Thomas Mayer zu Helikoptergeld

„Ich habe große Zweifel an unserem Geldsystem“

Ein Scheck von der EZB für jeden? Im Interview erläutert der frühere Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Thomas Mayer, was Helikoptergeld für das Geldsystem bedeutet – und welche Chancen und Risiken damit verbunden sind.
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Der frühere Deutsche Bank-Chefvolkswirt leitet heute eine Denkfabrik des Vermögensverwalter Flossbach von Storch. Er hat große Zweifel am bisherigen Geldsystem, das auf Krediten beruht. Quelle: Bert Bostelmann für Handelsblatt
Thomas Mayer

Der frühere Deutsche Bank-Chefvolkswirt leitet heute eine Denkfabrik des Vermögensverwalter Flossbach von Storch. Er hat große Zweifel am bisherigen Geldsystem, das auf Krediten beruht.

(Foto: Bert Bostelmann für Handelsblatt)

Herr Mayer, EZB-Chef Mario Draghi hat so genanntes Helikoptergeld als interessantes Konzept bezeichnet. Ist es wirklich realistisch, dass die EZB irgendwann jedem Bürger im Euroraum einen Scheck über 3000 Euro ausstellt?
Die Diskussion über Helikoptergeld zeigt, dass unser bisheriges Geldsystem schwere Probleme hat. Ich habe große Zweifel, ob es dauerhaft lebensfähig ist. Helikoptergeld zu verteilen wäre der Versuch eines Systemwechsels durch die Notenbank – weg vom Kreditgeld, hin zu einem Geldsystem, das sich auf Reputation stützt. 

Das müssen Sie erklären.
Im Kreditgeldsystem wird das Geld durch Forderungen erzeugt. Wenn ich einen Kredit aufnehme, zahlt die Bank mir den Betrag auf dem Girokonto. Das Geld dort ist durch die Forderung gegen mich entstanden und gedeckt. Auch die EZB erzeugt Kreditgeld, indem sie den Banken Zentralbankgeld gegen Sicherheiten leiht. Das Geld ist also immer durch Forderungen gedeckt.

Helikoptergeld etwa nicht?
Nein, das ist quasi aus dem Nichts erzeugtes Geld. Es wird nicht gegen eine neue Forderung produziert. Ich nenne das Reputationsgeld, weil sein Wert ganz allein davon abhängt, ob ich als Nutzer erwarte, das Geld gegen andere Dinge eintauschen zu können. Auch Gold ist Reputationsgeld.

Sind normale Geldscheine nicht auch Reputationsgeld?
Zumindest sind sie kein reines Reputationsgeld, wie ich es verstehe, weil sie mit Forderungen unterlegt sind. Schauen Sie auf die EZB: Auch die Geldscheine sind durch Forderungen an die Banken gedeckt. Wenn eine Bank Bargeld von der EZB braucht, weil ihre Kunden beispielsweise Kontoguthaben dagegen eintauschen wollen, kann sie es von der EZB leihen oder sie verkauft ihr eine andere Forderung, etwa eine Staatsanleihe. Das ist ein Kreditgeldsystem.

Und es funktioniert.
Nur bis zu einem bestimmten Punkt. Die Banken sind zu schwach, um im großen Stil neue Kredit zu vergeben, und die Staaten, Haushalte und Unternehmen sind zu hoch verschuldet, um noch viel mehr neue Schulden aufzunehmen. Aber ohne Kreditwachstum wachsen in einem Kreditgeldsystem Geldmenge und Wirtschaft nicht – es gibt keine Inflation. Da helfen auch keine Null- und Negativzinsen. Stattdessen schaffen die Zentralbanken mit ihrer Geldpolitik nur neue Blasen an den Finanzmärkten.

