Tag des Wirtschaftsjournalismus

Weidmann liest Wirtschaftspresse die Leviten

Eine Krise attestiert Bundesbank-Präsident Jens Weidmann dem Wirtschaftsjournalismus nicht. Allerdings stört sich der Banker an mancher Berichterstattung: „In zwei Minuten den Stand der Krise zu erläutern ist unmöglich.“
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Bundesbank-Präsident Jens Weidmann warnt vor einer Krisenmüdigkeit. Quelle: Reuters

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann warnt vor einer Krisenmüdigkeit.

(Foto: Reuters)

KölnReißerische Überschriften, die nicht vom Text gedeckt werden, die Fokussierung der Berichterstattung über Notenbanken auf vermeintlich „persönliche Duelle“ und einen raschen Wechsel in der Berichterstattung über vermeintliche Bedrohungsszenarien wirft Bundesbank-Präsident der deutschen Wirtschaftspresse vor.

Die Berichterstattung über die seit fünf Jahren währende Finanzkrise ende zudem häufig in der Kommentierung in einem „resignativem Pragmatismus“ – Hauptsache eine politische oder geldpolitische Entscheidung bringe kurzfristig Ruhe. Das sei „eine gefährliche Einschätzung“, so Weidmann am Mittwoch auf dem 5. Tag des Wirtschaftsjournalismus in Köln. Eine generelle Krise des Wirtschaftsjournalismus sehe er allerdings nicht, vor allem im internationalen Vergleich.

Weidmann appellierte auch an die Politik, längerfristige Perspektiven für die Fortentwicklung des Währungssystems anzufassen. Man schwanke zwischen dem Festhalten an den Prinzipien des Maastricht-Vertrags und der Rettungspolitik in der Staatsschuldenkrise. Weidmann verteidigte die Bedeutung der Unabhängigkeit der Notenbanken. Die schleichende Politisierung der Notenbanken mache ihm Sorgen.

Die Journalisten müssten die langfristigen Konsequenzen aufzeigen, die gewisse Entscheidungen hätten – gerade, wenn die Auswirkungen nicht kurzfristig sichtbar seien. Es sei erwiesen, dass unabhängige Notenbanken die Inflation besser im Griff hätten als politisch abhängige. In der Presse könnte heute vor Inflationsgefahren und morgen vor Deflationsgefahren gewarnt werden, was auf Leser verwirrend wirke.

„In zwei Minuten den Stand der Krise zu erläutern ist unmöglich – zumindest wenn die eigene Position auch noch differenziert aufgegriffen werden soll“, sagte Weidmann in Anspielung auf zwei Auftritte in Fernsehnachrichtensendungen am Dienstagabend. Eine Ende der Krise sei nicht wirklich absehbar.

Allerdings müssten sich nicht nur Journalisten Gedanken machen, die Zusammenhänge besser zu erklären. Auch die Bundesbank bemühe sich in der Außendarstellung die Komplexität der Materie greifbarer zu machen. Inzwischen sei man an einem Punkt angekommen, an dem die Krisenmüdigkeit drohe, Überhand zu nehmen. Das sei eine gefährliche Entwicklung.

Schuldenkrise belastet Bundesbank

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12 Kommentare zu "Tag des Wirtschaftsjournalismus: Weidmann liest Wirtschaftspresse die Leviten"

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  • Leider würde das 99% der Zuschauer entweder überfordern oder langweilen. Da die Anstalten nach Einschaltquote gehen, wird so eine Diskussion also nicht passieren. Zumindest nicht zur PrimeTime auf einem der bekannteren Sender.

  • LTRO, ELA, Target II, OMT, SMP, Dauerniedrigstzinsen, ökonomische Ungleichgewichte, Fiskalpakt, Bankenunion, eine neue europäische Arbeitslosenversicherung, Konjunkturschwankungsfonds, EFSF, EFSM, ESM, eine europäische Wirtschaftsregierung, das sind doch wirklich interessante Dinge, über die man einmal öffentlich eingehend diskutieren sollte. Dazu einige kompetente Gesprächspartner, die auch einmal ungestört zu Wort kommen dürfen, leider wird es so eine anregenden gute und sachliche Diskussion kaum geführt werden dürfen.

    Herr Weidmann könnte dann mit seinem Vorgänger Weber und den Professoren Hankel, Starbatty, Nölling, Schachtschneider und von Arnim sehr angeregt die Lage erörtern. Das wäre ein wirkliches Highlight zur besten Sendezeit im deutschen Fernsehen!

  • TXKmz
    Diese Aussagen sind zutreffend, leider auch für das Handelsblatt!! DW

  • Allerdings müssten sich nicht nur Journalisten Gedanken machen, die Zusammenhänge besser zu erklären.

