Erst senkt er den Zins und kündigt dann den Kauf von Firmenkrediten an. Die Entscheidung über Kreditverbriefungen fiel nicht einstimmig. Auf einer Pressekonferenz erläuterte er die Gründe.
Update: 04.09.2014 - 16:31 Uhr 37 Kommentare
EZB-Chef Draghi hat die Märkte mit seiner Zinssenkung überrascht. Quelle: dpa

EZB-Chef Draghi hat die Märkte mit seiner Zinssenkung überrascht.

(Foto: dpa)

FrankfurtNotenbank-Chef Mario Draghi überrascht die Märkte: Er senkt den Leitzins auf historische 0,05 Prozent – und schafft ihn damit quasi ab. Ist dies das Signal für ein entschlossenes Handeln der EZB? Was hat Draghi noch für Überraschungen parat? Verfolgen Sie seine Pressekonferenz im Liveblog.

+++ DIW: Schlechte Nachricht für die Wirtschaft +++
Auch das Deutsche Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) übt Kritik an der EZB. Die Maßnahme sei „eine schlechte Nachricht für die deutsche und europäische Wirtschaft“, so DIW-Chef Marcel Fratzscher. „Die unerwartete Entscheidung zeigt, dass die EZB sehr viel pessimistischere Erwartungen für Wachstum und Deflation hat, als von vielen befürchtet.“ Die Wirkung der Maßnahmen werde ohnehin nur „moderat“ sein. Gleichzeitig verfehlt die EZB laut Fratzscher derzeit ihr Mandat – die Preisstabilität – „sehr deutlich“. Das DIW erwartet überdies, dass die heutigen Maßnahmen „nicht die letzten sein werden“.

+++ Linke fordert sofortige Senkung der Dispo-Zinsen +++
Die Linkspartei fordert, dass die Banken umgehend die Leitzinssenkung EZB an die Kunden weitergeben. „Die neuerliche Zinssenkung müssen die Banken sofort zum Anlass nehmen, die Dispo-Zinsen deutlich zu senken, denn ansonsten wird die Gerechtigkeitslücke bei den Zinsen immer größer“, sagt die Vize-Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, Caren Lay, Handelsblatt Online. „Es kann nicht sein, dass die Banken das Geld für lau kriegen und es an die Kunden für zehn Prozent Zinsen weiter verleihen. Das ist eine Gelddruckmaschine für Banken.“

+++ Kritik von öffentlichen Banken +++

Liane Buchholz, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes Öffentlicher Banken Deutschlands, kritisiert die Entscheidung der EZB: „Es drängt sich der Vergleich auf, dass die EZB den Euro mittlerweile im späten Sommerschlussverkauf anbietet“, sagt Buchholz laut Mitteilung. Die Zinssenkung werde nicht zur erhofften Stimulation der Kreditvergabe an kleine und mittelständische Unternehmen führen. „Denn selbst der niedrigste Zinssatz wird die Risikobereitschaft der Banken in der Eurozone nicht erhöhen“

+++ Deutsche Ökonomen skeptisch über ABS-Käufe +++
In ersten Reaktionen kritisieren einige deutsche Ökonomen den geplanten Kauf von Kreditverbriefungen (ABS) und Pfandbriefen. „Die EZB hatte ihr Pulver schon viel zu früh verschossen und die Zinsen zu weit gesenkt“, sagt Ifo-Chef Hans-Werner Sinn. Jetzt stecke sie in einer Liquiditätsfalle. „Bedauerlicherweise deutet sich auch der Kauf von Anleihen durch die EZB an.“ Damit würde die EZB das Investitionsrisiko der Anleger übernehmen, wozu sie nicht befugt sei, sagt Sinn. „Eine solche Politik ginge zulasten der Steuerzahler Europas, die für die Verluste der EZB aufkommen müssten.“ Der Geschäftsführer des Bankenverbands BDB , Michael Kemmer, kritisiert, dass sich die EZB im Vorfeld der Zinsentscheidung unnötig unter Zugzwang gesetzt habe. Die Gefahr, dass der Euro-Raum in eine gefährliche Deflationsspirale rutsche, sei nach wie vor gering.

