Mario Draghi in Washington
Heimspiel in der Ferne

Mario Draghi nutzt einen Gastauftritt beim Internationalen Währungsfonds, um seine Krisenpolitik zu rechtfertigen. In Washington erntet der EZB-Präsident damit Applaus – obwohl er auch Risiken zugibt.
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WashingtonEr ist weit weg von zu Hause, weit weg von den quälenden Debatten, die ihn in Europa verfolgen. In Washington fühlt sich Mario Draghi wohl, hier fühlt er sich verstanden. Amerikanische Ökonomen halten seine Geldpolitik für den so ziemlich einzig vernünftigen Einfall, den die Europäer in der Eurokrise hatten. Ein Heimspiel in der Ferne ist es also gewissermaßen, als der Präsident der Europäischen Zentralbank am Donnerstag beim Internationalen Währungsfonds seine Geldpolitik rechtfertigt.

IWF-Chefin Christine Lagarde stellt ihren Gast persönlich vor, sie nennt ihn „einen Mann mit außergewöhnlichen Kenntnissen, unerschütterlicher Entschlossenheit und vor allem Mut“. Draghi lehnt sich zurück und genießt. Nur als Lagarde ihn „Maestro“ nennt, windet er sich verlegen. So viel Lob scheint ihm dann doch nicht geheuer zu sein. Er kennt das nicht mehr. Insbesondere in Deutschland wird Draghi nicht wie ein Wunderheiler, sondern wie ein Aussätziger behandelt. Als sei er die erzkapitalistische Verkehrung Robin Hoods, einer, der den Armen nimmt und den Reichen gibt.

Diese Vorwürfe beschäftigen Draghi, offenbar gehen sie ihm nah. Und daher nutzt er seinen Auftritt beim IWF, um sich so ausführlich wie selten zuvor mit der Kritik am Kurs der EZB auseinanderzusetzen, die Risiken und Nebenwirkungen abzuwägen – und um sich zu verteidigen.

Zunächst widmet sich Draghi dem Lieblingsargument seines geldpolitischen Rivalen, Bundesbankchef Jens Weidmann, der bei jeder sich bietenden Gelegenheit behauptet: Der Aufkauf von Staatsanleihen, den Draghi angeordnet hat, um gegen die Preisstagnation in der Eurozone anzukämpfen und die Wirtschaft anzukurbeln, sei überflüssig. Weidmann vertritt die Auffassung, dass der Rückgang der Inflationsrate im vergangenen Jahr fast vollständig auf den fallenden Ölpreis zurückzuführen sei. Ein temporäres Phänomen, das keiner Korrektur durch Geldvermehrung bedurft hätte.

Draghi widerspricht dieser These vehement, er hält sie für zu kurz gedacht. Der Öl-Effekt habe einen längerfristigen Trend zu immer niedrigeren Inflationsraten verstärkt, und dieser Trend sei vor allem auf eine schwache wirtschaftliche Nachfrage zurückzuführen gewesen. Nicht nur die aktuelle Inflationsrate, auch die künftig erwartete Inflationsrate sei bedrohlich stark zurückgegangen, bedrohlich deswegen, weil dauerhaft geringe Preissteigerungen oder gar Preissenkungen höhere Realzinsen bedeuten. „Es bestand somit die Gefahr, dass diese Entwicklung einen Kontraktionseffekt generiert hätte, der, zumindest teilweise, die Vorteile des Rückgangs des Ölpreises ausgeglichen hätte“, sagt Draghi. Also musste er handeln, Entschlossenheit demonstrieren, ein Zeichen setzen gegen die Stagnation.

Und so stehen nun zwei Buchstaben im Zentrum der öffentlichen Debatte. QE – quantitativ easing, wie der Ankauf von Staatsanleihen durch Notenbanken im Fachjargon genannt wird. Die EZB hat angekündigt, ihre Bilanz um etwa eine Billion Euro aufzublähen. Und Draghi stellt klar, dass er von seinem Kurs nicht abweichen wird, auch wenn sich inzwischen die Anzeichen für eine Konjunkturbelebung häufen. „Wir werden unser Programm, so wie es angekündigt wurde, umsetzen.“ Das Ziel der EZB ist eine Inflationsrate von zwei Prozent in der Eurozone, im April betrug sie minus 0,1 Prozent. Die Preise steigen also nicht, sie fallen, wenn auch langsamer als in den Monaten zuvor. „Nur eine dauerhafte Anpassung des Inflationspfads“ könne einen Kurswechsel auslösen, stellt Draghi klar.

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