Reputationsgeld passt nicht zu Inflationszielen
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39 Kommentare zu "Thomas Mayer zu Helikoptergeld: „Ich habe große Zweifel an unserem Geldsystem“"

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  • WENN MAN DOCH NUR WÜSSTE WAS GELD IST!!!
    Im Wirtschaftsleben ist Geld dazu da, damit Güter und Dienstleistungen vom Anbieter zum Nachfrager übergehen können. Es ist also Zirkulationsmittel. Volkstümlich: Der Rubel muss rollen.
    Nun ist alles ganz einfach. Alles spekulative, d. h. nicht zur Zirkulation von Gütern und Dienstleistungen erforderliche Geld nebst einer kleinen Reserve von ca. 20 Prozent der Weltwirtschaftsleistung, rund 150 Billionen Dollar, muss nur noch eingezogen werden. Man könnte sogar eine zinslose Eigentumsgarantie mit Rückzahlung in 80 Jahren geben. Dann wären auch die meisten Erben nicht mehr da.
    Der Tanz ums goldene Kalb hört doch nimmer auf.

  • @Ralph S
    http://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur/draghi-weist-deutsche-kritik-zurueck-wir-folgen-dem-gesetz-nicht-politikern/13481640.html

  • Ich muss Ihnen da auch widersprechen. Das Handeln der EZB mit Unabhängigkeit ist reine Augenwischerei (das so darzustellen lernt man vielleicht auf der franz. Schule für den Wirtschaftskrieg). Die Unabhängigkeit der EZB beinhaltet, dass sie unabhängig in der Geldpolitik ist, und die Politik da nicht ihre wirtschaftspolitischen Interessen einbringen können.

    Die Unabhängigkeit der EZB besteht nicht darin, sich für die Wirtschafstpolitik ein eigenes Mandat zu geben. Und es stimmt nicht, Herr Draghi lügt nicht mal in sich konsistent. Er sagte die EZB handele wie andere große Notenbanken. Diese, wie z.B. die Fed haben ein ganz anderes Mandat! Die Fed soll sich auch um die Wirtschaft kümmern.

    Die Gesetze für die EZB sind das Verbot einer Staatsfinanzierung aus der Notenpresse, das bail-out-Verbot und die Orientierung an der Geldwertstabilität. Stabil heisst aber eben stabil, das angebliche 2%-Inflationsziel ist schon der 1. Bruch. Wenn so eine Definition möglich wäre, warum kann die EZB dann nicht unabhängig sagen, 20% Inflation sind stabil? Zudem sagte Herr Draghi selbst vor einiger Zeit, dass keine Deflation droht. damit fällt die Begründung für die 2% schon weg. Die wurden nur definiert um einen angeblichen Sicherheitsabstand zur Deflation zu haben. Die aktuelle Situation kann aber keine wirtschaftsschädigende Wirkung haben (im Gegenteil), weil die Energiepreise in diesem Jahr gar nicht mehr so sinken können, wie letztes Jahr!

    Und es stimmt auch nicht, dass er den deutschen Staat entlastet, seine Niedrigzinsen bedeuten zwar niedrigen Zinszahlungen, aber eben auch den Zusammenbruch der Kapitalertragsteuer! Also, unterm Strich macht der deutsche Staat hier Verlust!

  • 14:01 Uhr
    EU-Finanzminister
    Sondertreffen zu griechischer Schuldenkrise geplant, das schafft dann das nötige Vertrauen in den EURO !

  • Die Kritik an der EZB ist völlig berechtigt. Die Politik des Herrn Draghi ist keinesfalls unabhängig, sondern dient hauptsächlich den Südländern. Er betreibt damit Lobbypolitik. Da kann die Unabhängigkeit gar nicht unterminiert werden. Es ist auch nicht möglich im Eurosystem die richtige Geldpolitik zu betreiben, weil der Euro schon von haus aus falsch angelegt war. Aber die Erfolge, die Herr Draghi angeblich erreichen will, kann er mit seiner Politik nicht erreichen. Er betreibt eindeutig Staatsfinanzierung, was er aber nicht sagen darf, da es ihm verboten ist. Nebenbei wird durch die Nullzinspolitik und den exorbitanten Anleihekäufen eine gigantische Fehlallokation von Kapital losgetreten. Das ist für keine Wirtschaft gut. Vor noch nicht langer Zeit wurde behauptet, die EZB kaufe den Staaten Zeit, damit sie ihre Probleme in den Griff bekommen. Die Zeit liegt jetzt nutzlos rum und die Länder sind nicht willens oder in der Lage ihre Probleme zu lösen. Lieber beschwichtigen sie ihre Bürger, in dem sie immer mehr Schulden machen. Wie kann da die Kritik unangemessen und vollkommen unangebracht sein?