+++ Draghi drängt auf Strukturreformen +++
Draghi fordert die Euro-Länder zu mehr Reformen aufgerufen. Die Anstrengungen müssten verstärkt werden. In einigen Staaten seien Veränderungen schon angegangen worden. „In anderen aber nicht“, betont Draghi. Zugleich fordert er „wachstumsfreundliche Maßnahmen“. Dafür gebe es nach den EU-Haushaltsvorgaben genügend Spielraum. Zunächst müsse man aber sehr ernsthaft über Strukturreformen reden und erst in einem zweiten Schritt über Flexibilität. Frankreich und Italien hatten zuletzt eine Aufweichung des strikten Sparkurses in Europa gefordert. Auch Deutschland sieht inzwischen Möglichkeiten, mehr Geld - etwa für die Infrastruktur - auszugeben, beharrt jedoch im Grundsatz auf dem Sparkurs.

+++ Volksbanken kritisieren Zinssenkung +++

Die Vorstand des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), Andreas Martin, hält die heutige Zinssenkung für „übereilt.“ Erst im Juni habe die EZB ein umfangreiches geldpolitisches Programm zur Belebung der Kreditvergabe beschlossen. Sehr bedenklich sei das von der erneuten Zinssenkung ausgehende negative Signal auf die Sparanreize der Bundesbürger, insbesondere mit Blick auf eine ausreichende private Altersvorsorge.

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37 Kommentare zu "Liveblog: Draghi dreht auf"

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  • Ich bin ja schon erstaunt,wie viele negative Reaktionen hier zusammenkommen.
    Bei den nächsten Landtagswahlen sollen wir es "ihnen" zeigen, auf die Straße sollen wir ect ect.
    Soll ich wirklich Mitleid haben mit Sparern ect ?
    Habe ich nicht !
    Wer tatenlos dabei zusieht, wie er wieder und wieder beraubt wird, der hat es nicht besser verdient.
    Jeder, aber auch wirklich jeder,der davon betroffen ist kann sich gaaaanz einfach und sehr sehr effektiv wehren.
    Man räumt sein Konto ab !! Kündigt Versicherungen ect.
    Das ! trifft die welche euch berauben bis ins Mark ! Denn wo nichts ist... da kann man auch nichts rauben.
    Ein netter Wandtresor kostet nicht die Welt. Aber das "Vermögen" ist vor dem Zugriff von Dieben aller art gesichert :-)
    Nichts fürchten die Banken, die Mächtigen, die welche von der Arbeitsleistung und dem Geld anderer ! Leben mehr als das die Bürger ihnen ihr Spielzeug wegnehmen. Denn der Witz ist, wir können es !
    Es ist recht mühelos, man muss nicht "auf die Straße" was eh nichts bringt wenn es nicht mindestens 100.000sende sind ,man muss sich nicht mit Behörden rumärgern ect ect.
    Ganz einfach sein !!! Geld abholen.

  • Man kann nur Geld ausgeben, das man vorher erwirtschaftet hat.

    Alle Zentralbank-Maßnahmen weltweit sind nutzlose Strohfeuer, die nichts bringen außer neue Schulden, Blasen jeder Art und Inflation für die kommenden Generationen.

    Das Aufweichen der Sparanstrengungen in der Pleite- und Transfer-Union mit dem zu teuren und inkompatiblen Euro führt zu neuen Schuldenschnitten, für die der doofe Deutsche dann mit 27% haften muß.

    Ich verstehe überhaupt nicht, dass unsere unfähigen Politiker, und auch wir als Wähler, dem Treiben der durchgeknallten EZB tatenlos und absichtlich machtlos zusehen.

    Sie können aber gegen die Fiat-Money-Drucker nichts ausrichten, denn sind Teilnehmer der unheilvollen Allianz von gierigen Banken und dilettantischer Politik, denen es völlig egal ist, ob das Volk enteignet wird.

    Das Ganze wird genauso enden, wie in den 20er-Jahren im letzten Jahrhundert.

