Sitzungsprotokoll der Federal Reserve
Die dunkle Kunst der Dechiffrierung

Alle sechs Wochen reißen sich Notenbankbeobachter um das Sitzungsprotokoll der Federal Reserve. Das jüngste Protokoll ist das letzte vor der Sitzung am 16. und 17. September, bei dem die Bank den Leitzins anheben könnte.
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New YorkWie frischer Schlachtabfall für ein Rudel hungriger Wölfe wird das Sitzungsprotokoll der Federal Reserve den Notenbankbeobachtern alle sechs Wochen zum Fraß vorgeworfen. Gierig stürzen sich diese darauf und erhoffen sich neue Einsichten in die Denke der Fed-Entscheider. Das diesen Mittwoch vorgestellte Protokoll ist das letzte vor der Fed-Sitzung am 16. und 17. September, bei der die US-Leitzinsen angehoben werden könnten, wie 77 Prozent der Ökonomen in einer Bloomberg-Umfrage erwarten.

Die Veröffentlichung findet drei Wochen nach dem jeweiligen Treffen des Offenmarktausschusses (FOMC) statt und scheint auf den ersten Blick eine einfache und gradlinige Aufzeichnung des Hin und Her vor jedem wichtigen Schritt der Fed zu sein.

Das täuscht, sagen ehemalige Entscheider, die an der Erstellung des Dokuments beteiligt waren.

Wer am Mittwoch das aktuelle Sitzungsprotokoll nach Hinweisen auf den Zeitpunkt der ersten Fed-Zinserhöhung seit 2006 durchforstet, braucht einen scharfen Blick und so etwas wie eine geldpolitische Dechiffrierscheibe. Und selbst dann dürfte das Bild lückenhaft bleiben. Einige wichtige Details werden erst später bekannt, wenn die vollständige Mitschrift ein halbes Jahrzehnt später der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Andere Anhaltspunkte können leicht fehlgedeutet werden.

„Wer dieses Spiel mitspielt, muss es regelmäßig lesen“, sagt Joseph Gagnon, Senior Fellow am Peterson Institute for International Economics in Washington, der als Fed-Ökonom fast zwei Jahre lang bei der Ausarbeitung des Protokolls mitgeholfen hat. „Dann ist es weniger wahrscheinlich, hier etwas fehlzudeuten.“

Es ist hilfreich zu wissen, dass nicht alle Äußerungen während des zweitägigen Gesprächsmarathons in die Aufzeichnungen aufgenommen werden. Die Regeln des FOMC besagen, dass das Dokument einen „vollständigen und akkuraten Bericht aller diskutierter Fragen der Politik und vorgestellter Sichtweisen“ beinhalten und „alle Politikmaßnahmen darlegen“ sollte. Ein Sprecher der Fed wollte sich darüber hinaus nicht äußern.

Ökonomen, Vermögensverwalter und Journalisten brüten über dem Dokument auf der Suche nach Hinweisen, was die Fed- Währungshüter denken. Und einige Worte bedeuten mehr als andere.

So wird zum Beispiel fast unmerklich eine Rangfolge der Redner vermittelt. Alle im Offenmarktausschuss sind „Teilnehmer“ („participant“), aber nur die Stimmberechtigten werden als „Mitglieder“ („members“) bezeichnet. Dazu zählen das Board of Governors, der Präsident der New Yorker Fed und vier regionale Präsidenten, die nach dem Rotationsprinzip ein Stimmrecht haben.

Dann gibt es die Mengenworte, die grobe Anhaltspunkte für die Anzahl der Teilnehmer - oder Mitglieder - liefern, die eine bestimmte Sichtweise unterstützen. Hier gibt es eine strikte Reihenfolge: „viele“ („many“) sind beispielsweise mehr als „mehrere“ („several“), aber weniger als die „meisten“ („most“).

Das kann Donald Kohn zufolge allerdings irreführend sein. „Nicht jede Person äußert sich zu jedem Thema“, sagt der ehemalige Vizechef der Fed. „Nur weil ‚wenige‘ Personen etwas sagen, bedeutet das nicht, dass nicht viele andere Personen genau dasselbe dachten.“

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Die dunkle Kunst der Dechiffrierung

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Wichtige Punkte verschwinden aus dem Protokoll

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