Preisentwicklung
Inflation steigt vor entscheidender EZB-Sitzung

Die Teuerungsrate hat im August in Deutschland angezogen. Auch für den gesamten Euro-Raum wird ein Anstieg erwartet. Vor der entscheidenden EZB-Sitzung nächste Woche liefert dies Argumente für einen Kurswechsel.
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FrankfurtAuch wenn sich Mario Draghi zuletzt immer optimistischer über die Wirtschaft im Euro-Raum geäußert hat, blieb der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) in einem wichtigen Punkt stets zurückhaltend. „Wir haben bislang noch keine selbsttragende Annäherung der Inflation an das mittelfristige Ziel gesehen“, sagte Draghi in der vergangenen Woche auf der Notenbankkonferenz im amerikanischen Jackson Hole. Daher sei ein erhebliches Ausmaß an geldpolitischer Unterstützung immer noch gerechtfertigt.

Das mittelfristige Inflationsziel der EZB liegt bei etwa zwei Prozent. Um dies zu erreichen, kauft die Notenbank seit März 2015 massiv Anleihen der Euro-Länder. Daher spielt die Preisentwicklung eine entscheidende Rolle bei der Frage über die Zukunft der billionenschweren Anleihekäufe. Die Notenbank hat eine Diskussion darüber für den Herbst angekündigt. Viele Experten gehen davon aus, dass die Notenbank die Käufe ab Januar 2018 schrittweise reduziert. Doch ob das tatsächlich passiert, ist nicht ausgemacht, denn vor allem der zuletzt gestiegene Wechselkurs des Euros bereitet einigen Ratsmitgliedern Sorgen und könnte dazu führen, dass die Notenbank die Entscheidung aufschiebt. Die Preisentwicklung zeigt hingegen kurz vor der entscheidenden Sitzung am kommenden Donnerstag positive Signale: Die Verbraucherpreise in Deutschland stiegen im August im Schnitt 1,8 Prozent zum Vorjahresmonat – im Juli waren es 1,7 Prozent. Der ebenfalls veröffentlichte Preisanstieg in Spanien lag sogar bei zwei Prozent.

„Die heutigen Inflationsdaten für Deutschland sind eine gute Nachricht für die EZB“, meint Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING Diba. Sie würden die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass auch die am Donnerstag vom europäischen Statistikamt Eurostat vorgelegten Zahlen für den gesamten Euro-Raum höher ausfallen. Im Juli lag die Inflation im Euro-Raum noch bei 1,3 Prozent.

Brzeski geht davon aus, dass die Notenbank in der kommenden Woche versuchen wird, den negativen Einfluss der jüngsten Aufwertung des Euros auf das Wachstum und die Inflation herunterzuspielen. „Die EZB wird versuchen, den stärkeren Euro als Resultat einer gestiegenen Attraktivität des Euro-Raums darzustellen und nicht als Problem“, meint er.

Seit Jahresbeginn hat der Euro im Verhältnis zum Dollar schon mehr als 13 Prozent zugelegt. Bereits auf der Juli-Sitzung der Notenbank hatten einige Ratsmitglieder vor einem überschießenden Euro-Kurs gewarnt.

Noch sehen Ökonomen keinen Grund zur Panik und führen den Anstieg weitgehend auf fundamentale Gründe zurück, wie die geringere politische Unsicherheit im Euro-Raum. Wenn aber die rasante Entwicklung beim Wechselkurs so weitergeht, wird es für Unternehmen immer schwieriger, sich kurzfristig anzupassen. Dann besteht die Gefahr, dass sie bestimmte Kunden und Märkte nicht nur temporär, sondern dauerhaft verlieren.

Bereits ein sich andeutender geldpolitischer Kurswechsel kann zu stärkeren Bewegungen am Devisenmarkt führen, denn Wechselkurse reagieren weniger auf Ist-Zustände als vielmehr auf eine sich ändernde Geldpolitik. Steigen die Kapitalmarktzinsen im Euro-Raum, wird es für Investoren attraktiver, ihr Geld im Euro-Raum statt in anderen Währungsräumen wie den USA anzulegen – und es entsteht Aufwertungsdruck beim Euro. Der Wechselkurs reagiert daher auf geldpolitische Signale sehr schnell.

Besonders schwierig wird es, wenn der geldpolitische Impuls für den Wechselkurs mit anderen Impulsen zusammenfällt, die in die gleiche Richtung gehen. So könnte die zunehmende Ernüchterung über US-Präsident Trump und die politischen Verhältnisse in den USA den Dollar zusätzlich schwächen. Das macht den Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik für Draghi noch komplizierter.

Wenn Mario Draghi und seine Kollegen aus dem EZB-Rat sich am Donnerstag nächster Woche treffen, haben sie also sehr unterschiedliche Entwicklungen abzuwägen.

Mallien Jan
Jan Mallien
Handelsblatt / Geldpolitischer Korrespondent

Kommentare zu " Preisentwicklung: Inflation steigt vor entscheidender EZB-Sitzung "

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  • Die nächste Regierung g muss noch ein paar Steuern erhöhen, dann klappt's schon.

  • Der Stiefel hat viele Löcher und die deutsche Retterin hat Wahlkampf, der ist zwar getürkt, wie manch eine deutsche SPD-Politigerin aber man kann nie wissen.
    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Das ist nicht genug! Ein grosses Euroland in Stiefelform braucht zur Finanzierung deutlich höhere Werte!

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