Risiko Staatsanleihe
EZB schürt Gefahr einer Zwillingsexplosion

Immer noch gelten Staatsanleihen als risikolos. Experten halten das für fatal: Kommt es zu einem Ausfall, können Banken Staaten mitreißen - und umgekehrt. Genau das müsste die EZB bekämpfen, doch sie macht das Gegenteil.
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BerlinDer Makroökonomie-Experte Sören Radde vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) wirft der Europäischen Zentralbank (EZB) vor, mit ihrer extrem lockeren Geldpolitik die Gefahr einer Zwillingskrise zu erhöhen, bei der sich Banken- und Staatsschuldenkrise gegenseitig verstärken. „Bereits jetzt sollten alle Rettungsmaßnahmen in hilfsbedürftigen Euroländern darauf angelegt sein, die wechselseitige Abhängigkeit von Staaten und Banken nicht zu verstärken“, sagte Radde im Interview mit Handelsblatt Online. Doch statt dessen versorge die EZB den Bankensektor "mit Liquidität in unbegrenztem Maße".

Gerade spanische und italienische Banken hätten diese Liquidität in der Vergangenheit dazu genutzt, in heimische Staatsschuldentitel zu investieren, kritisiert Radde: „Auf diese Weise hat man die Anfälligkeit für Zwillingskrisen erhöht.“

Nach Raddes Einschätzung könnte auch Deutschland in den Sog einer solchen Krise geraten. Bislang beschränke sich das Risiko einer Zwillingskrise noch auf die von der Staatsschuldenkrise betroffenen Peripherieländer der Euro-Zone.

Die Tatsache, dass die Ratingagenturen nach Frankreich auch die die Bonität des Euro-Rettungsschirms ESM herabgestuft haben sei jedoch "ein erster Warnschuss, dass auch die Kernländer des Euroraums nicht vor diesem Schicksal gefeit sind“, sagte der DIW-Ökonom. „Die Belastungen aus den Hilfsprogrammen könnten im schlimmsten Fall auch für Länder wie Frankreich und Deutschland zu groß werden.“

Radde hält es vor diesem Hintergrund für einen Fehler, dass Banken Staatsanleihen bisher nicht mit Eigenkapital unterlegen müssen. Diesen Umstand haben er und der DIW-Experte Johannes Pockrandt in eine Studie näher betrachtet – mit ernüchternden Ergebnissen.

Die beiden Autoren nehmen dabei Bezug auf die Entwicklungen in Irland, Griechenland und Spanien, um zu zeigen, dass Finanzierungskrisen von Staaten deren Bankensektoren und Bankenkrisen wiederum die Zahlungsfähigkeit ihrer Heimatstaaten gefährden.

Diese Kopplung von Staats- und Bankensolvenz werde durch die „exzessive Investition“ von Banken in heimische Staatsschuldtitel noch verschärft. Fatalerweise tragen dem weder die geltende europäische Bankenregulierung Rechnung noch die Pläne zur Umsetzung von Basel III in der EU. „Beide behandeln Staatsanleihen der Mitgliedstaaten pauschal als risikolose, hochliquide Anlagen und nehmen sie von Eigenkapitalunterlegungen sowie Größenbeschränkungen aus“, konstatieren die Studienautoren.

In „normalen Zeiten“, erläutert Radde im Interview, also wenn sich das Kreditausfallrisiko von EU-Staatsanleihen nahe Null bewege, sei dies unproblematisch. Staatsanleihen stellten dann auch eine sichere Anlage dar. Zum Problem werde ein starkes Engagement von Banken bei der Finanzierung ihres Heimatstaates aber in Staatsschulden- oder Bankenkrisen, warnt der DIW-Experte. „Dann wächst sich die Krise in einem Bereich nämlich schnell zu einer Zwillingskrise aus, die sowohl den Staat als auch den Bankensektor betrifft.“ Drohende Bankeninsolvenzen veranlassten dann den Heimatstaat zu Stützungsmaßnahmen, die ihrerseits die Schuldentragfähigkeit des Staates gefährden können.

