Notenbanken
Mächtige Marionetten

Noch nie waren Zentralbanker so mächtig – und zugleich so wenig handlungsfähig. Weil herkömmliche Instrumente nicht mehr helfen, setzen Draghi und Bernanke auf ungewöhnliche Mittel. Wie lange hören die Märkte ihnen zu?
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DüsseldorfDer Tag, an dem alle Hemmungen fallen, ist der 26. Juli 2012. Fast genau ein Jahr ist das jetzt her. Auf der „Global Investment Conference“ treffen sich rund 200 Wirtschaftsführer, Politiker und Investoren im Lancaster House in London, nicht weit entfernt vom Buckingham Palace. Noch ahnt keiner von ihnen, dass sich ein Mann an diesem Tag etwas Besonderes vorgenommen hat: Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB). Um kurz nach 11 Uhr beginnt Draghi mit seiner Rede. Nach sechseinhalb Minuten kommt er zum entscheidenden Punkt: „Innerhalb ihres Mandats wird die EZB alles Notwendige tun, um den Euro zu erhalten. Und glauben Sie mir – es wird ausreichen.“

Es sind nur zwei Sätze, doch sie schlagen an den Börsen in Frankfurt, Paris und London ein wie eine Bombe: Der Euro legt sofort kräftig zu, die Aktienkurse steigen und die Zinsen für Staatsanleihen der Krisenländer Italien und Spanien fallen drastisch. Draghi verrät an jenem Tag noch nicht einmal, was er genau vor hat. Doch für die Finanzmärkte ist die Botschaft unmissverständlich: Die EZB ist zu allem bereit, sie wird so viel Geld drucken wie nötig, um den Euro zu retten.

Der Tag markiert ein neues Kapitel der Geldpolitik. Weil die herkömmlichen Instrumente wie etwa Zinssenkungen nicht mehr helfen, greifen die Währungshüter zu einem anderen Mittel: zur Macht der Worte. Nie zuvor waren Notenbanker so redselig. Sie kündigen an, legen sich fest, machen Versprechungen - alles, um die Märkte in eine bestimmte Richtung zu lenken. Das ist inzwischen zu einer Art Gruppenzwang geworden. Die EZB tut es, die Bank of Japan, die Bank of England, die Federal Reserve sowieso. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise hat das gut funktioniert. Doch diese Strategie ist riskant: Die hohen Erwartungen, die die Notenbanker an den Märkten schüren, könnten schnell enttäuscht werden. Es gibt kein Zurück mehr.


Vor wenigen Wochen ging Draghi noch einen Schritt weiter. Auf der Pressekonferenz im Anschluss an die Ratssitzung kündigte er an: „Die Leitzinsen bleiben für eine ausgedehnten Zeitraum auf dem aktuellen Niveau oder niedriger.“ Wieder mal ein Bruch mit der Tradition: Nie zuvor hatte sich die EZB auf ihre künftige Zinspolitik festgelegt. Draghi will die Märkte in eine bestimmte Richtung lenken, wird gleichzeitig aber selbst immer mehr zum Getriebenen.

Der frühere EZB-Chef Jean Claude Trichet hat von solchen Festlegungen nichts gehalten, und er hält auch jetzt nicht viel davon. Immerhin räumte er jedoch jüngst in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Bloomberg ein, dass sich eine einzelne Notenbank dem Trend kaum entziehen könne. Im Klartext heißt das: Wenn sich alle anderen festlegen, wird es für die EZB sehr schwer, dies nicht zu tun. Denn wenn sie zu vage bleibt, weckt das bei Investoren sofort Zweifel.

Kommentare zu " Notenbanken: Mächtige Marionetten"

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  • @whoknows

    Stimme Ihnen prinzipiell zu. Dennoch kann es unter einigen Umständen (begrenzt sowohl in der Menge der Ausgaben als auch bezogen auf Projekte) Sinn machen, dass der Staat kurzfristig als Nachfrager auftritt.
    Aber wie gesagt: Nur unter bestimmten Umständen und sehr beschränkt.
    Daher ja auch meine Aussage, dass ich eigentlich kein Freund von Keynes bin.
    Dass die Art, wie Keynes angewendet wird, vollkommen daneben ist, daran gibt es sicherlich keinerlei Zweifel.

  • @Hardie67
    "Der Keynesianismus ist das Gift. Die wenigsten kapieren das!"
    ----
    "Auch wenn ich wahrlich kein Freund von Keynes bin, so ist Ihr Satz falsch.
    Das Problem liegt darin, dass Politiker nur den ersten Teil begriffen haben, den zweiten Teil aber nicht kapieren."
    ----

    Naja, das Hauptproblem bei Keynes ist doch, das strukturelle Krisen für konjunkturelle Abschwünge gehalten werden und das Durchtunneln per deficit Spending durch die nichtvorhandene Konjunkturdelle ins finanzielle Nirvana führt.

    Gleichzeitig verhindert das deficit Spending die notwendige Anpassung der Preise nach unten um wieder wettbewerbsfähig zu werden. Das Ende vom Lied ist eine privat und staatlich überschuldete Wirtschaft und der dauerhafte Verlust von Wertschöpfung. Also genau die südeuropäische Krankheit. Deswegen wird dort ein Marschall Plan oder weiteres deficit Spending genau gar nichts bringen.

    QE oder sonstige Manipulationen der Zentralbanken haben im Übrigen den gleichen Effekt. Die Asset-Preise in den Bankbilanzen sollen, koste was es wolle, gehalten werden, damit die Banken nicht pleite gehen. Dank den krankhaften Leverage-Raten in unserem kranken Schuldgeldsystem reichen ja schon 4% Verlust aus, um Banken dem Konkurs nahe zu bringen.

  • Die erste Regel der Notenbanken lautet: Brauchst du Zeit, drucke Geld.

    Die zweite Regel der Notenbanken lautet: Du musst immer mehr Geld drucken als beim letzten Mal.

    [...]Denn die dritte Regel der Notenbanken wird selten bedacht: Irgendwann kannst du keine Zeit mehr kaufen, egal, wie viel Geld du druckst. Oder, wie die Credit Suisse meint: „Wir bleiben überzeugt, dass die entscheidende Krise noch bevorsteht.

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