  • Natürlich wird es früher oder später so kommen. Man muss sich die Macht des Herrn Draghis nur bewusst sein. Mega gefährlich. Warum sind solche Eingriffe eigentlich nötig? Schulden werden durch immer mehr Schulden finanziert, Europa wird "ausverkauft". Es geht ausschliesslich um die Finanzmärkte. ES wird noch rausgezogen was geht, egal um was es geht. Karstadt, Quelle, Lehmann am Ende zahlt der kleine Mann die
    Schulden

  • Die Planwirtschaft der EUSSR-Notenbank (genannt EZB) wird dafür sorgen, dass alle verarmen (außer den Banken und den Politikern auf ihren warmgefurzten Sesseln), aber auch, dass dieses entsetzliche Konstrukt, dieses entsetzliche "politische Projekt" kollabieren wird. Je eher, desto besser. Die Verantwortlichen werden dann sicherlich zur Rechenschaft gezogen werden; der Rechtspositivismus wird damit beendet sein!

  • Natürlich meinte ich das ernsthaft. Fast immer wird der Dax morgens abverkauft auch heute, da steigen die Profis billig ein.

    http://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur/nachrichten/erwartungen-verpasst-weniger-neue-stellen-in-den-usa/10654140.html

    Unser Geld wird "verspielt", so einfach ist das. Wenn wir unsere Lebensversicherungen ausbezahlt bekommen, dann können wir nur schreien. Die Hegdgefonds etc. sind die einzigen die mittlerweile im Geld ersticken und mit billigen Geld weiter risikolos zocken können.
    Daher muss man das System ebenfalls ausnutzen und auf die EZB bzw. deren lockere Geldpolitik wetten. Die Aktien laufen wieder und die EZB muss immer wieder drauflegen, weil die Finanzmärkte von ihr abhängig sind

  • @Edi Haas: Meinen Sie das mit den "Calls" ernst? Ich verstehe nicht warum sich so viele von Optionsscheinen verführen lassen. Die sind mit Sicherheit nicht ohne Risiko.
    Nun ja, zugegeben, ich stehe Draghi mehr als reserviert gegenüber, aber soll ich mich als Anleger gegen einen D-Zug auf die Gleise stellen? Also habe ich mein Aktiendepot aufgestockt. Eine schnucklige Dividende soll ja auch noch rausspringen. So 4% plus "x". Aber ohne Risiko geht halt nix.

  • Draghi sitz auf einer Benzinlacke und schmeisst ein brennendes Streichholz nach dem anderen darauf und aergert sich, dass es immer noch nicht richtig brennt. "Draghisch" ist, dass diese Benzinlacke unser aller Geldvermoegen ist und anders als Draghi nicht weglaufen kann. Und unsere Politiker - die reichen ihm die Streichholzschachteln.

  • Von Inflation profitieren immer die, die das frische Geld zuerst in die Hände bekommen: Banken, Investoren, Staaten. Als Angestellter stehen Sie aber am Ende der Kette und werden eher verlieren. Eine Währung kaputtzumachen ist nichts anderes als eine große Umverteilung.

    Zudem treibt eine schwache Währung auch Ihre Energiekosten.

  • Herr Draghi ist für die Finanzmärkte ein "Gott":)
    Ohne seine Eingriffe, könnte man nicht täglich an den Finanzmärkten auf steigende Kurse wetten. Jede noch so schlechte Konjukturnachricht, wird durch die EZB Notenbanksitzungsphantasie weggewischt. Man wettet die ganze Woche schon darauf und wenn er dann liefert, wird abgeräumt. Irgendwoher müssen die wahnsinnigen Gewinne ja kommen, die hier an den Finanzmärkten täglich gemacht werden. Ich denke er will auch die Altersarmut bekämpfen. Wer heute morgen auf die Zinssenkung gewettet hat, konnte Daxcalls kaufen die seit heute morgen 400 % an Wert zugelegt haben. Dafür ist Herr Draghi da:)

  • Der deutsche Michel wird seine Lieblingspartei aich dann noch wählen gehen, wenn seine Konten bereits leergefegt wurden. Es sind ja nicht die Politiker, sondern die EU und Super-Mario oder seine Nachfolger, die dann Schuld sind (an dieser Stelle ein verzweifelter Lacher).

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