  • Die nur aus Deutschland kommende Kritik an der EZB ist für mich nicht nachzuvollziehen, unangemessen und auch vollkommen unangebracht da sie die Unabhängigkeit einer Notenbank und den Grundsatz der Eigenständigkeit der EZB unterminiert. Die EZB muss die gesamte Eurozone im Blick haben und nicht nur Politik machen für den Musterschüler.

    Im Übrigen, kommt die Politik von Signore Draghi auch Deutschland und dem deutschen Steuerzahler beim Deleveraging der Staatsschulden zugute. Gelder die vorher für ihn bei Ausgaben u.a. für soziales Gedöns und sonstige Wahlversprechen über Kredite finanziert wurden. Und den abhängig Beschäftigten deutschen Lohnsklaven in der Export-Industrie, wenn sie dank (relativ) niedrigen Euro ihre Jobs behalten dürfen. Kritik an alledem zeugt von Unwissenheit und ist im höchsten Maße unerfreulich.

    Außerdem wird ja niemand gezwungen sein Geld in Zinsprodukte zu investieren. Es gibt mit Sachwerten und Produktivkapital/vermögen wie Aktien und Immobilien etc. genügend Alternativen mit lukrativeren Renditen.

  • Die nur aus Deutschland kommende Kritik an der EZB für mich nicht nachzuvollziehen, unangemessen und auch vollkommen unangebracht da sie die Unabhängig einer Notenbank und den Grundsatz der Eigenständigkeit der EZB unterminiert. Die EZB muss die gesamte Eurozone im Blick haben und nicht nur Politik machen für den Musterschüler.

    Im Übrigen, kommt die Politik von Signore Draghi auch Deutschland und dem deutschen Steuerzahler beim Deleveraging der Staatsschulden zugute. Gelder die vorher für ihn bei Ausgaben u.a. für soziales Gedöns und sonstige Wahlversprechen über Kredite finanziert wurden. Und den abhängig Beschäftigten deutschen Lohnsklaven in der Export-Industrie, wenn sie dank (relativ) niedrigen Euro ihre Jobs behalten dürfen. Kritik an alledem zeugt von Unwissenheit und ist im höchsten Maße unerfreulich.

    Außerdem wird ja niemand gezwungen sein Geld in Zinsprodukte zu investieren. Es gibt mit Sachwerten und Produktivkapital/vermögen wie Aktien und Immobilien etc. genügend Alternativen mit lukrativeren Renditen.

  • "..Wer dagegen sein wertloses Geld gegen Sachwerte, wie Immobilien, Aktien und Gold eingetausch.."

    So wertlos scheit Ihr Geld (noch) nicht zu sein!
    Wäre dem so, bekämen Sie dafür keinen "Sachwert" :-)

  • @ Danneberg usw: FYI

    http://de.reuters.com/article/ezb-draghi-helikoptergeld-idDEKCN0XI1T1

  • Herr Spiegel und Frau Pimke: Es ist für einige Leute halt interessant, sich hier über im Artikel angesprochene Themen auszutauschen. Manche Menschen diskutieren gerne Politik und Wirtschaft, ist doch völlig normal. Warum soll bei denen was schief laufen? Also für mich deutet es eher auf ein Persönlichkeitsdefizit hin, wenn Leute sich über die Diskussions- und Kommunikationsbereitschaft anderer Menschen mokieren. Wenn Sie lieber immer arbeiten und sich im Privatleben verwirklichen, tun Sie das doch einfach!

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