Schweizer Franken ohne Mindestkurs
„Was die Notenbank veranstaltet, ist ein Tsunami“

1,20 Franken je Euro: Der Mindestkurs der Schweizer Währung war Gesetz. Bis heute. Notenbank-Chef Thomas Jordan reagiert auf die wahrscheinlichen Anleihekäufe der EZB. Swatch-Chef Nick Hayek gibt sich ungehalten.
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Zürich/DüsseldorfBrechend voll war der Pressesaal der Notenbank in Zürich, als Thomas Jordan am Donnerstagmittag eintrat, um die überraschendste Entscheidung seiner Amtszeit zu erläutern. Gut eine Stunde dauerte die Befragung des Chefs der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Doch am Ende blieb Jordan einen überzeugende Begründung schuldig, der die Aufgabe des Franken-Mindestkurses zum jetzigen Zeitpunkt rechtfertigen würde.

Der Moment sei richtig gewesen, das Kursziel von 1,20 Franken je Euro aufzugeben, sagte Jordan. Ein Festhalten an dem Kursziel hätte auf lange Sicht keinen Sinn ergeben. „Der Ausstieg musste überraschend erfolgen“, erklärte er.

Die Finanzmärkte hat dieser Schritt kalt erwischt. Sie reagierten mit heftigen Turbulenzen. Der Dax brach zunächst ein, schoss dann aber wieder über die Marke von 10.000 Punkten. Die Schweizer Börse blieb dagegen tief im Minus. Schließlich hatte die SNB bis zuletzt zugesichert, das Kursziel unter allen Umständen mit unbegrenzten Devisenkäufen verteidigen zu wollen.

Doch der Druck durch die EZB wurde offenbar zu groß: Ökonomen sehen einen engen Zusammenhang zwischen der Entscheidung der Schweizer Notenbank und der Aussicht auf eine neue Geldspritze der Europäischen Zentralbank. „Die Aufgabe des Euro-Mindestkurses hängt mit der EZB-Politik zusammen“, sagt Alexander Rathke von der Schweizer Konjunkturforschungsstelle (KOF) aus Zürich zu Handelsblatt Online.

Viele Ökonomen rechnen damit, dass die EZB auf der Ratssitzung am Donnerstag nächster Woche grünes Licht für massive Anleihekäufe gibt. Sie könnte dann entsprechend ihres Kapitalschlüssels Staatsanleihen der Euro-Länder kaufen. Tendenziell würde dies den Wechselkurs des Euro schwächen. „Die Aussicht auf massive Anleihekäufe im Zusammenspiel mit der Russland-Krise hat den Druck auf die Schweizer Notenbank verstärkt“, sagt Rathke.

SNB-Chef Jordan hingegen trat Vermutungen entgegen, die Schweizer Notenbank könnte faktisch zu dem Schritt gezwungen gewesen sein. Marktdruck sei nicht ausschlaggebend gewesen, so der Notenbankchef.

Zuletzt lag der Wechselkurs des Frankens sehr nahe an dem von der SNB festgesetzten Mindestkurs von 1,20 Euro. Das spricht dafür, dass die SNB stärker intervenieren musste. Sprich: Sie druckt Franken und tauscht diese am Devisenmarkt in Euro, um die Zielmarke für den Wechselkurs zu verteidigen. Der Nebeneffekt ist eine höhere Inflation und eine Ausweitung der Zentralbankbilanz. Höhere Preise sind für die Eidgenossen im Moment jedoch das geringere Problem. 2012 und 2013 war die Inflation in der Schweiz negativ, 2014 lag sie nur knapp über der Nullmarke.

Die Auswirkungen sind auch bei Verbrauchern zu spüren. An den Geldautomaten der Bank Postfinance können vorübergehend keine Euro-Noten mehr bezogen werden. Dies sagte ein Postfinance-Sprecher der Schweizer Wirtschaftsnachrichtenagentur AWP. „Wir haben nach dem Entscheid der Schweizerische Nationalbank (SNB) den Devisenhandel vorübergehend ausgesetzt.“ Dies gelte für die Geldautomaten, aber auch für Internettransaktionen. „Am Devisenmarkt findet derzeit keine adäquate Preisbildung statt“, begründete er die Maßnahme. Wann der Stopp aufgehoben wird, sei derzeit noch offen. Bei anderen Schweizer Banken können hingegen weiter Euro-Noten bezogen werden, wie die AWP berichtet. So gebe es bei den Raiffeisen-Banken laut einem Firmensprecher keine generelle Anweisung zur Einschränkung des Euro-Bezugs.

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Viel Kritik aus der Exportwirtschaft

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  • Das wird für die Schweizer nun nicht mehr so einfach. Deutsche Firmen werden wohl überwiegend durch Exporte profitieren, Die Schweizer haben aber gleich wieder mit einem neuen Urteil nachgelegt, wie ich im folgendem Artikel gelesen habe:

    http://www.finance-magazin.de/geld-liquiditaet/cash-management/cash-pooling-in-der-schweiz-wird-schwieriger/

    Das bedeutet wiederum für große Firmen mit Tochterunternehmen in der Schweiz, dass es schwieriger wird Geld der Tochterfirmen in den Mutterkonzern zu transferieren.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette 

  • Hayek jr. soll halt die Preise um 50% erhöhen für seien Uhren - wie das sonst so üblich ist - und die Milliarden für´s eigene Konto zählen.

    Dem fehlt nichts - wie auch der anderen Industrie.
    Die konnten allesamt in früheren Jahren ganz hervorragend mit dem starken Franken leben.

    Nun ist halt wieder ein wenig Denken und rationalisieren angesagt. Das hat nie geschadet - im Gegenteil.

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