Kommentare zu " Risiko Staatsanleihe: EZB schürt Gefahr einer Zwillingsexplosion"

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  • und wenn Du dann noch die blöde Zinsfestschreibung sein lässt, hast Du die komplett richtige Sichtweise! Die Festschreibung kostet bloß Geld, erst, wenn die nächste Zinswende da ist, muss man festschreiben (max. 3 Jahre!).

  • Laut einer Statistik betragen die Portfolio- und Investmentabflüsse aus Spanien auf annualisierter Basis fast 50% des BIPs!

    Das ist schon eine massive Kapitalflucht, wenn man berücksichtigt, dass in Ländern wie Indonesien in der Asienkrise die Abflüsse eher so um die 25% betragen hatten.

    Und wenn die nächsten Defizitziele schon wieder in Frage gestellt werden müssen und (wie in Griechenland auch) sogar das Geld für lebenswichtige Medikamente und soziale Einrichtungen fehlt und Arbeiter wie in Andalusien für Lebensmittel statt Gehalt arbeiten, sind das ernüchternde Zustände mitten in Europa.

    Gleichzeitig hängen spanische Banken mit mehreren hundert Milliarden am Liquiditätstropf der EZB. Pläne für eine "Bad Bank", um die Bilanzen der Banken um die "toxic assets" zu kürzen, sind indes gescheitert, da nicht klar ist, wer das ganze Zeug kaufen soll.
    Und all diese Sparverrenkungen nur, um ein Rettungspaket zu erhalten, das viel kleiner als die ganzen Kapitalabflüsse ist und Spanien aber nächstes Jahr ca. 200 Milliarden Schulden emittieren muss?

    Die anderen europäischen Länder: Zypern bekommt 17 Milliarden bei 1 Million Einwohner. Portugal spielt noch auf Zeit, aber auch dort steht aller Wahrscheinlichkeit nach ein neues Rettungspaket an und man fordert griechische Lösungen. Frankreich ist zwischenzeitlich auch schon in den Fokus geraten.

    Alle schauen auf Deutschland und die einzig wichtige Frage: übernimmt Deutschland die Rechnung? Doch wie lange machen die Deutschen da noch mit?

    Eines wird klar: Deutschland exportiert halt doch nur 15% des BIPs in die Eurozone (die dann auch noch durch die Bundesbank in Form von Target2 subventioniert werden, die wiederum evtl. uneinbringlich sind).

  • Ich finde es schön, dass selbst Aufsichtsbehörden wie Bafin daran zweifeln, dass Staatsanleihen risikolos seien. Nur werden die Damen und Herren noch darstellen müssen, wie sie die Einführung einer Eigenkapitalunterlegung für Staatsanleihen in die Praxis umsetzen wollen. Denn dann konkurrieren Staatsanleihen tatsächlich gegen höher verzinsten Papiere, um das knappe Eigenkapital von Banken. Bereits minimale Eigenkapitalhinterlegungen würden Staaten in ganz schön heftige Finanzierungsprobleme katapultieren.

    Es passieren ja schon "kleine" Maßnahmen um Banken aus der Staatsfinanzierung rauszudrengen. Zum Beispiel wurde der PBB explizit von der EU die Geschichte mit den öffentlichen Pfandbriefen (vor allem Kommunalkredite) verboten (Offiziell war immer nur von "riskanten Geschäftsbereichen" die Rede...). Eigentlich sind immer öffentliche Schuldenpapiere das Problem (z.B. die deutschen "Bad Banks" bestehen fast nur aus dem Zeugs). Daher würde ich von einem "Risiko" von Staats- und Bankeninsolvenzen reden, wenn diese Ereignisse bereits eingetreten sind. Natürlich waren das nur kleine Sprengladungen. Aber worauf warten die Leute denn? Dass alles den Bach heruntergeht?

    Letztlich liegt es an den öffentlichen Körperschaften von ihren Schuldenbergen herunter zu kommen, bevor man überhaupt (vernünftigerweise) darüber nachdenken kann das Double-Default-Risiko von Banken und Staaten zu entflechten.

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