    Auch ich habe die überhebliche und dümmliche Gesprächsführung der Tagesthemen im Interview gesehen.
    Ich glaube Herr Weidmann stellt an diese öffentl. rechtl. Moderatoren zu hohe Ansprüche. Hier wird bestenfalls nur eine Anmoderation gefordert. Bei einer Interviewführung sind die meist Damen geistig völlig überfordert.
    Diese Erkenntniss ist über mehrere Jahre gewachsen und verfestigt sich zunehmend. Dies gilt leider auch teilweise für Phoenix im Gegensatz zu Arte.

    Schönen Tag noch.


  • Zitat : Eine Krise attestiert Bundesbank-Präsident Jens Weidmann dem Wirtschaftsjournalismus nicht.

    Wie kann man auch, zumal wir weder einen Wirtschaftsjournalismus noch einen investigativen Journalismus haben..??!!

    Wir haben Dilettanten-Journalismus, Propaganda-Journalismus und System-Journalismus,

    die alle samt neben den Politikern das Volk noch mehr verblöden, belügen, abzocken !

    Und Weidmann gehört mit seiner vollen Kraft eindeutig auch dazu !
    Über die Bundesbank werden jetzt am Parlament vorbei unsere Steuergelder gen Südeuropa verprasst !

  • Mein Eindruck ist ebenfalls, dass speziell die Presse eine Hü/Hott Strategie fährt, z.B.: Heute wird geschrieben, die EU bekommte ihre Probleme langsam aber sicher im Griff. Enen Tag später wird geschrieben laut em Analysten XY steht der Euro kurz vor dem Scheitern und am folgendem Tag wird mangels Alternativen eine alte Sau aus dem Keller geholt und durchs Dorf getrieben.
    Dies mit Meinungsvielfalt zu verkleiden, geht nicht auf, damit hat das Ganze in dieser fachlich nicht gedeckten Weise nichts mehr zu tun.
    Das scheint auch von der dpa wesentlich initiiert zu sein und die Presse wehrt sich nicht dagegen.
    Hier würde ich mir, speziell von der Wirtschaftspresse, eine ruhige Hand wünschen, die fachlich gut unterlegt die große Linie vorzeicht und aufklärt, statt Unsicherheit herholen und zu übertreiben.

  • Auch wenn Herr Weidmann als DER Quertreiber in der Geldpolitik gesehen wird und sich teilweise konträr zur ge
    lebten Geldpolitik der EZB äußert bin ich der Überzeugung, das nicht ER der Falschfahrer auf der Autobahn ist, sondern der Rest der Entscheidungsträger. Die Vermischung von Geld und Politik ist sicherlich ein Grund, das vieles in der öffentlichen Wahrnehmung so ausfällt,als wenn der größte Teil der Krise schon erledigt ist. Weidmann gibt der Position die er ausfüllt das Gewicht, das es auch haben muß! Er macht seinen Job exzellent!!! auch wenn er dafür abgestraft wird und womöglich bald seinen Posten räumen müssen wird. Aber: wir werden ihn als letzten echten Verfechter einer Trennung von Geld- und Fiskalpolitik in Erinnerung behalten und der Zerfall von Europa wird nicht durch den angeketteten EURO aufgehalten werden! Am Ende wird der EURO nur noch ein Sinnbild sein für das, was Europa noch erleiden wird. Die Kapitel die da noch geschrieben werden, werden sicherlich nicht zu den ruhmreichen der Geschichte zählen und nur aufzeigen, das die Evolution in der europäischen Geschichte am Ende in einer Revolution enden wird, die keine Politik der Welt aufhalten wird. Der Mensch ist so veranlagt!!!

  • 12.03.2013 - tagethemen
    Bundesbank: Erneut niedrigere Gewinne als erwartet
    http://www.tagesschau.de/wirtschaft/bundesbank186.html

    ZDF heute journal
    Bundesbankpräsident: "Höhere Risiken"
    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1860504/Bundesbankpraesident-Hoehere-Risiken#/beitrag/video/1860504/Bundesbankpraesident-Hoehere-Risiken

  • sehe ich ganz genau so. Da stellt die Moderatorin allen ernstes die Behauptung auf, die EZB verdiene an der Rettung Griechenlands. Bereits mein 7jähriger Sohn versteht, dass es nur dann ein Geschäft wird, wenn der Kredit auch vollständig zurückgezahlt wird.
    Aber als Moederator in die ARD schafft man es offensiochtlich ohne ökonomische Minimalkopetenz...

  • Weidmann hat völlig Recht. Ich würde sogar noch deutlich weiter gehen und behäupten, die Medien, einschl. Wirtschaftsmedien, tragen einen erheblichen Anteil am wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Niedergang dieses Landes.

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