US-Notenbank
Furchtlose Pragmatiker

Angelsächsische Notenbanker haben keine große Angst vor Inflation - und auch nicht vor hohen Staatsschulden. Mit ihrer pragmatischen Art unterscheiden sie sich deutlich von der Tradition der Bundesbank.
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FrankfurtMario Draghi hat seine höheren akademischen Weihen am Massachusetts Institute of Technologie (MIT) in den USA erworben und einen Großteil seiner Karriere entweder bei internationalen Organisationen in Washington beziehungsweise der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs verbracht. Sein Gedankengut ist von der angelsächsischen Schule der Geldpolitik geprägt, die gerne als pragmatisch charakterisiert wird. In dieser Kultur gibt es nicht die eisernen Grundsätze, für die die Bundesbank steht. Was kurzfristig nötig oder sinnvoll erscheint, wird gemacht. Um die fernere Zukunft kümmert man sich, wenn es so weit ist.

Ein berühmtes Beispiel dafür ist die Einschätzung, die der langjährige amerikanische Notenbankpräsident Alan Greenspan offensiv vertreten hat: Eine Notenbank sollte nicht versuchen, etwas gegen Preisblasen an den Vermögensmärkten zu tun, weil dies zu teuer sei. Sie solle vielmehr alles in ihrer Macht Stehende tun, um den Schaden möglichst klein zu halten, wenn die Blase platzt und die Preise fallen. Dieser Philosophie folgte Greenspan nach dem Platzen der New-Economy-Blase – und so hat die Federal Reserve (Fed) durch sehr lockere Geldpolitik mit dazu beigetragen, dass eine neue Blase am Immobilienmarkt entstand. Als diese zerplatzte, begann die derzeitige Finanzkrise.

Trotzdem hat sich Greenspans Nachfolger Ben Bernanke bisher noch nicht wirklich von der pragmatischen Haltung distanziert. Das zeigt sich etwa dann, wenn es darum geht, mehr Geld in Umlauf zu bringen, indem die Federal Reserve den Banken und Haushalten deren Wertpapiere abkauft.

Während der im Mai 2010 gestartete Kauf von Staatsanleihen im Volumen von inzwischen knapp 220 Milliarden Euro durch die Europäische Zentralbank (EZB) Anlass für heftigen Streit in Europa war, kaufte die Notenbank in den USA ungefähr fünfmal so viele Staatsanleihen auf, ohne dass es darüber eine größere Diskussion gab. Die Bank von England erwarb sogar – relativ zur Größe der britischen Volkswirtschaft – noch deutlich mehr Anleihen.

Schuldenmachen, sei es durch den Staat oder durch private Haushalte, ist im angelsächsischen Raum nichts Anrüchiges. Entsprechend gilt es nicht als Frevel, wenn die Notenbank das begünstigt. Ungefragt wird sich die US-Notenbank nicht zur Finanzpolitik äußern, während die EZB dies regelmäßig tut und dabei nachdrücklich auf Defizitabbau drängt. Gleichzeitig gibt es in den USA keine öffentlichen Kämpfe um die Wahrung der Unabhängigkeit der Notenbank. Man stimmt sich im Hintergrund ab, zumeist völlig geräuschlos.

Auch die Sorge, dass das viele zusätzliche Geld später zu hoher Inflation führen wird, treibt Angelsachsen nicht allzu sehr um. Einerseits finden sie eine etwas erhöhte Inflation nicht allzu schlimm – und auch nicht schlimmer als eine etwas zu niedrige. Zum anderen hat die US-Notenbank neben der Inflationssteuerung gleichberechtigt noch das zweite Ziel, für einen hohen Beschäftigungsstand zu sorgen. Wenn die beiden Ziele in Konflikt stehen, dann wird eben ein Kompromiss angestrebt. „Wir sind keine Absolutisten“, hat Bernanke dies jüngst auf den Punkt gebracht.

Getreu ihrer pragmatischen Grundeinstellung versichert die Federal Reserve, sie werde schon rechtzeitig die Kurve bekommen und dafür sorgen, dass das viele Geld, das sie über ihre Wertpapierkäufe in Umlauf gebracht hat, keine Risiken für die Weltwirtschaft berge. Die tonangebenden US-Ökonomen sind ebenfalls sorglos – sowie in den Jahren vor der Lehman-Pleite.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

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