Schweizer Notenbank: „Schuld hat die EZB“

Schweizer Notenbank
„Schuld hat die EZB“

Der Schock war groß, als die Schweizer Notenbank im Januar überraschend den Franken vom Euro abkoppelte. SNB-Chef Thomas Jordan versucht nun, das Kommunikationsdesaster zu erklären – und macht eine überraschende Ansage.
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ZürichThomas Jordan, der Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB) ist ein Mann von Prinzipien. Mit gewohnt ruhiger Stimme argumentierte er Punkt für Punkt gegen alle Kritikpunkte, die nach dem Schock-Entscheid vom 15. Januar auf ihn und die Notenbank niederprasselten. Vollkommen überraschend gab damals die Notenbank die Kursgrenze von 1,20 Franken je Euro auf, die sie zuvor gut drei Jahre lang mit Erfolg verteidigt hatte.

„Ein Hinauszögern des Aufhebens des Mindestkurses wäre nur auf Kosten einer unkontrollierbaren Ausdehnung der Bilanz um mehrere Hundert Milliarden Franken (...) möglich gewesen“, erklärte Jordan.

Direkter als noch im Januar gab Jordan der Europäischen Zentralbank (EZB) die Schuld daran, dass die Schweizer die Kursgrenze haben fallen lassen. Seit den ersten Anzeichen für ein Quantitative Easing – also ein breit angelegtes Programm zum Aufkauf von Staatsanleihen – im Mai 2014, sei der Euro zum Dollar von damals 1,40 auf 1,18 Dollar Mitte Januar gefallen.

Dies habe für enormen Aufwertungsdruck auf den Franken gesorgt und es für die Notenbank unmöglich gemacht, die Kursgrenze weiter zu verteidigen. Eine Sicht, die am Mittwoch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in ihrem Quartalsbericht übrigens teilte.

Nach dem Entscheid hatte es auch heftige Kritik an der Kommunikation der Notenbank gegeben. Denn noch drei Tage vor dem Entscheid hatte ein Direktoriums-Mitglied sich öffentlich zur Kursgrenze bekannt. Jordan wollte am Donnerstag von einem Reputationsschaden nichts wissen.

„Ein möglicher Reputationsschaden wäre viel größer gewesen, hätten wir am Mindestkurs festgehalten, obwohl uns klar war, dass er nicht mehr nachhaltig ist", so Jordan. Rücktrittsforderungen an seine Adresse habe es nach dem Entscheid auch nicht gegeben.

Kritiker hatten zudem ins Feld geführt, dass sich die Schweizer Notenbank widersprechen würde. Noch im Dezember hatte sie von „gestiegenen Deflationsgefahren“ berichtet und damit den Mindestkurs weiter begründet.

Tatsächlich hat die SNB am Donnerstag ihre Inflationserwartung deutlich gesenkt; von minus 0,1 auf minus 1,1 Prozent in diesem Jahr. Sogar 2016 sollen die Preise weiter fallen mit minus 0,5 Prozent. Erst 2017 dürften nach der aktuellen Prognose die Preise wieder leicht steigen.

An diesem Punkt fing Jordan an, sich etwas zu winden. „Es ist sicher nicht ideal, dass die Inflationserwartung nun nochmal tiefer als im Dezember ist“, erklärte er. „Die Preiskorrektur ist aber nur vorübergehend“, schob er nach.

Lieber spricht er von „negativer Inflation“ als von „Deflation“ – denn: „Wir sehen kein Risiko, dass es zu einer Spirale aus sinkenden Preisen und Kaufzurückhaltung der Verbraucher kommt“, so Jordan. Dennoch wird die Franken-Stärke Spuren in der Schweizer Wirtschaft hinterlassen: Die SNB halbierte ihre Wachstumserwartung von zwei auf „nur noch knapp ein Prozent“.

Den Leitzins ließ die Notenbank unverändert bei minus 0,75 Prozent. Nur die dänische Notenbank, die ebenfalls gegen die Aufwertung der Krone kämpft, ist so tief im negativen Bereich wie die Schweizer Kollegen. Auch sie kämpft gegen die Aufwertung der eigenen Währung.

Mittlerweile gibt es Berichte in der Schweiz, dass sich auch große Investoren ihre Gelder in bar auszahlen lassen und in den Tresor packen. „Wir haben keine Auffälligkeiten im Bargeldumlauf festgestellt“, sagte Jordan kühl.

Aber so ganz scheint ihn das Thema nicht kaltzulassen. Bestrebungen, durch Bargeld-Hortung den Negativzins zu umgehen, „sind nicht im Gesamtinteresse der Schweiz“, mahnte er. Und fügte an: „Wir haben noch Steuerungsmöglichkeiten.“ Genannt hat Jordan davon allerdings keine.

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  • Leider beschränkt sich die gegenwärtige Misere nicht nur auf das Unverständnis oder die Ignoranz deutscher Politiker, sondern umfasst Politiker fast aller EU-Länder! Die Kapitalismusmetropole USA sowieso. Weltweit werden alle Politiker und mittlerweile ehemals unabhängigen Notenbänker vom Schulden- und Liquiditätssegen geritten. Die Kaufkraft durch Lohn- oder Pensionsanhebungen zu erhöhen wäre zwar eine wichtige und richtige Maßnahme, würde aber dazu führen dass der Anpassungsprozess in Bezug auf Globalisierung ins Stocken gerät. Es ist eine Mär zu glauben, dass Globalisierungsanspassungen nur in einer Richtung stattfinden, nämlich dass die arme Länder über nacht reich werden. Die Anpassung erfolgt immer von beiden Seiten, deswegen dürfen die Bürger des (ehemals) wohlhabenden Europas sich auf karge zeiten einstimmen.

    Die Geldpolitik Dragis wird daran nichts ändern, außer dass einige wenige, die heute schon auf genug Vermögen sitzen, durch weitere Assetblasen hinkünftig noch besser dastehen während ein Großteil der Bevölkerung sich demnächst das Wohnen nicht mehr leisten wird können.

  • Man kann es bemerkenswert finden, wenn hochbezahlte Banker, ich vermute da gehört auch Herr Dragi dazu, meinen, mit Druck von neuem Geld, das ohne bindendem Gegenwert herausgeflutet wird, irgend etwas hilfreiches bewirkt wird. Mit Nachhaltigkeit hat das jedenfalls nichts zu tun. Wenn die EZB glaubt, dass die Inflation nicht hoch genug ist, so gibt es zur Steigerung der selben andere Mechanismen. Was spräche eigentlich dagegen, mit vernünftigen Lohn-u. Gehaltsabschlüssen europaweit den Arbeitnehmern mehr in den Geldbeuteln zu platzieren. Das würde die Kaufkraft stärken, die Preise würden steigen und dem Fiskus mehr Geld in die Kassen spülen. Wenn man darüber hinaus noch den Rentnerinnen und Rentnern, mal die geregelten Anpassungen an die Nettolohnentwicklung gewähren würde, gäbe es einen weiteren Schub. Aber nein, in diesem Jahr wären erstmalig 3 % für die alten Bundesländer möglich gewesen. Aber was passiert? Es wird einfach die Methode der Berechnung geändert, damit man wieder unter 2% bleiben kann. Denn für die Rente mit 63 und der Mütterrente gilt ja mal wieder der Standardspruch: Es ist teurer geworden, als wir gedacht haben. Diesen Spruch bekommt man täglich bei jedem Projekt zu hören, was die öffentlichen Institutionen anschieben.

  • Wer im Vergleich zwischen SNB und EZB die für den Bürger bessere Zentralbankarbeit leistet ist ja wohl ganz eindeutig, der Sieger heisst SNB und der Schweizer Bürger!

    Jordan hat in allen Punkten Recht, das Deflationsmonster in EUR-Europa ist völlig überzogen und die Inflationspolitik verhindert förmlich Struktureformen.

    Die EZB will die Konjunkturzyklen abschaffen, am Ende aber wird sie den Wohlstand insb. im Norden Europas rasieren, so ist das nämlich.

    Zu DM-Zeiten gab es wie noch heute in der Schweiz ganz normale Konjunkturzyklen und der Wohlstand wuchs mächtig. Zyklen haben die gute Nebenwirkung, dass sie den Markt säubern und Strukturen damit effizienter gestalten, was langfristig für alle mehr abwirft.

    Aber glaubt nur weiter der Merkel-sozialisierten CDU und den SPDGrünen-Sozen, die meinen auch, übers Wasser gehen zu können.

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